Der Anschluss, der 45 Jahre brauchte

Die Entscheidung für Kupfer statt Glasfaser 1982 zeigt, warum Kompetenz ohne passende Infrastruktur wirkungslos bleibt, damals beim Netz, heute bei KI.

Als ich den Techniker darauf ansprach, dass andere Länder bei der digitalen Infrastruktur längst weiter sind, sah er mich an und sagte: „Das ist eine verrückte Geschichte.”

Ich sagte nur: „Schwarz-Schilling?”

Er grinste. „Sie wissen es also.”

Ja. Inzwischen weiß ich es.

Je länger ich mich mit dieser Geschichte beschäftige, desto weniger überzeugt mich die Erklärung, die wir in Deutschland besonders gern bemühen: Wir seien innovationsskeptisch. German Angst. Zu vorsichtig. Zu regulierungsverliebt. Zu langsam. Andere probieren aus, wir bilden erst einmal einen Arbeitskreis.

Ganz falsch ist das nicht. Aber das erklärt nicht alles.

Manchmal hängen wir technologisch zurück, weil irgendwann ganz konkrete politische Entscheidungen getroffen wurden. Nicht aus Unwissen. Nicht unbedingt aus technischer Rückständigkeit. Sondern weil in diesem Moment etwas anderes wichtiger erschien.

Deutschland wollte einmal Glasfaser

1981 beschloss die Bundesregierung unter Helmut Schmidt den langfristigen Aufbau eines integrierten Breitband-Glasfasernetzes. Postminister Kurt Gscheidle legte einen 30-Jahres-Plan vor. Ab 1985 sollte Jahr für Jahr ein Dreißigstel des damaligen Bundesgebiets erschlossen werden. Rein rechnerisch wäre Westdeutschland 2015 durchverkabelt gewesen.

Natürlich muss man bei dieser Geschichte vorsichtig sein. Daraus folgt nicht, dass Deutschland heute flächendeckend das perfekte Glasfasernetz hätte, wäre Helmut Schmidt nur länger Kanzler geblieben. Die Technik war Anfang der achtziger Jahre noch nicht so weit. Die Enquete-Kommission des Bundestags ging 1983 davon aus, dass Glasfaser im Ortsnetz frühestens in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre wirtschaftlich einsetzbar sein würde.

Aber die Richtung war gesetzt.

Nach dem Regierungswechsel 1982 änderte sich die Priorität. Die neue Regierung unter Helmut Kohl und Postminister Christian Schwarz-Schilling setzte beim Ausbau der Ortsnetze zunächst auf Kupfer-Koaxialkabel.

Glasfaser war bekannt genug. Im Fernnetz baute die Post sie weiter aus. Das Entscheidende war etwas anderes: Mit Kupfer ließ sich schneller Kabelfernsehen verbreiten. Und damit privates Fernsehen.

Der medienpolitische Konflikt jener Jahre ist heute fast vergessen. CDU-Medienpolitiker Dieter Weirich sprach 1982 ausdrücklich davon, den Durchbruch privater Programme auch aus medien- und machtpolitischen Gründen schnell herbeiführen zu wollen. Schwarz-Schilling machte keinen Hehl daraus, dass er im privaten Fernsehen ein Gegengewicht zum aus seiner Sicht politisch links geprägten öffentlich-rechtlichen Rundfunk sah. Glasfaser dauerte ihm dafür zu lange: Die technische Infrastruktur eines Landes wurde so zum Instrument eines medienpolitischen Konflikts.

Nur war die andere Seite ebenfalls politisch

So bequem wäre die Geschichte allerdings: hier die weitsichtige SPD mit der Glasfaser, dort die rückwärtsgewandte Union mit dem Kupfer.

So war es nicht.

Auch die sozialliberale Regierung betrachtete die technische Infrastruktur durch die Brille der Medienpolitik. Helmut Schmidt hatte 1979 die geplante Breitbandverkabelung von elf Großstädten gestoppt. Er hielt privates Fernsehen für gesellschaftspolitisch problematisch. Glasfaser hatte aus Sicht der SPD deshalb durchaus einen angenehmen Nebeneffekt: Weil die Technologie noch einige Jahre bis zur Marktreife benötigen würde, gewann man Zeit bei der politischen Auseinandersetzung um den Privatfunk.

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Das ist der eigentlich interessante Teil dieser Geschichte. Beide politischen Lager wussten, dass sie über eine Infrastruktur entschieden, deren Bedeutung weit über Fernsehen hinausreichen würde. Aber beide betrachteten sie wesentlich durch den Konflikt, der gerade vor ihnen lag.

Die einen wollten Privatfernsehen schneller ermöglichen. Die anderen wollten es eher verzögern. Und irgendwo darunter verlief eine zweite Frage: Welche Kommunikationsinfrastruktur braucht dieses Land für die kommenden Jahrzehnte?

Man wusste sogar, dass man eine Zwischenlösung baute

Noch unangenehmer wird die Geschichte dadurch, dass die Risiken bekannt waren.

Schon 1982 warnte der SPD-Politiker Peter Glotz vor einer „Fehlinvestition großen Stils”, weil die Arbeit später für Glasfaser ein zweites Mal gemacht werden müsse.

Und Schwarz-Schilling selbst bezeichnete die großflächige Verkabelung kurz nach seinem Amtsantritt als technisch wahrscheinlich bereits überholt. Sein Argument war nicht, Glasfaser sei unsinnig. Sein Argument war, dass sie zu spät komme.

Das ist ein erheblicher Unterschied. Es wurde nicht unwissentlich die falsche Technologie gewählt. Es wurde eine Technologie gewählt, deren begrenzte Zukunftsfähigkeit bekannt war, weil sie ein kurzfristig wichtigeres Ziel schneller erfüllte.

Man könnte sagen: Sie war gut genug für das Problem, das gerade politisch gelöst werden sollte.

Nur blieb sie anschließend.

Und auf diese Entscheidung folgten weitere Zwischenlösungen. Jahrzehnte später holte Vectoring noch einmal erstaunliche Leistungen aus dem alten Kupfernetz heraus. Selbst staatliche Förderprogramme finanzierten FTTC-Ausbau mit. Die vorhandene Infrastruktur wurde immer wieder verbessert, verlängert, optimiert.

Technologisch ziemlich clever.

Strategisch lässt sich trotzdem fragen, wie lange man eine alte Infrastruktur optimieren sollte, bevor aus der Zwischenlösung ein Pfad wird, aus dem man nur noch mit erheblichem Aufwand herauskommt.

Eine Randnotiz, die nicht ganz zufällig wirkt

Zu dieser Geschichte gehört noch etwas, das sie nicht einfacher macht. Schwarz-Schilling kam selbst aus der Kabelwirtschaft. Bis kurz vor seinem Amtsantritt war er Geschäftsführer der Projektgesellschaft für Kabel-Kommunikation, die privaten Kabelnetzen zum Durchbruch verhelfen sollte. Die Anteile hielt die Accumulatorenfabrik Sonnenschein, das Unternehmen der Familie seiner Frau. Kurz vor der Vereidigung gingen sie an Nixdorf.

Sonnenschein war zugleich Geschäftspartner der Bundespost, belieferte sie unter anderem mit Batterien für Telefone. 1982 übernahm Marie-Luise Schwarz-Schilling die Geschäftsführung.

Das belegt einen erheblichen Interessenkonflikt im Umfeld des neuen Postministers. Es belegt nicht die einfache Korruptionsgeschichte, die sich daraus erzählen ließe: Der Liefervertrag stammte noch aus der Zeit der sozialliberalen Regierung, und einen Zusammenhang zwischen Sonnenscheins Geschäften und der Entscheidung für Kupfer hat bislang niemand nachgewiesen.

Man muss ihn auch nicht konstruieren. Bemerkenswert genug, wie eng Medienpolitik, Industrieinteressen und Infrastrukturpolitik damals verflochten waren.

Deshalb reicht mir „German Angst” nicht mehr

In den vergangenen Monaten haben wir hier mehrfach über die deutsche Zurückhaltung gegenüber Neuem geschrieben. Über Regeln. Über Sicherheitsbedürfnisse. Über eine Kultur, die Unsicherheit gern zunächst beherrschbar machen möchte, bevor sie handelt.

Diese kulturelle Ebene existiert. Deutschland weist beispielsweise eine vergleichsweise hohe Unsicherheitsvermeidung auf. Das kann erklären, warum wir Regeln, Planung und eindeutige Verfahren mögen und offene Experimente schwieriger finden.

Aber der Glasfaserfall zeigt eine zweite Ebene: Menschen handeln innerhalb von Strukturen, die längst vor ihnen entstanden sind. Welche Leitung liegt im Keller? Welches System ist beschafft, welches Budget genehmigt? Was ist der Standard, wenn niemand aktiv etwas anderes entscheidet?

Das sind keine Mindset-Fragen. Das ist Infrastruktur.

Und damit sind wir wieder bei KI-Kompetenz

Wir führen 2026 eine intensive Debatte darüber, wie Menschen „KI-kompetent” werden. Kompetenzrahmen, Prompttrainings, Zertifikate, Workshops: Unternehmen und Politik wollen ihre Beschäftigten für die Arbeit mit KI rüsten.

Nur schaut das fast immer nur auf eine Ebene, die einzelne Person. Dieselbe Person kann lernen, einen KI-Output hervorragend zu beurteilen, und trotzdem in einer Organisation arbeiten, die ihr keinen Zugriff auf geeignete Systeme gibt. Sie kann lernen, Quellen zu überprüfen, aber keine Zeit dafür bekommen. Sie kann experimentieren wollen, während Datenschutz, Beschaffung oder Führungslogik jeden Versuch im Ansatz ausbremsen.

Kompetenz hat mindestens drei Ebenen. Die einzelne Person. Die Kultur: ob Lernen erwünscht ist, ob jemand etwas ausprobieren darf, ohne das Ergebnis vorher zu kennen, ob auch eine Führungskraft sichtbar noch lernen darf. Und die Infrastruktur: ob es Zeit, Geld, Zugang und Systeme gibt, die dieses Handeln überhaupt zulassen.

Ein Prompttraining bearbeitet die erste Ebene. Für die anderen beiden braucht es andere Mittel.

45 Jahre später liegt die Leitung

Als der Techniker gestern das Glasfaserkabel durch unsere Wohnung zog, lag auf einmal ein Stück deutscher Technologiegeschichte im Flur. Eine politische Entscheidung aus der Zeit, in der Helmut Schmidt Kanzler war, Privatfernsehen als gesellschaftliche Grundsatzfrage galt und niemand von Smartphones oder generativer KI sprach, reicht bis ins Jahr 2026.

Geschichte lässt sich nicht zurückdrehen. Niemand kann seriös behaupten, Deutschland wäre heute das digitale Musterland, hätte man 1982 anders entschieden. Aber die Fragen von damals stellen sich bei der nächsten Basisinnovation wieder: Wer entscheidet, welches Netz gebaut wird? Und für wessen dringlicheres Problem?

Gestern haben wir unseren Glasfaseranschluss bekommen. 45 Jahre nach dem ersten großen Plan.

Heute haben wir leider (k)ein Foto für dich 😉

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Dieser Text gehört zu einem größeren Gedankengang: „Radikal Souverän. Warum Navigation wichtiger ist als Kontrolle“.

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