Ein New York Times Bestseller
Letzthin las ich ein interessantes Buch von dem New Yorker Journalisten Malcolm Gladwell über die “Outliers”, die sog. ÜberfliegerInnen oder AusreißerInnen.
In der Statistik ist ein Ausreißer ein Datenpunkt, der sich signifikant von anderen Beobachtungen unterscheidet. (…) Ein Ausreißer kann ein Hinweis auf eine spannende Möglichkeit sein, aber auch ernsthafte Probleme bei statistischen Analysen verursachen.
Wikipedia
In Gladwells Buch geht es nur sekundär um Statistik. Primär handelt es von Personen, die vermeintlich so außergewöhnlich sind, dass sie in einer eigenen Liga spielen. Er erzählt von interessanten Menschengruppen, deren Talent sie weit brachte. Gängige Erzählungen stellen sie auf ein Podest und bewundern sie für ihre einzigartigen Talente.
Doch Gladwell will etwas anderes zeigen: “Die Geheimnisse erfolgreicher Menschen” (so der Untertitel des Buches) sind nicht in erster Linie ihre Talente. Die braucht man zwar auch, aber die Geheimnisse sind das regelmäßige Üben und die dafür nötige Ausdauer. Und woher nimmt letztere ihre Kraft? Aus der Kultur. Und darüber erzählt er einige wirklich fantastische Geschichten.
Eine davon möchte ich hier so kurz wie irgend möglich nacherzählen, weil es mich immer wieder zu diesem Thema treibt: Warum in Deutschland solch eine Mathehasskultur existiert. Und zum Beispiel in China die Mentalität – zumindest was die Mathekultur anbelangt -, eine ganz andere ist.
Diese Geschichte setzt sich aus 2 Erzählungen zusammen, die sich wechselseitig verstärken.
1. Die Mathe-Affinität
Chinesische Zahlenwörter sind sehr kurz
Die meisten Zahlen lassen sich in der chinesischen Sprache offenbar in weniger als einer Viertelsekunde aussprechen, wohingegen deutsche oder englische Zahlen im Durchschnitt eine Drittelsekunde benötigen.
Mit der Länge hängt die Gedächtnisleistung zusammen: “Wenn wir etwas innerhalb von 2 Sekunden sagen oder lesen können, dann können wir es uns am leichtesten einprägen.” Logischerweise passen in der chinesischen Sprache mehr Zahlen in die Gedächtnisschleife als in den indogermanischen Sprachen.
Das ist ein erster kleiner Vorteil. Zudem kommt:
Das Zahlensystem ist einfacher
Im Deutschen (zum Beispiel) ist das Zahlensystem sehr unregelmäßig. Wenn mein Vater mir eine Zahlenkolonne durchgibt, sagen wir eine Telefonnummer, dann kann er es offensichtlich nicht anders ausdrücken als: zweiundsiebzig, fünfundzwanzig, dreiundneunzig usw. Will man dies mitschreiben, muss man die Zahlen entsprechend sortieren, damit sie in der richtigen Reihenfolge notiert sind. Das ist umständlich. Und in asiatischen Kulturen offenbar anders, also einfacher organisiert. Dort ist das Zahlensystem logisch organisiert: “11 ist zehn-eins, 12 ist zehn-zwei, 24 ist zwei-zehner-vier, und so weiter”.
In der Konsequenz bedeutet dies, dass Kinder in Ostasien deutlich schneller zählen lernen. Durchschnittlich können in China die Kinder im Alter von 4 Jahren bereits bis 40 zählen, hier nur bis 15. Erst im Alter von 5 Jahren kommen hiesige Kinder durchschnittlich bis 40. Also ein Jahr (!) später als asiatische Kinder.
Aber nicht nur das. Ostasiatische Kinder lernen dadurch auch deutlich leichter die Grundrechenarten. Während deutsche Kinder die Zahlensprache, z.B. zweiundsiebzig, erst in Ziffern übersetzen müssen, bevor sie damit rechnen können, können asiatische Kinder die sieben-zehner-zwei gleich in Rechenoperationen mit anderen x-zehnern-y verwenden. Es ist ein einfaches Muster, das sich gut entdecken lässt.
In der Konsequenz führt dies dort nicht zur breit vorhandenen Mathematikangst wie in westlichen Grundschulen aufgrund der umständlichen Rechnerei. Vielmehr würde asiatischen Kindern die Mathematik etwas mehr Spaß machen, was sie zu mehr Praxis in Form von Hausaufgaben veranlasst, wodurch sich dieses “Talent” weiter ausformt. Es könnte also durchaus an der Kultur liegen, dass die Pisa-Ergebnisse in Asien besser ausfallen als hierzulande, so die eine These.
Und dann kommt noch ein zweiter Punkt hinzu.
2. Die Reisfelder
Ein typischer chinesischer Familienbetrieb mit 5 bis 6 Familienmitgliedern verfügt durchschnittlich über 2-3 Reisfelder in der Größe eines Hotelzimmers. Mit dem Ertrag dieser Fläche gestalten sie ihr Überleben. Morgens, mittags, abends: Reis, ergänzt um Kleinigkeiten, je nachdem, was man sich leisten kann. Und wenn etwas übrig ist an Reis, verkauft man es am Markt, um sich andere lebenswichtige Dinge davon kaufen zu können.
Nun ist es wohl so, dass man mit den vorhandenen Ländereien auskommen lernen und insofern das Optimum aus seinen Flächen herausholen muss. Denn a) kann man Reis mehrfach im Jahr ernten und b) lässt sich die Ausbeute optimieren, wenn man fleißig ist. Entsprechend gilt der Reisanbau als “Kompetenzorientiert”, weil es wirklich darauf ankommt, die optimalsten Anbaumethoden zu nutzen und regelmäßig anzupassen, um mehr aus der kleinen Fläche herauszuholen.
Im Gegensatz zu anderen agrarischen Gesellschaften blieb und bleibt dort wenig Zeit für Muße – und Maschinen helfen auch nicht weiter. Die Arbeit im Reisfeld sei etwa 10-20 Mal so arbeitsintensiv wie auf vergleichbaren Mais- oder Weizenfeldern. Die durchschnittliche Arbeitszeit der Reisbauern wird auf ca. 3.000 Stunden pro Jahr kalkuliert. (Zum Vergleich: Die Jahresarbeitszeit einer 40-Stunden-Woche in Deutschland beträgt 1.680 Stunden.)
Was die Arbeit allerdings erträglich macht, ist der autonome Charakter ihres Tuns, so Gladwell. Die Bauern zahlen lediglich ihre pauschale Pacht an den Großgrundbesitzer, aber keine anteilige. Das bedeutet: Alles, was sie mehr verdienen, gehört ihnen. Entsprechend kümmern sie sich um jedes Detail von morgens bis abends – eben um den Ertrag zu steigern. Unkraut jäten, den Boden möglichst exakt zu ebnen, den Wasserstand zu kontrollieren usw. usf.
Und die Moral von der Geschicht? Die Plackerei setzt eine kulturelle Norm, in der Ausdauer und kontinuierliche Mühen sich auszahlen. Dies mache erfolgreiche Menschen letztlich aus, so Gladwell. Und macht sich in der mathematischen Leistungsfähigkeit der ostasiatischen SchülerInnen eben auch bemerkbar. Denn:
Mathematik scheint weniger eine Folge des individuellen Genies zu sein, als vielmehr die Konsequenz einer gewissen Einstellung: Mit einer gewissen Anstrengung sich einer mathematischen Aufgabe hinzugeben, um etwas verstehen zu wollen, was vielleicht etwas Zeit benötigt und zunächst mühsam erscheint. Aber dann nicht aufzugeben. Das sei die wesentliche Voraussetzung, Mathematik zu beherrschen. Und dies habe vielleicht weniger mit kleineren Schulklassen, modernen pädagogischen Ansätzen oder Ähnlichem zu tun. Vielmehr seien hier Disziplin und Leistungsbereitschaft wesentliche kulturelle Marker, die durch den Nassreisanbau und die sinnvolle, autonome Arbeit positiv geprägt seien.
Das ist die Geschichte von Malcolm Gladwell. Und er führt sie ein und beendet sie mit dem chinesischen Sprichwort:
Wer an 360 Tagen im Jahr vor Sonnenaufgang aufsteht, kann gar nicht anders, als seine Familie reich zu machen.
Malcolm Gladwell: Outliers: Die Geheimnisse erfolgreicher Menschen
Broschiert – 21. November 2023
Ganz tolles Buch! Große Empfehlung zur Lektüre!
Ich hatte mich letzthin an einem spaßigen kleinen Mathe-Feelgood-“Kurs” versucht.

