Heute Morgen saß ich im Deutschlandfunk, 82 Minuten live, “neben” Andreas Dengel vom DFKI und Oliver Suchy vom DGB. Titel der Sendung: „Zwischen Effizienz und Existenzangst”. In der Mitte lief ein Einspieler mit dem Soziologen Florian Butollo von der Uni Frankfurt, danach fasste die Moderatorin Brigitte Baetz zusammen: „Er gibt also Entwarnung, zumindest gesamtgesellschaftlich.”
An dieser Stelle hätte ich gern nachgerechnet. In einer Sendung mit drei Gästen und sechs Anrufen geht das nicht.
Vorab zum Nachhören, hier die Sendung
Ohne Nachrichten als Podcast.
Was ich in der Sendung vertreten habe
Wenn in einer Radiorunde die Frage kommt, was die Menschen denn jetzt konkret tun sollen, landet die Antwort fast immer bei derselben Adresse: Bilden Sie sich weiter, lernen Sie prompten, bleiben Sie neugierig. Beim Anfangen stimmt das. Als Antwort ist es ein Drittel, und ausgerechnet das Drittel, das die ganze Anpassungslast bei der einzelnen Person ablädt, während alles unberührt bleibt, was ihr das Lernen schwer macht.
Ich sortiere das in drei Ebenen: was die Einzelne tut, ob ihr Umfeld es überhaupt erwünscht, und ob sie Zeit, Geld und einen Ort dafür hat. Zwei davon waren im Studio besetzt. Andreas Dengel hatte die Technik und damit die erste, Oliver Suchy hatte die Regeln und damit die dritte. Über die mittlere sprach in zweiundachtzig Minuten niemand, und an ihr hängen die beiden anderen.
Die erste Ebene ist die einzelne Person, und sie ist die einzige, die man sich selbst geben kann.
Hier hilft ein Begriff, den Mihály Csíkszentmihályi geprägt hat und der in unserem Namen steckt: Flow entsteht, wenn die Anforderung etwas herausfordernder ist als das bislang vorherrschende Können. Man muss sich strecken, um die nächste Stufe zu erreichen. Ist sie erreicht, entsteht ein Microflow. Reihen sich mehrere davon aneinander, entsteht Flow, und im Rückblick das Glücksgefühl, etwas geschaffen zu haben. Läuft die Anforderung dem Können dagegen weit voraus, entsteht Angst, und bleibt das Können ungefordert, Langeweile.
Damit ist die Existenzangst aus dem Sendungstitel eine beschreibbare Lage. Die Anforderung ist in zwei Jahren gesprungen, das Können nicht, und der Abstand ist zu groß geworden, um sich noch zu strecken. Es gibt zwei Auswege, die Anforderung senken oder das Können aufbauen. Die Anforderung senkt uns aber niemand; die KI-Entwicklung schreitet schnell voran. Bleibt die Treppe, Stufe für Stufe. Praktisch heißt das, sich jede Woche eine Sache vorzunehmen, die etwas über dem eigenen Können liegt, und zwar an einer echten Aufgabe aus dem Arbeitsalltag statt an einer Übungsaufgabe im Kurs. Nach einem Monat sieht das nach wenig aus. Nach einem Jahr liegt ein Berg hinter einem, den man sich am Anfang nicht zugetraut hätte.
Wie man dabei mit dem Werkzeug umgeht, entscheidet mit. Zwei Gewohnheiten machen den Unterschied: erst sich ein eigenes Bild von der Sache machen und dann die KI dazu holen, und sich Dinge erklären lassen, statt sie sich liefern zu lassen. Derselbe Dienst, zwei Ergebnisse. Wer ihn zum Vertiefen nutzt, kann am Ende mehr, wer ihn zum Überspringen nutzt, weniger.
So weit klingt das nach einer Frage des Willens. Sobald man es im Betrieb tut, wird eine Frage der Erlaubnis daraus. Wer sich streckt, arbeitet sichtbar an etwas, das er noch nicht kann.
Die zweite Ebene ist die Kultur, und sie war die Leerstelle dieser Sendung.
Es muss erwünscht sein, dass Menschen lernen, und zwar unabhängig davon, auf welcher Position sie sitzen. Der zweite Teil des Satzes ist der entscheidende. Bei uns wird Lernen als Signal gelesen, dass jemandem etwas fehlt, und je höher jemand sitzt, desto weniger darf ihm etwas fehlen. So entsteht eine Arbeitswelt, in der genau die Leute am wenigsten sichtbar lernen dürfen, die entscheiden.
Das hat einen kulturellen Grund, den man beziffern kann. Geert Hofstede hat Unsicherheitsvermeidung als Kulturdimension beschrieben, und sie misst nicht, wie viel Risiko Menschen eingehen, sondern wie stark der Drang ist, Unsicherheit zu kontrollieren. Deutschland liegt bei 65, die USA bei 46, Singapur bei 8. Kulturen mit hohem Wert schaffen Unsicherheit institutionell weg, über Zuständigkeiten, Regelwerke und Zertifikate. Damit ist vorentschieden, in welcher Form Lernen bei uns überhaupt akzeptabel ist: als Kurs mit klarem Ziel, richtiger Antwort und einer Bescheinigung am Ende. Eine Bescheinigung beendet Unsicherheit, sie behauptet, dass jemand etwas kann. Ein laufender Lernprozess erzeugt sie, weil sichtbar wird, dass jemand etwas noch nicht kann. Das Abgeschlossene ist willkommen, das Unfertige nicht.
Daran hängt auch, warum ausgerechnet die Prompt-Schulung so glatt in unsere Landschaft passt, und warum man den Menschen mit ihr etwas vormacht. Sie verlegt das Können in die Bedienung des Werkzeugs, obwohl es im Beurteilen des Ergebnisses liegt, und sie verkauft eine Technik, die jeder Modellsprung wieder einsammelt. Wer ein Fachgebiet nicht kennt, kommt auch mit dem besten Prompt nicht weit, und das ist im Experiment gemessen: Bei gleichen Werkzeugen profitierten die Gruppen, die ihr Feld kannten, während die fachfremden kaum vorankamen. Wie schief die Gewichtung liegt, zeigen ausgerechnet die Plattformen, die die Kurse dazu verkaufen. Bei LinkedIn steht Prompt Engineering unter den am schnellsten wachsenden Fähigkeiten ganz oben, das Prüfen von KI-Ausgaben kommt in der Liste nicht vor. Am Ende hält jemand eine Bescheinigung in der Hand und hat die eine Frage nicht geübt, auf die es ankommt: Stimmt das, was hier herauskommt, und woran würde ich merken, wenn nicht?
Für die Hemmung selbst genügt schon die Rangordnung im Raum. Die estnische Fintech-Gründerin Vilve Vene beschreibt das aus der Führungspraxis: Sobald sie spüre, dass ihr Gegenüber über ihr stehe, halte sie sich zurück. Es braucht keinen bestraften Fehler, die gefühlte Rangdifferenz reicht. Daran gehen die meisten Programme zur Fehlerkultur vorbei. Sie regeln, wie auf Fehler reagiert wird, und lassen die frühere Frage offen, ob jemand sich vor anderen unfertig zeigen darf. Solange die offen ist, hilft kein Werkzeug und keine Betriebsvereinbarung.
Eine Ausrede ist das nicht. Südkorea hat eine deutlich höhere Unsicherheitsvermeidung als Deutschland und verzeichnete 2025 trotzdem den weltweit größten Sprung bei der KI-Nutzung, weil Lernen dort als kollektive Pflicht zur Zukunftssicherung gerahmt ist. Die Rahmung entscheidet, nicht der Indexwert. In der Sendung habe ich gesagt, dass wir Veränderung eigentlich nicht wollen, dass unsere Stärke immer die inkrementelle Anpassung war und dass das in dieser Phase nicht mehr trägt. Oliver Suchy hat mir halb zugestimmt und den Rest verschoben: Es liege nicht an den Leuten, sondern an den Strukturen. Damit hat er recht, und genau deshalb wirft diese Ebene niemandem vor, zu ängstlich zu sein. Sie benennt, was eine Organisation ändern kann, und das Erste davon ist die Erlaubnis, etwas noch nicht zu können.
Erlaubnis allein reicht allerdings nicht. Man braucht auch die Mittel.
Die dritte Ebene ist die Infrastruktur, und sie besteht aus Zeit, Geld und Orten.
Zeit gibt es dabei in zwei Währungen. Institutionell heißt das: Lernzeit ist im Betrieb benannt und zugeteilt, statt als Rest nach Feierabend übrig zu bleiben. Die rund anderthalb Stunden, die KI aktuell durchschnittlich pro Woche einspart, wären genau das Material dafür, und sie versickern, weil niemand sie jemandem übergibt. Persönlich heißt es: Ein Teil der Zeit kommt aus dem eigenen Abend. Wer die Serie schaut, hatte die Zeit, in der sich etwas ausprobieren ließe. Das ist der unbequeme Teil meiner eigenen Position, und ich halte ihn trotzdem, weil beides zusammengehört. Man kann nicht die Infrastruktur einfordern und den eigenen Feierabend für unantastbar erklären. Wer sich strecken will, gibt dafür etwas her.
Beim Geld wird es schneller konkret, als der Begriff Infrastruktur vermuten lässt. Weiterbildung kostet, und wer sie am dringendsten braucht, kann sie am wenigsten bezahlen. Das deutsche System beantwortet das mit dem Bildungsgutschein: Es gibt Geld, aber eine Beraterin entscheidet mit, wofür, und ein zugelassener Träger muss es einlösen. Die Entscheidung liegt damit überall, nur nicht bei der Person, die lernen soll. Deshalb habe ich 2016 mit Angelica Laurençon das bedingungslose Lernguthaben vorgeschlagen: ein staatlich finanziertes Budget, das jede Person selbst einsetzt, ohne Trägerbindung und ohne Zustimmung.
Frankreich hat so etwas, den Compte Personnel de Formation: 500 Euro im Jahr für alle Berufstätigen, 800 für Geringqualifizierte, verwaltet von der staatlichen Treuhandbank. Die Erfahrungen dort zeigen auch, was dazugehört, damit es trägt, nämlich ein Eigenanteil und ein Missbrauchsschutz, der diesen Namen verdient. Deutschland hat dasselbe als persönliches Erwerbstätigenkonto in einen Koalitionsvertrag geschrieben und nie gebaut. Das Geld dafür wäre da. Wir haben einen Infrastrukturfonds, den man für Bildung nutzen könnte, wenn man denn will, dass die Leute mitwachsen. Die Formel dahinter ist Vertrauen gegen Freiheit.
Bleiben die Orte. Gemeint sind Räume nach der Wohnung und nach dem Arbeitsplatz, ohne Konsumzwang, ohne Anmeldeformular, an denen eine Fünfzehnjährige und ein Siebzigjähriger am selben 3D-Drucker stehen. Was wir davon haben, sind Bibliotheken und Makerspaces. Sie sind überlaufen.
Die Kultur und den institutionellen Teil der Infrastruktur kann sich niemand selbst geben, und das ist der Grund, warum der Rat zur Weiterbildung als Antwort nicht reicht. Er ist trotzdem keine Ausrede fürs Warten, denn kein Gesetzgeber holt dieses Tempo ein. Man handelt auf der ersten Ebene, legt den eigenen Anteil an der dritten dazu und fordert den Rest ein. Wer nur eines davon tut, kommt nicht weit: Der Betrieb, der Lernzeit zuteilt, an der niemand etwas anfängt, ist so wirkungslos wie der einzelne Mensch, der abends übt und tagsüber nicht darf.
Faktencheck
Drei Aussagen der Runde, an den Zahlen geprüft
Im Studio blieb für keine dieser Stellen Zeit. Aufbau jeweils gleich: Aussage, Datenlage, Befund, Vorbehalt. Die Belege stehen in der Quellenliste am Ende des Beitrags.
1 „Wir haben mehr Arbeit denn je”
Aussage. Florian Butollo im Einspieler: Die Automatisierung laufe seit 150 Jahren, und wir hätten mehr Arbeit denn je. Sein Beleg: 46 Millionen Beschäftigte, so viele wie nie, rund fünf Millionen mehr als 2010.
Datenlage. Die IAB-Arbeitszeitrechnung weist für 2025 45,98 Millionen Erwerbstätige aus und daneben 61,26 Milliarden geleistete Arbeitsstunden, 0,2 Prozent weniger als im Vorjahr. Die Teilzeitquote liegt bei 39,9 Prozent, dem bisherigen Höchststand.
| Jahr | Arbeitsvolumen | Stunden je Erwerbstätigen |
|---|---|---|
| 1991 | 60,4 Mrd. | 1.554 |
| 2010 | 58,5 Mrd. | 1.426 |
| 2025 | 61,26 Mrd. | 1.332 |
Befund. Die Kopfzahl stimmt und beantwortet eine andere Frage als die gestellte. Gezählt werden Menschen in Erwerbstätigkeit, nicht geleistete Arbeit. In 34 Jahren ist die Arbeitsmenge um gut ein Prozent gewachsen, die Zahl der Erwerbstätigen um rund 18 Prozent, und pro Kopf sind gut 14 Prozent der Jahresarbeitszeit verschwunden. Auch auf Butollos eigener Basis, dem Jahr 2010, wachsen die Köpfe mehr als doppelt so schnell wie die Stunden. Dieselbe Arbeit, verteilt auf mehr Menschen mit kürzeren Zeiten. Enzo Weber vom IAB formuliert es in der Pressemitteilung zu diesen Zahlen selbst: „Das Arbeitsvolumen stagniert seit Jahren – die Zeit der Rekorde ist vorbei.” Derselbe Weber hat wenige Wochen zuvor in der F.A.Z. einen Gastbeitrag mitverfasst, der denselben Arbeitsmarkt als Chance liest. Entwarnung und Relativierung kommen aus einem Haus.
Vorbehalt. Ein Aggregat, das über 34 Jahre flach verläuft, taugt nicht als Instrument, um einen Bruch von zwei Jahren nachzuweisen. Die Zahlen widerlegen die Entwarnung. Einen Einbruch belegen sie nicht.
2 „Der Weg in die Arbeitswelt ist nicht versperrt”
Aussage. Oliver Suchy: Er sehe „noch nicht, jedenfalls in Deutschland, dass der Jugend quasi der Weg in die Arbeitswelt versperrt ist durch KI”.
Datenlage. Die Randstad-ifo-Befragung unter 526 Personalverantwortlichen aus dem vierten Quartal 2025: 14 Prozent der Unternehmen lassen KI heute schon Aufgaben von BerufseinsteigerInnen erledigen, 40 Prozent planen es für die nächsten drei Jahre, bei Großunternehmen 63 Prozent. Von denen, die weniger Einstiegsstellen ausschreiben, nennen 38 Prozent Automatisierung und KI als Grund. Methodisch am wichtigsten: 81 Prozent sagen, die konjunkturelle Lage beeinflusse ihre Wahl zwischen EinsteigerInnen und Erfahrenen nicht.
Der Berufsbildungsbericht 2026 zählt 39.900 gänzlich unversorgte BewerberInnen, ein Plus von 28 Prozent und der höchste Stand seit 2007. In den IT-Berufen kommen nach dem Bericht der Bundesagentur für Arbeit auf 100 Ausbildungsstellen 188 Bewerbende, in der Softwareentwicklung 340. Stanford misst für die USA einen relativen Beschäftigungsrückgang von 16 Prozent bei den 22- bis 25-Jährigen in KI-exponierten Berufen, während ältere Jahrgänge in denselben Berufen zulegen.
Befund. Die Rampe in den Beruf wird schmaler. Der Wert von 81 Prozent ist dabei der entscheidende: Was hier passiert, ist keine Delle, die sich mit dem nächsten Aufschwung schließt. Zur Mitbestimmung, die ich für nötig halte, gehört ein Zusatz: Betriebliche Aushandlung schützt, wer drin ist. Eine Stelle, die nie ausgeschrieben wird, erreicht kein Betriebsrat.
Vorbehalt. Für Deutschland ist die Ursachenfrage offen. Es gibt seriöse Arbeiten, die den größeren Teil des Effekts der Homeoffice-Ausweitung zuschreiben, und andere, die für Deutschland genau umgekehrt rechnen. Offen ist die Ursache, nicht der Befund.
Aus der Sendung. Andreas Dengel, gefragt, ob ein Kompetenzverlust drohe: „Die Gefahr ist da, insbesondere weil viele Unternehmenslenker und -lenkerinnen im Moment sehr kurzsichtig denken.” KI sei billiger, werde nicht krank, schlafe nicht. Kurz darauf rief ein Mensch aus einem Heidelberger IT-Unternehmen an und stellte die Frage von selbst: Wenn die einfachen Aufgaben an die Maschine gehen, „wo bekommen wir die Experten für in 20 Jahren her?” Die Moderation nannte das eine der Kardinalsfragen. Eine Antwort kam nicht.
3 „Der Lernort ist in erster Linie der Betrieb”
Aussage. Oliver Suchy: „Weiterbildungslandschaft muss sich verändern, das ist ganz klar, aber der Lernort ist in erster Linie der Betrieb.”
Datenlage. Der Berufsbildungsbericht 2026 weist die KI-Nutzung nach Anforderungsniveau aus: rund 37 Prozent auf Expertenniveau, rund 10 Prozent auf Fachkraftniveau. Betriebe, die überhaupt weiterbilden, setzen KI fast doppelt so häufig ein wie Betriebe, die es nicht tun.
Aus der Sendung. Am Telefon saß ein Sprecher für Synchron, Werbung und Hörbücher. KI-Stimmen hätten in seiner Branche „längst Arbeitsplätze und Karrieren gekostet oder Existenzen gekostet”, das Abscannen von Stimmen sei Alltag, die Regulierung bleibe aus. Er ist solo-selbstständig: kein Betrieb, kein Betriebsrat, keine betriebliche Weiterbildung. Suchy selbst hatte die Kreativwirtschaft vorher als betroffen benannt, ohne die Folge für seinen Lernort-Satz zu ziehen.
Befund. Der Satz gilt für Beschäftigte in Betrieben, die weiterbilden. Für alle außerhalb greift er nicht, und innerhalb entscheidet die Position über den Zugang. Wo der Betrieb der einzige Lernort ist, hängt das Lernen an der Stelle in der Hierarchie, und damit ist die zweite Ebene wieder im Spiel.
Die kleinste Entscheidung, die heute ansteht
Wer KI bei der Arbeit nutzt, spart damit im Schnitt etwa anderthalb Stunden pro Woche. Diese Zeit ist da, nur bekommt sie niemand. Sie füllt sich mit der nächsten Aufgabe, bevor jemand gemerkt hat, dass sie frei war. Deshalb taucht sie in keiner Statistik als Gewinn auf: Sie ist nie bei jemandem angekommen.
Weitergeben kann diese Zeit nur, wer über die Arbeitszeit anderer entscheidet, also Vorgesetzte. Die Stunde muss im Kalender stehen, und nichts anderes darf dort hineinrutschen. Verloren ist sie, sobald jemand am Ende wissen will, was dabei herausgekommen ist: Dann nimmt man sich nur noch vor, was sicher gelingt, und davon lernt man nichts.
Alle anderen können nur über ihre eigene Zeit entscheiden. Bei ihnen sieht die Stunde so aus: eine Aufgabe aus dieser Woche nehmen, die man bisher umgangen oder an jemand anderen weitergegeben hat, weil sie einem zu schwer war, und eine Stunde daran arbeiten, ohne zu wissen, ob es klappt. Nächste Woche die nächste.
In der Sendung rief ein Mann aus einem Heidelberger IT-Unternehmen an und fragte, woher die Fachleute in zwanzig Jahren kommen sollen, wenn die einfachen Aufgaben heute an die Maschine gehen. An diesen Aufgaben haben BerufsanfängerInnen bisher gelernt. Beantwortet wurde die Frage nicht, und beantworten müssen sie die Unternehmen, die diese Aufgaben abgeben, und nicht die jungen Leute, denen sie fehlen.
Quellen
- Deutschlandfunk „Agenda”: „Zwischen Effizienz und Existenzangst — Wie KI die Arbeitswelt verändert”, 12.08.2026, Moderation Brigitte Baetz. Zum Nachhören unter deutschlandfunk.de/agenda-104.html
- IAB, Ergebnisse der IAB-Arbeitszeitrechnung für das Jahr 2025 (Pressemitteilung, iab.de) — Arbeitsvolumen, Erwerbstätige, Jahresarbeitszeit, Teilzeitquote, Zitat Enzo Weber
- IAB-Zeitreihe zu Arbeitszeit und Arbeitsvolumen, aufbereitet bei der Bundeszentrale für politische Bildung — Werte 1991 und 2010
- Randstad-ifo-Personalleiterbefragung Q4 2025 (n = 526), veröffentlicht Januar 2026
- Berufsbildungsbericht 2026, BMBFSFJ/BIBB — unversorgte BewerberInnen, KI-Nutzung nach Anforderungsniveau
- Bundesagentur für Arbeit, „Arbeitsmarkt kompakt — IKT-Berufe”, Juni 2026 — Bewerber-Stellen-Relation
- Brynjolfsson, Chandar, Chen: „Canaries in the Coal Mine? Six Facts about the Recent Employment Effects of Artificial Intelligence”, Stanford Digital Economy Lab, November 2025, mit Datenstand-Fortschreibung 2026
- Schaal, Weber: Gastbeitrag zur Chancenperspektive auf den KI-Arbeitsmarkt, F.A.Z., Juli 2026
- Vendraminelli u.a. (Harvard Business School, 2025) — Experiment mit drei Gruppen unterschiedlichen Vorwissens bei gleichen KI-Werkzeugen, Grundlage der „GenAI Wall”
- LinkedIn, „Skills on the Rise 2026″ — Methodik gemessen an Profilzuwachs und Neueinstellungen, also Selbstbeschreibung im Wettbewerb, auf einer Plattform, die die passenden Kurse selbst verkauft
- Hofstede Insights 2023, Uncertainty Avoidance Index — Deutschland 65, USA 46. Der Index misst den Drang, Unsicherheit zu kontrollieren, nicht individuelle Risikobereitschaft
- Südkorea-Gegenbefund: höchster KI-Adoptionssprung 2025 bei einem UAI von 85, kollektivistisch und langfristig gerahmt (→ Microsoft-Diffusionsdaten)
- Vilve Vene im Interview für den Women-in-Tech-MOOC, 2023 — Hierarchie als Kreativitätssperre vor jeder Sanktion
- Bedingungsloses Lernguthaben (BelGut), Anja C. Wagner und Angelica Laurençon, Februar 2016; Compte Personnel de Formation, Frankreich seit 2016, verwaltet von der Caisse des Dépôts
Zitate aus der Sendung stammen aus einem automatisch erstellten Transkript. Wortlaut sinngetreu, Interpunktion rekonstruiert.
