76 KI-Events in einem Monat. Das ist der Stand unseres Berliner KI-Radars für Mai 2026. Nicht 76 Produkte, nicht 76 neue Stellen — 76 Veranstaltungen, auf denen man lernen kann, was KI ist, was sie kann und wie man mit ihr umgeht. Parallel dazu verschiebt sich der heißeste Markttrend: Organisationen, die bereits KI-Tools eingeführt haben, kehren gerade reihenweise zu Grundlagenkursen zurück. Wer Tools hat, bucht jetzt Verständnis nach.
Das ist auf den ersten Blick eine vernünftige Reaktion. Auf den zweiten Blick zeigt sie etwas anderes.
Das Seminar (oder in modern: das Webinar) hat in vielen Organisationen eine neue Aufgabe übernommen. Es beantwortet nicht mehr nur die Frage „Was sollen unsere Leute können?” — es beantwortet die Frage „Was tun wir eigentlich mit KI?” Die Antwort lautet: Wir schulen. Das ist keine Ausrede. Es ist ein echter Impuls. Und trotzdem passiert dabei etwas, das man genauer anschauen sollte.
Unter Druck neigen Organisationen dazu, die Aktion zu wählen, die Aktivität sichtbar macht, ohne Struktur zu verändern. Ein Seminar zu buchen ist einfacher als zu entscheiden, welche Rolle in zwei Jahren noch so aussieht wie heute. Ein Workshop gibt eine Antwort auf die Frage, ob man etwas tut — er gibt keine Antwort auf die Frage, was sich ändern muss. Beide Fragen sind real. Aber nur eine hat ein Produkt, das man kaufen kann.
Faulheit ist das nicht. Es ist Systemlogik. Wer in einer Organisation eine Entscheidung über Strukturen trifft, trägt Verantwortung für das, was danach passiert. Wer ein Seminar bucht, hat etwas Sichtbares getan, das niemandem schadet und für das sich im Nachhinein schwer Rechenschaft einfordern lässt. „Wir haben geschult” klingt nach Handeln. Es ist Handeln — das leichtere.
Der Markt verhält sich dabei völlig rational. Er produziert, was nachgefragt wird. 76 Events. Grundlagenkurse. Zertifikate für KI-Kompetenz. Bald werden Angebote folgen, die den Anforderungen des KI-Omnibus entsprechen — der schreibt KI-Kompetenzen für Mitarbeitende gesetzlich vor, ohne genau zu definieren, was das bedeutet. Der Kurs, der diese Lücke füllt, ist bereits in Entwicklung. Er wird das Feld nicht verändern, aber er wird sich verkaufen.
Hier geht es nicht um die, die solche Kurse entwickeln oder kaufen. Es geht um das, was Lernen in diesem Moment leistet — und was es nicht leistet.
Lernen kann Verständnis erzeugen. Es kann Sprache geben für etwas, das vorher diffus war. Es kann Menschen in die Lage versetzen, besser zu beobachten. Das ist nicht wenig. Aber Lernen kann keine Entscheidung treffen. Es kann nicht klären, welche Prozesse in einem Jahr noch Bestand haben. Es kann nicht beantworten, wo menschliches Urteil unersetzlich bleibt und wo nicht. Diese Fragen lassen sich nicht wegschulen.
Was in den 76 Events nicht steckt, ist das Gespräch darüber, was nach dem Kurs anders sein soll. Nicht in den Köpfen der Teilnehmenden — sondern in der Organisation. Wer entscheidet, welche Erkenntnisse aus dem Seminar zu Konsequenzen werden? Wer ist verantwortlich dafür, dass das Gelernte irgendwo landet?
In vielen Organisationen lautet die ehrliche Antwort: niemand. Das Seminar endet, alle gehen zurück an den Schreibtisch, und das nächste bucht sich fast von selbst. Nicht aus bösem Willen — sondern weil die Buchung das Gespräch beendet, das eigentlich erst anfangen müsste.
76 Events. Das ist der Druck, dem man mit dem antwortet, was verfügbar ist. Die Frage, die sich dahinter verbirgt — was sich an Rollen, Verantwortung und Entscheidungswegen ändern muss — hat kein Format, in dem man sie buchen kann. Sie muss ausgehalten, geführt, entschieden werden.
Dafür gibt es keinen Kurs.
