Fünfzehn Stunden bezahlte Arbeit pro Woche: genug, um gut zu leben. Die restliche Zeit würde uns gehören. Je nachdem, wie wir sie verteilen, könnten wir am Dienstagmittag mit der Arbeitswoche durch sein.
John Maynard Keynes hielt eine solche Zukunft für möglich. Was ihn beunruhigte, war der Dienstagnachmittag.

Als er 1930 darüber schrieb, steckte die Welt in einer tiefen Wirtschaftskrise. Keynes blickte hundert Jahre voraus. Maschinen und wachsender Wohlstand könnten die Menschen eines Tages davon befreien, den Großteil ihres Lebens für den Lebensunterhalt zu arbeiten. Zeit, an der es sonst immer mangelte, wäre plötzlich reichlich vorhanden. Nur waren wir seiner Ansicht nach auf diesen Zustand denkbar schlecht vorbereitet.
Über Generationen hatten Menschen gelernt, ihren Lebensunterhalt zu sichern. Aber wie lebt man, wenn das nicht mehr den ganzen Tag beansprucht?
Keynes nannte seinen Essay „Economic Possibilities for our Grandchildren“, auf Deutsch: die wirtschaftlichen Möglichkeiten unserer Enkel. Die Enkel sind wir. Bis 2030 bleiben vier Jahre.
Die Fünfzehn-Stunden-Woche lässt allerdings auf sich warten. Vollzeitbeschäftigte in Deutschland arbeiteten 2025 im Schnitt 39,9 Stunden pro Woche. Der Dienstagnachmittag ist also vorerst gerettet. Doch mit jeder Aufgabe, die eine KI schneller erledigt, landet ein kleines Stück von Keynes’ Zukunft auf unserem Schreibtisch. Und damit seine Frage: Was machen wir mit der Zeit, die wir gewinnen?
Was Keynes eigentlich gefragt hat
Keynes wird gerne dort zitiert, wo er rechnet. Er hielt es für möglich, dass der Lebensstandard in fortgeschrittenen Ländern innerhalb von hundert Jahren auf das Vier- bis Achtfache steigen würde. Dann müsste niemand mehr den Großteil seines Lebens damit verbringen, seinen Lebensunterhalt zu sichern. Beim Wohlstand lag er zumindest in der Größenordnung richtig: In der Schweiz hat sich das reale Pro-Kopf-Einkommen seit 1930 etwa versechsfacht. Die Arbeitszeit hat sich von dieser Rechnung weniger beeindrucken lassen.
Der ungewöhnlichere Teil des Essays beginnt dort, wo die Rechnung aufgeht. Gewohnheiten, Instinkte und Tagesabläufe, schreibt Keynes, hätten sich über Generationen um die Sicherung des Lebensunterhalts gebildet. Was geschieht, wenn dieser Zweck seine beherrschende Stellung verliert? Wir hätten dann viel Zeit und eine gründliche Ausbildung für den Fall, dass wir noch Arbeit haben.
Zum ersten Mal stehe der Mensch vor seinem eigentlichen, dauerhaften Problem: die Freiheit von drängenden wirtschaftlichen Sorgen so zu nutzen, dass er weise, angenehm und gut leben kann. Keynes spricht von „dem Menschen“. Vor Augen hat er dabei erkennbar den Menschen der Industriegesellschaft, dessen Leben sich um die Erwerbsarbeit dreht.
Als Anschauungsmaterial dienen ihm jene, die bereits über genug Geld und Zeit verfügen. Die Wohlhabenden müssten eigentlich vorführen können, wie das gute Leben geht. Doch die meisten, urteilt Keynes, seien daran katastrophal gescheitert. Offenbar ließe sich die Kunst des Lebens auch mit einem gesicherten Einkommen nicht einfach erwerben.
Besonders anschaulich wird er bei den Ehefrauen der Wohlhabenden. Ihr Reichtum habe sie ihrer traditionellen Aufgaben beraubt. Kochen, Putzen und Flicken fänden sie ohne wirtschaftlichen Zwang nicht unterhaltsam genug; etwas Unterhaltsameres fänden sie allerdings auch nicht. Keynes nennt das einen „nervous breakdown“ und sieht darin einen Vorgeschmack auf das, was uns allen bevorstehen könnte.
An dieser Stelle würde man gerne kurz in die Küche schauen. Das Essen dürfte sich kaum selbst gekocht haben. Keynes sieht die Frauen, denen die Hausarbeit abgenommen wurde. Wer sie nun erledigt, bleibt außerhalb des Bildes. Vermutlich sind es Hausangestellte. Seine Fünfzehn-Stunden-Woche beschreibt vor allem die Arbeit zur Sicherung des Lebensunterhalts. Für das unbezahlte Versorgen, Erziehen und Pflegen stellt er keine vergleichbare Rechnung auf. Hausarbeit kommt im Essay vor, erhält aber keinen eigenen Platz in seiner Zukunftsbilanz.
Trotz dieser Grenze ist bemerkenswert, worüber hier ein Ökonom mitten in der Weltwirtschaftskrise nachdenkt: Menschen könnten die Kunst des Lebens lernen. Keynes empfiehlt, sie zu pflegen und mit ihr zu experimentieren. Maschinen und Kapital sollen die Voraussetzungen schaffen. Leben müssten wir dann schon selbst.
Zeit ohne Halt
Drei Jahre später erschien eine Studie über einen Ort, an dem es plötzlich sehr viel Zeit gab.
In Marienthal bei Wien war 1929/30 die große Textilfabrik geschlossen worden, die das Leben der Gemeinde bestimmte. Ein Forschungsteam um Marie Jahoda, Paul Lazarsfeld und Hans Zeisel untersuchte, was mit einem Ort geschieht, dem die Erwerbsarbeit abhandenkommt.
Die ForscherInnen beobachteten den Alltag, sammelten Aufzeichnungen und maßen vom Fenster aus, wie schnell die Menschen durch die Straßen gingen. Viele Männer blieben immer wieder stehen. Von hundert Männern trugen achtundachtzig keine Uhr bei sich. In den Tagesaufzeichnungen dominierte das Nichtstun. Die Zeit war reichlich vorhanden, aber sie verlor ihren Halt.
Bei den Frauen sah der Tag anders aus. Sie kochten, wuschen, nähten und brachten die Kinder zur Schule. Ihr Alltag behielt Aufgaben und Orientierungspunkte. Die Fabrik schloss, der Haushalt lief weiter. Was in Keynes’ Zukunftsrechnung keinen eigenen Platz hatte, bestimmte hier weiterhin den Tag: Während viele Männer ihre Tagesstruktur verloren, blieb den Frauen die unbezahlte Arbeit.
Wer nur Erwerbsarbeitsstunden zählt, erfährt deshalb noch nicht, wie viel Zeit Menschen für sich gewinnen. Trotzdem wollten auch die Frauen zurück in die Fabrik. Sie vermissten mehr als den Lohn. Die Erwerbsarbeit hatte ihren Lebensraum erweitert und ihnen Kontakte gegeben, die nun fehlten. Der Haushalt gab dem Tag einen Takt. Diese Erfahrungen konnte er ihnen nicht ersetzen.
Marienthal widerlegt die Idee kürzerer Arbeitszeiten nicht. Die Menschen verloren Einkommen und Aufgaben; Keynes dachte an Muße unter wirtschaftlich abgesicherten Bedingungen. Marie Jahoda schrieb Jahrzehnte später ausdrücklich, die psychologischen Vorteile von Erwerbstätigkeit seien weder an einen Achtstundentag noch an eine Vierzigstundenwoche gebunden.
Die Beobachtungen machen jedoch deutlich, wie viel an der Frage hängt: Wie wird gewonnene Zeit zu einer Freiheit, in der Menschen Beziehungen, eigene Vorhaben und gemeinsame Aufgaben finden?
Wann ist genug eigentlich genug?
Auch an einer anderen Stelle braucht Keynes’ Zukunft eine genauere Rechnung. Seine Geschichte des britischen Kapitalwachstums beginnt mit dem Schatz, den Francis Drake den Spaniern abnahm, und führt über die Levant Company und die East India Company. Die Kosten dieser Reichtumsbildung in den Kolonien führt er nicht mit. Hinter dem Wohlstand, der einigen Menschen Zeit verschafft, steht die Arbeit anderer. In der Küche wie im Empire lohnt sich also die Frage, wer in der Rechnung fehlt.
Wessen Zeit wird frei? Wer trägt weiterhin die Arbeit? Und wer entscheidet darüber?
Selbst wenn diese Fragen geklärt wären, bliebe noch eine: Wann haben wir genug? Keynes hat dafür einen Hinweis hinterlassen, der sich liest wie eine Erklärung, weshalb wachsender Wohlstand die Arbeitswoche nicht von selbst verkürzt.
Er unterscheidet zwischen absoluten und relativen Bedürfnissen. Die einen empfinden wir unabhängig davon, wie andere leben. Die anderen entstehen im Vergleich: Ihre Befriedigung soll uns über andere hinausheben. Man kann satt sein. Beim Besser-dastehen ist das schwieriger. Kaum hat man aufgeholt, hat jemand angebaut.
Solche Bedürfnisse können unersättlich sein. Wenn der allgemeine Wohlstand wächst, steigt die Messlatte mit. Und mit ihr der Aufwand, sie zu erreichen. Wer sich am Lebensstandard anderer orientiert, findet immer wieder etwas, für das sich weiteres Arbeiten lohnt. Das liest sich, als habe Keynes diesen Mechanismus gekannt. Dennoch setzte er darauf, dass Menschen nach der Befriedigung ihrer grundlegenden Bedürfnisse ihre Energie zunehmend anderen Dingen zuwenden würden. Er traute uns zu, irgendwann genug zu haben. Auch das war eine optimistische Prognose.
Heute ist der Wunsch nach weniger Erwerbsarbeit jedenfalls nicht einheitlich. Nach den Erstergebnissen des Mikrozensus wollten 2025 in Deutschland 3,8 Millionen Erwerbstätige ihre Arbeitszeit reduzieren, während 1,5 Millionen länger arbeiten wollten. Die einen wünschten sich im Durchschnitt zehneinhalb Stunden weniger, die anderen ebenso viele Stunden mehr. Über alle Erwerbstätigen gerechnet ergäbe die Erfüllung sämtlicher Wünsche eine Verkürzung um 36 Minuten pro Woche. Bis zum freien Dienstagnachmittag wäre es noch ein Stück.
Allerdings hatte diese Frage einen entscheidenden Zusatz: Die Befragten sollten berücksichtigen, dass weniger Arbeit auch weniger Verdienst bedeutet. Das Einkommen saß gewissermaßen mit am Tisch. Die Zahlen zeigen Arbeitszeitwünsche unter den bestehenden Einkommensbedingungen. Sie sagen wenig darüber aus, wie Menschen entscheiden würden, wenn Produktivitätsgewinne kürzere Arbeitszeiten bei gesichertem Einkommen ermöglichten. Ebenso wenig beantworten sie Keynes’ Frage, was Menschen mit zusätzlicher freier Zeit anfangen könnten.
Ob Zeit frei werden kann, ob Menschen sie sich leisten können und ob sie sie wollen, sind verschiedene Fragen. Mit KI werden sie nun im Arbeitsalltag verhandelt, oft schon bevor jemand bemerkt hat, dass gerade eine Verhandlung stattfindet.
Die Zeit ist gespart. Wem gehört sie jetzt?

Eine Recherche dauert weniger lange. Ein Programm ist schneller geschrieben. Der erste Entwurf liegt nach Minuten vor. Die Aufgabe ist erledigt, auf der Uhr ist noch Platz. Was geschieht mit der übrigen Zeit?
Zwei Fälle aus dem „Enterprise AI Playbook“ des Stanford Digital Economy Lab zeigen, wie unterschiedlich die Antwort ausfallen kann. In einem EdTech-Unternehmen sparten EntwicklerInnen mit KI-Werkzeugen zunächst zwanzig bis dreißig Prozent Zeit und Aufwand. Der technische Leiter setzte sich gegen den Druck der Geschäftsführung und des Finanzinvestors durch. Die gewonnene Kapazität floss in schnellere Produktentwicklung. Im Engineering gab es keinen Stellenabbau.
In einem anderen Unternehmen aus dem Portfolio eines Finanzinvestors wurde ein Produktivitätsgewinn von achtundachtzig Prozent beim Programmieren berichtet. Das Entwicklungsteam schrumpfte von sieben auf drei Personen.
Die Bedingungen und die berichteten Gewinne unterscheiden sich. Die Fälle sind kein sauberer Direktvergleich. Sie zeigen aber, dass die Technik den Verwendungszweck der gewonnenen Zeit nicht mitliefert. Darüber entscheiden Menschen mit unterschiedlichen Interessen und unterschiedlicher Macht.
Aus schneller erledigter Arbeit kann mehr Output werden. Es kann Raum entstehen, um die Qualität zu verbessern, etwas zu lernen oder die Belastung zu senken. Es können Stellen entfallen. Wer eine Aufgabe beschleunigt, verfügt deshalb noch lange nicht über die gewonnene Zeit. Die Software hat keinen freien Nachmittag zugesagt.
Manchmal bleibt sogar unklar, wo die Ersparnis geblieben ist. ÖkonomInnen der Bank of Korea fanden in einer Befragung eine durchschnittliche Zeitersparnis durch generative KI von etwa anderthalb Stunden pro Arbeitswoche. Ein Zusammenhang zwischen gesparter Zeit und dem selbstberichteten Arbeitsergebnis ließ sich nicht feststellen. Die AutorInnen vermuten, dass es vielen Beschäftigten an Spielraum und Anreizen fehlt, die Zeit anders einzusetzen. Diese Erklärung wurde in der Befragung nicht direkt getestet. Die Stunde ist also rechnerisch gewonnen; was sich mit ihr anfangen lässt, steht auf einem anderen Blatt.
Damit sitzt Keynes’ Jahrhundertfrage mitten in unserem Arbeitstag. Sobald eine Aufgabe schneller erledigt ist, wird über ein Stück dieser Zukunft entschieden.
Uns beschäftigt das seit Langem. 2016 haben wir ein bedingungsloses Lernguthaben vorgeschlagen: ein Bildungskonto, über das die Lernenden selbst verfügen. 2024 haben wir mit Keynes gefragt, ob wir gelernt haben, mit neu gewonnener Zeit sinnvoll umzugehen. Heute wird immer deutlicher, wie eng diese Frage mit den Bedingungen zusammenhängt, unter denen Menschen arbeiten und lernen.
Wie wenige von uns singen können
Bleiben wir einen Moment bei der gewonnenen Stunde. Jemand ist früher fertig und sieht ein Problem, das seit Monaten liegen bleibt. Es wäre endlich Zeit, genauer hinzuschauen. Vielleicht müsste die Person etwas Neues lernen, KollegInnen dazuholen oder eine Vorgehensweise infrage stellen, die im Betrieb längst zum Inventar gehört.
Dafür braucht sie ein eigenes Urteil: Was lohnt sich zu untersuchen? Welche Auskünfte sind verlässlich? Welche Folgen hätte eine Veränderung? Im Umgang mit KI gehört dazu, sich etwas erklären zu lassen, Antworten zu prüfen und zu entscheiden, welche Verantwortung bei einem selbst bleibt. Wir nennen das Denken lernen.
Dabei gibt es einen Haken, den wir im August beschrieben haben: Jede Stufe im Umgang mit KI verlangt mehr Urteilsvermögen als die vorherige. Dieses Urteilsvermögen entsteht ausgerechnet in der Arbeit, die KI heute übernimmt: im ersten Entwurf, in der eigenen Recherche, im selbst gefundenen Fehler. Wer sie von Anfang an abgibt, spart Zeit und verliert womöglich die Erfahrung, ein Ergebnis später zu beurteilen. Wir sollen die Arbeit kontrollieren, an der wir das Kontrollieren erst lernen müssten. (Der perfekte Prompt reicht nicht mehr)
Doch selbst eine kompetente Person kann an ihrem Umfeld scheitern. Wenn auf die früh erledigte Aufgabe sofort drei neue folgen, ist die Stunde schon wieder verplant. Wenn eine Rückfrage als Schwäche gilt, bleibt sie womöglich unausgesprochen. Und wenn Lernen nur für jene vorgesehen ist, denen vermeintlich etwas fehlt, geraten ausgerechnet die Menschen aus dem Blick, die über Ziele und Ressourcen entscheiden. Als wäre mit der Beförderung auch die Bildung abgeschlossen.
Hinzu kommen ganz greifbare Voraussetzungen: Zeit, über die jemand verfügen kann. Geld für eine Weiterbildung. Zugang zu anderen Menschen und ihrem Wissen. Ein Ort, an dem sich etwas ausprobieren lässt. Das kann im Betrieb beginnen und in einer Bibliothek, einem offenen Lernraum oder einem gemeinsamen Projekt weitergehen.
Kompetenz entsteht in diesem Zusammenspiel. Menschen entwickeln Fähigkeiten, eine Kultur ermöglicht ihre Anwendung, und Infrastruktur macht Lernen und Beteiligung praktisch erreichbar. Fehlt eines davon, landet die Verantwortung leicht bei den Einzelnen. Die sollen dann aus eigener Kraft herstellen, wofür ihnen Zeit, Zugang oder Erlaubnis fehlen.
Daraus folgt kein Auftrag, jede freie Stunde einem Verwendungsnachweis zu unterziehen. Erholung gehört zu einem guten Leben. Entscheidend ist, ob Menschen überhaupt über Möglichkeiten verfügen, ihre Zeit selbst zu gestalten, sich weiterzuentwickeln und Einfluss auf gemeinsame Entscheidungen zu nehmen.
Keynes findet dafür ein eigentümliches Bild. Er zitiert die Grabinschrift einer alten Putzfrau, die sich den Himmel als ewiges Nichtstun vorstellt. Musik und Psalmen werden erklingen; sie selbst werde mit dem Singen nichts zu tun haben. Selbst im Jenseits möchte sie endlich einmal nicht zuständig sein.
Keynes hält dagegen: Erträglich werde das Leben für jene, die beim Singen mitmachen. Dann seufzt er darüber, wie wenige von uns singen können.
Unser Widerspruch beginnt bei diesem Seufzer. Singen lässt sich lernen. Menschen brauchen Gelegenheit, eine eigene Stimme zu entwickeln, andere zu hören und gemeinsam etwas zu versuchen. Ob sie diese Gelegenheit bekommen, ist eine gesellschaftliche Gestaltungsfrage. Wer einen Chor möchte, muss auch Proben ermöglichen.
Was sich schon ausprobieren lässt
Wir müssen dafür nicht bei null anfangen. Es gibt Erfahrungen, an denen sich weiterarbeiten lässt. Sogar in Marienthal. Dort lief von 2020 bis 2024 ein Modellprojekt mit einer Jobgarantie für Langzeitarbeitslose. Fast neunzig Jahre nach der Untersuchung des Arbeitsverlusts wurde am selben Ort erprobt, wie Menschen wieder Zugang zu bezahlter Arbeit bekommen können. Ein Ort, der für eine Diagnose berühmt wurde, wurde zum Ort eines Versuchs.
Andere Ansätze setzen an anderen Stellen an. Alaska zahlt seit 1982 eine jährliche Dividende aus einem Rohstofffonds und bietet damit einen Bezugspunkt für die Diskussion über eine KI-Dividende. Frankreich führte ein persönliches Weiterbildungskonto ein. Bibliotheken wie Oodi in Helsinki oder DOKK1 in Aarhus schaffen öffentlich zugängliche, attraktive Orte für Begegnung und Lernen.
Keines dieser Beispiele beantwortet sämtliche Fragen. Sie haben Voraussetzungen, Grenzen und berechtigte Gegenargumente. Aber man kann an ihnen etwas untersuchen, vergleichen und verändern. Sie geben der Debatte Erfahrungen, die eine Zukunftsprognose allein nicht liefern kann.
Auch der Achtstundentag, das freie Wochenende, die Rente und das Frauenwahlrecht wurden einmal als unrealistische Forderungen behandelt. Daraus folgt keine Erfolgsgarantie für die nächste Veränderung. Es erinnert aber daran, dass unser heutiger Alltag einiges enthält, das nach damaliger Einschätzung gar nicht gehen konnte.
Die Antwort der Enkel
Im Oktober 2030 wird Keynes’ Essay hundert Jahre alt. Wir finden, die Enkel sollten dann etwas zu berichten haben. Für eine weitere Jubiläumsrede über die ausgebliebene Fünfzehn-Stunden-Woche wäre zwar gesorgt. Interessanter wäre eine Bilanz dessen, was wir versucht und gelernt haben.
Wer hat Zeit gewonnen? Wer trägt weiterhin die Last? Welche Möglichkeiten sind entstanden, gut zu leben, zu lernen und beizutragen?
Ein Programm bis 2030
Dafür haben wir ein Programm entworfen, an dem wir mit PartnerInnen aus unserem Netzwerk arbeiten. Öffentliche Gespräche sollen Möglichkeiten und Einwände zusammenbringen. ExpertInnen stellen eine konkrete Zukunftsidee vor, eine zweite Stimme hält dagegen. Die Idee muss etwas aushalten können. Gemeinsam wäre zu klären, was sich bis wann prüfen und erproben ließe.
Werkstätten vor Ort sollen daran anschließen. Dort können Menschen untersuchen, was die Ideen für ihren Betrieb, ihre Region oder ihre Stadt bedeuten. Welche Arbeit soll bleiben? Wo könnte Entlastung entstehen? Welche Lernmöglichkeiten und Begegnungsorte fehlen? Wie lassen sich gewonnene Zeit und gesellschaftliche Beteiligung miteinander verbinden?
So könnte bis 2030 eine Antwort wachsen, die sich auf Erfahrungen stützt. Wir würden sehen, was trägt, was gescheitert ist und was verändert werden muss.
Für die erste Phase suchen wir FördererInnen und AuftraggeberInnen in Stiftungen, Ministerien, Kammern und Bildungseinrichtungen, die diese Frage für ihre Zielgruppen öffnen und praktische Erprobung ermöglichen wollen. Im eigenen Haus kann der Einstieg mit einem Vortrag beginnen: über Keynes, über KI und darüber, was Kompetenz heißt, wenn Zeit frei wird.
Keynes hat uns hundert Jahre gegeben. Vier Jahre sind noch übrig. Über die nächste freie Stunde entscheiden wir schon heute.
Quellen
- John Maynard Keynes: Economic Possibilities for our Grandchildren. The Nation and Athenaeum, 11. und 18. Oktober 1930. Nachdruck in: Essays in Persuasion, New York: W. W. Norton 1963, S. 358–373. Text bei HET
- Marie Jahoda, Paul F. Lazarsfeld, Hans Zeisel: Die Arbeitslosen von Marienthal. Leipzig: Hirzel 1933. Zitiert nach der 28. Auflage, Frankfurt: Suhrkamp 2021, Kapitel „Die Zeit“.
- Marie Jahoda: Wieviel Arbeit braucht der Mensch? Arbeit und Arbeitslosigkeit im 20. Jahrhundert. Weinheim und Basel: Beltz 1983 (Originalausgabe: Employment and Unemployment, Cambridge University Press 1982).
- Elisa Pereira, Alvin Wang Graylin, Erik Brynjolfsson: The Enterprise AI Playbook: Lessons from 51 Successful Deployments. Stanford Digital Economy Lab, April 2026. PDF
- Donghyun Suh, Samil Oh, Jongwon Yoon: Does AI Adoption Improve Productivity? Effects Over the First Three Years. Bank of Korea, BOK Issue Note No. 2026-12, Juni 2026.
- Statistisches Bundesamt: Pressemitteilungen zur Wochenarbeitszeit 2025 und zu den Arbeitszeitwünschen 2025.
- Astrid Harnack: Der Alaska Permanent Fund – Vorbild für eine Soziale Dividende? Vierteljahrshefte zur Wirtschaftsforschung 1/2019, doi:10.3790/vjh.88.1.49.
- OECD: MAGMA, ein Jobgarantie-Pilotprojekt.
- Eigene Beiträge: #Belgut, das bedingungslose Lernguthaben (2016); KI als Kompass (2024); Der perfekte Prompt reicht nicht mehr (24.08.2026).
