Während Tech-CEOs über Software-Schichten streiten, hat im Hintergrund längst ein viel größerer Kampf begonnen: Wem gehören die massiven Gewinne einer automatisierten Welt? Die Antworten der Elite schwanken zwischen politischem Kalkül und der Forderung nach Staatsbeteiligungen.
Es ist eine bemerkenswerte Prognose, die Palantir-CEO Alex Karp Anfang Juli 2026 in einem Interview aufstellt. Angesprochen auf die Forderung des US-Senators Bernie Sanders, der Staat müsse sich zu 50 Prozent an den großen KI-Unternehmen beteiligen, meint Karp: In zwei Jahren werde man Sanders nicht mehr für progressiv halten, sondern fragen, warum er nur 50 Prozent wollte. Karp, der sich selbst als “überzeugten Progressiven” bezeichnet, sieht die vollständige Verstaatlichung als die kommende Mehrheitsposition der politischen Linken.
Damit rückt eine Frage in den Mittelpunkt, die weit über Serverkapazitäten und KI-Modelle hinausgeht: Wer kontrolliert die Wertschöpfung in einer Welt, in der menschliche Arbeit graduell wegfällt?
Steuern versus Governance: Zwei Wege der Umverteilung
Bisher dominierte die Idee einer Vermögenssteuer die politische Debatte. Karp lehnt diese strikt ab. Eine solche Steuer sei lediglich eine Strafe für Milliardäre, die den Armen letztlich nicht helfe.
Hier offenbart sich eine entscheidende politische Trennlinie in der Governance, die von den Tech-CEOs oft verwischt wird: Eine reine Steuer zieht Kapital ab und verteilt es um, gewährt dem Staat aber keinerlei direkte Mitsprache darüber, wie sich die Technologie entwickelt. Eine Staatsbeteiligung (Nationalisierung) hingegen bedeutet echten Einfluss. Sie greift in die Unternehmensführung ein – etwa durch Aufsichtsratssitze, die Kontrolle über das geistige Eigentum (IP) und direkte Mitsprache bei der Technologieentwicklung. Auch dies wird aktuell in Amiland diskutiert.
Politische Instrumentalisierung im Tech-Sektor
Doch die Debatte um Umverteilung und Staatsbeteiligung wird von der Tech-Elite selten aus ehrlicher Sorge um das Gemeinwohl geführt. Sie dient vielmehr als politischer Hebel:
- David Sacks, Tech-Investor und ehemaliger KI-Berater von Donald Trump, warnt Konservative zwar vor Sanders’ Plänen, gibt aber zynisch zu, dass er eine solche Staatsbeteiligung fast als “Dummheitssteuer” für unvorsichtige Tech-Konzerne unterstützen könnte.
- Zur gleichen Zeit verhandelt OpenAI-Chef Sam Altman im Geheimen mit Trump genau über solche staatlichen Beteiligungen an seiner Firma.
- Donald Trump wiederum nutzt das Thema als Wahlkampfinstrument und verspricht, nach Gesprächen mit der Tech-Branche den Wählern vor den Midterms im November “etwas zurückzugeben”.
Wer hier am lautesten über Arbeitsplatzverluste und Gewinnkonzentration spricht, nutzt die Verteilungsfrage als strategische Waffe – gegen Konkurrenten, gegen die andere Partei und für Wahltermine.
Dummheitssteuer: Wirtschaftsliberale Investoren wie David Sacks werfen den CEOs großer KI-Labore vor, über Monate hinweg absichtlich Panik geschürt zu haben. In Interviews und vor dem US-Kongress warnten diese Chefs wiederholt vor existenziellen Risiken, massiven Arbeitsplatzverlusten und gesellschaftlichen Verwerfungen durch KI. Dies sei nun die Quittung.
Der technologische Proxy-Krieg
Dass diese Verteilungsdebatte überhaupt so explosiv ist, liegt am aktuellen Geschäftsmodell der KI-Spitzenlabore (Frontier Labs). Unternehmen zahlen aktuell pro Texteinheit (Token), lagern sensible Daten aus und verlieren schleichend ihr geistiges Eigentum an die Modellanbieter, die an der reinen Menge verdienen.
Tech-Konzerne bieten dafür ihre eigenen Heftpflaster an: Palantir verkauft seine “Ontology-Schicht” als schützende Zwischenlage, um Daten beim Kunden zu halten. Konkurrenten wie Mistral-Gründer Arthur Mensch warnen wiederum vor genau solchen proprietären Zwischenschichten und preisen offene Modelle (Open Source) als Rettung. Doch am Ende ersetzen beide Lösungen nur eine Abhängigkeit durch die nächste und zielen darauf ab, das eigene Geschäftsmodell zu sichern.
Fazit: Die wahre Souveränitätsfrage
Man kann Alex Karp, Sam Altman oder David Sacks nicht vorwerfen, dass sie im Interesse ihres eigenen Geschäfts oder ihrer politischen Netzwerke handeln. Eine gesellschaftliche Verantwortung zu erwarten, wäre naiv.
Echte Souveränität ist kein Ort, an dem eine bestimmte Software-Schicht liegt. Es ist die Aufgabe von Gesetzgebern, zivilgesellschaftlichen Akteuren und Aufsichtsbehörden, diese Rahmenbedingungen zu diskutieren und abzusichern. Wer sich allerdings in der Wahl zwischen Ontology-Schicht und Open Source verliert, hat die wichtigste Frage längst an die falsche Instanz delegiert: Welche gesetzlichen und vertraglichen Hebel sichern, dass die enormen Produktivitätsgewinne einer automatisierten KI-Welt bei der Allgemeinheit ankommen – sei es durch höhere Löhne, niedrigere Preise, Dividenden oder einem hohen bedingungslosen Grundeinkommen?
Quellen
- CNBC Television: Alex Karp: Most of the things Anthropic talks about in public are running on Palantir, Mitte Juni 2026 (YouTube)
- Palantir Technologies, LinkedIn-Manifest zu AI Sovereignty, neun Thesen, 01. Juli 2026 (LinkedIn)
- Arthur Mensch (Mistral): „Mistral-Gründer Mensch: Wer auf proprietäre KI-Modelle setzt, riskiert sein Geschäftsgeheimnis”, the-decoder.de, 05.07.2026
- Gizmodo: „Palantir CEO Says Bernie Sanders Will Regret Only Wanting 50% Public Ownership of AI Companies”, 10.06.2026
- Gizmodo: „The Leopard Is Eating David Sacks’s Face”, 06.06.2026
