Wer entscheidet, darf am wenigsten lernen

Mein Nachtrag zur Deutschlandfunk-Runde: Zwischen Effizienz und Existenzangst - Wie KI die Arbeitswelt verändert.

Vorab zum Nachhören, hier die Sendung

Ohne Nachrichten als Podcast.

Was ich in der Sendung vertreten habe

Wenn in einer Radiorunde die Frage kommt, was die Menschen denn jetzt konkret tun sollen, landet die Antwort fast immer bei derselben Adresse: Bilden Sie sich weiter, lernen Sie prompten, bleiben Sie neugierig. Beim Anfangen stimmt das. Als Antwort ist es ein Drittel, und ausgerechnet das Drittel, das die ganze Anpassungslast bei der einzelnen Person ablädt, während alles unberührt bleibt, was ihr das Lernen schwer macht.

Ich sortiere das in drei Ebenen: was die Einzelne tut, ob ihr Umfeld es überhaupt erwünscht, und ob sie Zeit, Geld und einen Ort dafür hat. Zwei davon waren im Studio besetzt. Andreas Dengel hatte die Technik und damit die erste, Oliver Suchy hatte die Regeln und damit die dritte. Über die mittlere sprach in zweiundachtzig Minuten niemand, und an ihr hängen die beiden anderen.

Die erste Ebene ist die einzelne Person, und sie ist die einzige, die man sich selbst geben kann. 

Hier hilft ein Begriff, den Mihály Csíkszentmihályi geprägt hat und der in unserem Namen steckt: Flow entsteht, wenn die Anforderung etwas herausfordernder ist als das bislang vorherrschende Können. Man muss sich strecken, um die nächste Stufe zu erreichen. Ist sie erreicht, entsteht ein Microflow. Reihen sich mehrere davon aneinander, entsteht Flow, und im Rückblick das Glücksgefühl, etwas geschaffen zu haben. Läuft die Anforderung dem Können dagegen weit voraus, entsteht Angst, und bleibt das Können ungefordert, Langeweile.

Damit ist die Existenzangst aus dem Sendungstitel eine beschreibbare Lage. Die Anforderung ist in zwei Jahren gesprungen, das Können nicht, und der Abstand ist zu groß geworden, um sich noch zu strecken. Es gibt zwei Auswege, die Anforderung senken oder das Können aufbauen. Die Anforderung senkt uns aber niemand; die KI-Entwicklung schreitet schnell voran. Bleibt die Treppe, Stufe für Stufe. Praktisch heißt das, sich jede Woche eine Sache vorzunehmen, die etwas über dem eigenen Können liegt, und zwar an einer echten Aufgabe aus dem Arbeitsalltag statt an einer Übungsaufgabe im Kurs. Nach einem Monat sieht das nach wenig aus. Nach einem Jahr liegt ein Berg hinter einem, den man sich am Anfang nicht zugetraut hätte.

Wie man dabei mit dem Werkzeug umgeht, entscheidet mit. Zwei Gewohnheiten machen den Unterschied: erst sich ein eigenes Bild von der Sache machen und dann die KI dazu holen, und sich Dinge erklären lassen, statt sie sich liefern zu lassen. Derselbe Dienst, zwei Ergebnisse. Wer ihn zum Vertiefen nutzt, kann am Ende mehr, wer ihn zum Überspringen nutzt, weniger.

So weit klingt das nach einer Frage des Willens. Sobald man es im Betrieb tut, wird eine Frage der Erlaubnis daraus. Wer sich streckt, arbeitet sichtbar an etwas, das er noch nicht kann.

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Die zweite Ebene ist die Kultur, und sie war die Leerstelle dieser Sendung. 

Es muss erwünscht sein, dass Menschen lernen, und zwar unabhängig davon, auf welcher Position sie sitzen. Der zweite Teil des Satzes ist der entscheidende. Bei uns wird Lernen als Signal gelesen, dass jemandem etwas fehlt, und je höher jemand sitzt, desto weniger darf ihm etwas fehlen. So entsteht eine Arbeitswelt, in der genau die Leute am wenigsten sichtbar lernen dürfen, die entscheiden.

Das hat einen kulturellen Grund, den man beziffern kann. Geert Hofstede hat Unsicherheitsvermeidung als Kulturdimension beschrieben, und sie misst nicht, wie viel Risiko Menschen eingehen, sondern wie stark der Drang ist, Unsicherheit zu kontrollieren. Deutschland liegt bei 65, die USA bei 46, Singapur bei 8. Kulturen mit hohem Wert schaffen Unsicherheit institutionell weg, über Zuständigkeiten, Regelwerke und Zertifikate. Damit ist vorentschieden, in welcher Form Lernen bei uns überhaupt akzeptabel ist: als Kurs mit klarem Ziel, richtiger Antwort und einer Bescheinigung am Ende. Eine Bescheinigung beendet Unsicherheit, sie behauptet, dass jemand etwas kann. Ein laufender Lernprozess erzeugt sie, weil sichtbar wird, dass jemand etwas noch nicht kann. Das Abgeschlossene ist willkommen, das Unfertige nicht.

Daran hängt auch, warum ausgerechnet die Prompt-Schulung so glatt in unsere Landschaft passt, und warum man den Menschen mit ihr etwas vormacht. Sie verlegt das Können in die Bedienung des Werkzeugs, obwohl es im Beurteilen des Ergebnisses liegt, und sie verkauft eine Technik, die jeder Modellsprung wieder einsammelt. Wer ein Fachgebiet nicht kennt, kommt auch mit dem besten Prompt nicht weit, und das ist im Experiment gemessen: Bei gleichen Werkzeugen profitierten die Gruppen, die ihr Feld kannten, während die fachfremden kaum vorankamen. Wie schief die Gewichtung liegt, zeigen ausgerechnet die Plattformen, die die Kurse dazu verkaufen. Bei LinkedIn steht Prompt Engineering unter den am schnellsten wachsenden Fähigkeiten ganz oben, das Prüfen von KI-Ausgaben kommt in der Liste nicht vor. Am Ende hält jemand eine Bescheinigung in der Hand und hat die eine Frage nicht geübt, auf die es ankommt: Stimmt das, was hier herauskommt, und woran würde ich merken, wenn nicht?

Für die Hemmung selbst genügt schon die Rangordnung im Raum. Die estnische Fintech-Gründerin Vilve Vene beschreibt das aus der Führungspraxis: Sobald sie spüre, dass ihr Gegenüber über ihr stehe, halte sie sich zurück. Es braucht keinen bestraften Fehler, die gefühlte Rangdifferenz reicht. Daran gehen die meisten Programme zur Fehlerkultur vorbei. Sie regeln, wie auf Fehler reagiert wird, und lassen die frühere Frage offen, ob jemand sich vor anderen unfertig zeigen darf. Solange die offen ist, hilft kein Werkzeug und keine Betriebsvereinbarung.

Eine Ausrede ist das nicht. Südkorea hat eine deutlich höhere Unsicherheitsvermeidung als Deutschland und verzeichnete 2025 trotzdem den weltweit größten Sprung bei der KI-Nutzung, weil Lernen dort als kollektive Pflicht zur Zukunftssicherung gerahmt ist. Die Rahmung entscheidet, nicht der Indexwert. In der Sendung habe ich gesagt, dass wir Veränderung eigentlich nicht wollen, dass unsere Stärke immer die inkrementelle Anpassung war und dass das in dieser Phase nicht mehr trägt. Oliver Suchy hat mir halb zugestimmt und den Rest verschoben: Es liege nicht an den Leuten, sondern an den Strukturen. Damit hat er recht, und genau deshalb wirft diese Ebene niemandem vor, zu ängstlich zu sein. Sie benennt, was eine Organisation ändern kann, und das Erste davon ist die Erlaubnis, etwas noch nicht zu können.

Erlaubnis allein reicht allerdings nicht. Man braucht auch die Mittel.

Die dritte Ebene ist die Infrastruktur, und sie besteht aus Zeit, Geld und Orten.

Zeit gibt es dabei in zwei Währungen. Institutionell heißt das: Lernzeit ist im Betrieb benannt und zugeteilt, statt als Rest nach Feierabend übrig zu bleiben. Die rund anderthalb Stunden, die KI aktuell durchschnittlich pro Woche einspart, wären genau das Material dafür, und sie versickern, weil niemand sie jemandem übergibt. Persönlich heißt es: Ein Teil der Zeit kommt aus dem eigenen Abend. Wer die Serie schaut, hatte die Zeit, in der sich etwas ausprobieren ließe. Das ist der unbequeme Teil meiner eigenen Position, und ich halte ihn trotzdem, weil beides zusammengehört. Man kann nicht die Infrastruktur einfordern und den eigenen Feierabend für unantastbar erklären. Wer sich strecken will, gibt dafür etwas her.

Beim Geld wird es schneller konkret, als der Begriff Infrastruktur vermuten lässt. Weiterbildung kostet, und wer sie am dringendsten braucht, kann sie am wenigsten bezahlen. Das deutsche System beantwortet das mit dem Bildungsgutschein: Es gibt Geld, aber eine Beraterin entscheidet mit, wofür, und ein zugelassener Träger muss es einlösen. Die Entscheidung liegt damit überall, nur nicht bei der Person, die lernen soll. Deshalb habe ich 2016 mit Angelica Laurençon das bedingungslose Lernguthaben vorgeschlagen: ein staatlich finanziertes Budget, das jede Person selbst einsetzt, ohne Trägerbindung und ohne Zustimmung.

Frankreich hat so etwas, den Compte Personnel de Formation: 500 Euro im Jahr für alle Berufstätigen, 800 für Geringqualifizierte, verwaltet von der staatlichen Treuhandbank. Die Erfahrungen dort zeigen auch, was dazugehört, damit es trägt, nämlich ein Eigenanteil und ein Missbrauchsschutz, der diesen Namen verdient. Deutschland hat dasselbe als persönliches Erwerbstätigenkonto in einen Koalitionsvertrag geschrieben und nie gebaut. Das Geld dafür wäre da. Wir haben einen Infrastrukturfonds, den man für Bildung nutzen könnte, wenn man denn will, dass die Leute mitwachsen. Die Formel dahinter ist Vertrauen gegen Freiheit.

Bleiben die Orte. Gemeint sind Räume nach der Wohnung und nach dem Arbeitsplatz, ohne Konsumzwang, ohne Anmeldeformular, an denen eine Fünfzehnjährige und ein Siebzigjähriger am selben 3D-Drucker stehen. Was wir davon haben, sind Bibliotheken und Makerspaces. Sie sind überlaufen.

Die Kultur und den institutionellen Teil der Infrastruktur kann sich niemand selbst geben, und das ist der Grund, warum der Rat zur Weiterbildung als Antwort nicht reicht. Er ist trotzdem keine Ausrede fürs Warten, denn kein Gesetzgeber holt dieses Tempo ein. Man handelt auf der ersten Ebene, legt den eigenen Anteil an der dritten dazu und fordert den Rest ein. Wer nur eines davon tut, kommt nicht weit: Der Betrieb, der Lernzeit zuteilt, an der niemand etwas anfängt, ist so wirkungslos wie der einzelne Mensch, der abends übt und tagsüber nicht darf.

Die kleinste Entscheidung, die heute ansteht

Die anderthalb Stunden aus Ebene drei sind längst da. Sie werden eingespart und niemandem übergeben, deshalb tauchen sie in keiner Produktivitätsstatistik auf.

Genau daran hängt die kleinste Entscheidung, die heute möglich ist, ohne Gesetzgeber, ohne Fonds, ohne neuen Ort. Sie fällt zweimal. Eine Organisation kann diese Stunden benennen und weitergeben, statt sie versickern zu lassen. Und jede Einzelne kann in dieser Woche eine davon an eine echte Aufgabe hängen, die etwas über dem liegt, was sie bisher kann. Keine der beiden Entscheidungen braucht ein Programm.

Die zentrale Frage nach den Einstiegsjobs bleibt offen, und sie war vielleicht die beste der Sendung: Sie richtet sich an die Unternehmen, die jetzt die Einstiegsaufgaben abgeben, und nicht an die jungen Leute, die daran hätten lernen sollen.


Quellen

  • Deutschlandfunk „Agenda”: „Zwischen Effizienz und Existenzangst — Wie KI die Arbeitswelt verändert”, 12.08.2026, Moderation Brigitte Baetz. Zum Nachhören unter deutschlandfunk.de/agenda-104.html
  • IAB, Ergebnisse der IAB-Arbeitszeitrechnung für das Jahr 2025 (Pressemitteilung, iab.de) — Arbeitsvolumen, Erwerbstätige, Jahresarbeitszeit, Teilzeitquote, Zitat Enzo Weber
  • IAB-Zeitreihe zu Arbeitszeit und Arbeitsvolumen, aufbereitet bei der Bundeszentrale für politische Bildung — Werte 1991 und 2010
  • Randstad-ifo-Personalleiterbefragung Q4 2025 (n = 526), veröffentlicht Januar 2026
  • Berufsbildungsbericht 2026, BMBFSFJ/BIBB — unversorgte BewerberInnen, KI-Nutzung nach Anforderungsniveau
  • Bundesagentur für Arbeit, „Arbeitsmarkt kompakt — IKT-Berufe”, Juni 2026 — Bewerber-Stellen-Relation
  • Brynjolfsson, Chandar, Chen: „Canaries in the Coal Mine? Six Facts about the Recent Employment Effects of Artificial Intelligence”, Stanford Digital Economy Lab, November 2025, mit Datenstand-Fortschreibung 2026
  • Schaal, Weber: Gastbeitrag zur Chancenperspektive auf den KI-Arbeitsmarkt, F.A.Z., Juli 2026
  • Vendraminelli u.a. (Harvard Business School, 2025) — Experiment mit drei Gruppen unterschiedlichen Vorwissens bei gleichen KI-Werkzeugen, Grundlage der „GenAI Wall”
  • LinkedIn, „Skills on the Rise 2026″ — Methodik gemessen an Profilzuwachs und Neueinstellungen, also Selbstbeschreibung im Wettbewerb, auf einer Plattform, die die passenden Kurse selbst verkauft
  • Hofstede Insights 2023, Uncertainty Avoidance Index — Deutschland 65, USA 46. Der Index misst den Drang, Unsicherheit zu kontrollieren, nicht individuelle Risikobereitschaft
  • Südkorea-Gegenbefund: höchster KI-Adoptionssprung 2025 bei einem UAI von 85, kollektivistisch und langfristig gerahmt (→ Microsoft-Diffusionsdaten)
  • Vilve Vene im Interview für den Women-in-Tech-MOOC, 2023 — Hierarchie als Kreativitätssperre vor jeder Sanktion
  • Bedingungsloses Lernguthaben (BelGut), Anja C. Wagner und Angelica Laurençon, Februar 2016; Compte Personnel de Formation, Frankreich seit 2016, verwaltet von der Caisse des Dépôts

Zitate aus der Sendung stammen aus einem automatisch erstellten Transkript. Wortlaut sinngetreu, Interpunktion rekonstruiert.

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