Was der Scheck nicht kauft

Donnerstags-Diagnose #10

„We Must Act Now” ist bewusst kurz gehalten, nur drei Sätze. KI könnte in zehn Jahren radikal mächtiger werden und die Wirtschaft schneller umgestalten als die Industrielle Revolution. Deshalb müssen Ökonomie, Politik und Tech-Führung jetzt Anreize, Leitplanken und Institutionen schaffen, die KI menschenfreundlich lenken. Die Stärke des Statements liegt in der Vielzahl der Unterschriften, nicht in konkreten Forderungen. Es fordert, zuerst zu verstehen und dann zu handeln, nennt jedoch keine Maßnahmen oder Institutionen, die dieses Verständnis fördern sollen. Fortune beschreibt die Stimmung der Fachwelt als Eingeständnis: „We are driving in the fog.” (Wir fahren im Nebel.)

Der Pledge ist konkreter. Er nennt Zahlen, verpflichtet und benennt Namen, während das Konsens-Statement bei der Dringlichkeit bleibt. Sein Prinzip „Common Inheritance” (Gemeinsames Erbe) stellt die Eigentumsfrage neu: KI basiert auf kollektivem Wissen, öffentlicher Forschung, Sprache und Arbeit und gehört nicht allein den Verwertern. Die Antwort darauf ist eine freiwillige „AI dividend”, ein bedingungsloses Einkommensfundament, gespeist aus den KI-Erträgen der Unterzeichnenden. Zwei Grenzen bleiben: Die Freiwilligkeit hängt vom Wohlwollen derer ab, die am meisten zu verlieren haben. Und entscheidend: Der Pledge verteilt Bargeld. 

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Damit lässt sich die Debatte vermessen. Oben stehen die Institutionen, unten die Dividende, staatlich oder privat gestiftet. Die Streitfrage lautet in beiden Fällen, wer das Geld verteilt und aus welcher Quelle. Keines der Manifeste fragt, wozu das Geld eigentlich befähigen soll. Ein Einkommensfundament sichert die Existenz und ermöglicht Experimente. Es ist jedoch nicht dasselbe wie die Fähigkeit, in diesen Experimenten zu bestehen. 

Hier setzt ein alter FROLLEINFLOW-Vorschlag an, der die Verteilung anders denkt. Das 2016 formulierte Bedingungslose Lernguthaben koppelt öffentliches Geld nicht an Bedürftigkeit, sondern an Lernbereitschaft: Vertrauen gegen Freiheit, ein Budget, mit dem Einzelne das Steuer übernehmen, statt es abzugeben. Der Unterschied zum Pledge ist grundlegend. Ein Transfer ohne Erwartung kauft Zeit, baut aber keine Urteilskraft auf. Und Urteilskraft, die Fähigkeit zu entscheiden, was man an die Maschine abgibt und was man selbst verantwortet, verkümmert, wenn das Einkommen gesichert und die Maschine bequem ist. Die Absicherung kann die Befähigung sogar verzögern, indem sie den Druck nimmt, sie sich anzueignen. 

Das ist keine Absage an das Grundeinkommen. Ein Boden, auf dem niemand ins Bodenlose fällt, ist die Voraussetzung für alles Weitere, und der Pledge hat recht, ihn einzufordern. Aber ein Manifest, das Freiheit verspricht und Geld liefert, verwechselt zwei Dinge, die nicht dasselbe sind. Brynjolfssons Formel im Konsens-Statement, „complement humans rather than imitate them” (Menschen ergänzen, anstatt sie nachzuahmen), zielt genau darauf: Werkzeuge sollen Handlungsfähigkeit aufbauen, nicht ersetzen. Ein Scheck tut weder das eine noch das andere. 

Die Verteilung, die kein Manifest organisiert, ist die, die jeder Mensch täglich am eigenen Schreibtisch vornimmt: was er an die Maschine abgibt und was er selbst entscheidet. Diese Verteilung braucht keine Unterschrift von Nobelpreisträgern und keinen Stifter, der zwei Prozent seines Vermögens zusagt. Sie ist heute verfügbar, für alle, kostenlos, und sie ist die einzige, auf die niemand wartet, während andere verhandeln. Ob ein Einkommensfundament kommt, entscheiden Politik und Milliardäre. Was jemand mit seinem Urteil anfängt, solange es noch da ist, entscheidet er oder sie selbst.


Quellen


  1. Wer hier zitiert wird, ist überwiegend männlich — wer unterschreibt, nicht nur. Die vier Organisatoren von „We Must Act Now” und alle 16 genannten Nobelpreisträger sind Männer (Letzteres spiegelt auch, wer bislang den Wirtschaftsnobelpreis erhalten hat). In der vollständigen Unterzeichnendenliste stehen jedoch deutlich mehr Frauen, darunter Diane Coyle, Gita Gopinath, Rebecca Henderson, Betsey Stevenson, Stefanie Stantcheva, Marianne Bertrand und Beatrice Weder di Mauro. Beim AI Pledge for Humanity sind 5 der 21 hervorgehobenen „Founding Signatories” Frauen (Katie Moussouris, Jaya Baloo, Sophia Swire, Jane Golley, Gigi Danziger); die vollständige Liste der über 800 Unterzeichnenden liegt nicht vor. Zitiert wird in beiden Fällen fast ausschließlich der männliche Rand der Liste. Aber das kennt man ja so. ↩︎
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