Denken lernen, weil Wissen modular geworden ist

Donnerstags-Diagnose #11

Damit verliert das Zertifikat als Auswahlkriterium an Bedeutung – und zwar von einer Seite, von der man es so nicht erwartet hätte. Keine Bildungstheorie, keine Kompetenzdebatte, kein Modellapparat. Eine Wirtschaftsprüferin sagt schlicht, wonach ihre Branche sucht.

Bleibt die Frage, was dieser Satz verlangt. Ein Zeugnis ließ sich prüfen, taugte aber wenig: Es maß Durchhaltevermögen in einer Institution. Ob jemand ein Problem durchdringen kann, stand nie darin. „Denken gelernt“ ist das bessere Kriterium, aber es lässt sich nicht belegen. Fällt die überprüfbare Hürde, ohne dass etwas anderes Überprüfbares nachrückt, entscheiden Auftreten, Sprachsicherheit, Netzwerk, Herkunft. Also die alten Eliten-Merkmale, nicht die meritokratischen Versprechungen.

Ausgerechnet jetzt stellt sich wieder diese Frage, wo es wirklich gesellschaftlich darauf ankommt, die Besten an die richtigen Positionen zu hieven. Aber wer sind die Besten für die jeweilige Position? In dem Moment, in dem jedes Sprachmodell auf Zuruf Texte liefert, die wie das Ergebnis von Denken wirken: geordnet, plausibel, an den richtigen Stellen vorsichtig formuliert. Wer Denken am Ergebnis erkennen will, steht vor einem Problem, denn das Ergebnis ist ab sofort beliebig verfügbar.

Die übliche Antwort darauf lautet, man müsse KI eben kritisch nutzen. Sie greift zu kurz, weil sie nur die Angebotsseite, also den KI-Output, betrachtet. Interessanter ist, warum wir das Angebot so bereitwillig annehmen. Darauf gibt es eine Antwort. Sie ist fünfundsiebzig Jahre alt und unangenehm.

Der Ort verschwindet, während das Kriterium steigt

Zuerst zur Gleichzeitigkeit, die in derselben Studie steckt.

Wer in der Prüfung und Beratung anfing, lernte das Geschäft über Routinearbeit: Daten recherchieren, Tabellen bauen, Bestätigungen von GläubigerInnen und SchuldnerInnen einholen. Stumpfe Arbeit, an der man das Gebiet kennenlernte, weil man tausend Einzelfälle durch die Hand gehen ließ, bevor man den ersten selbst beurteilen durfte. Genau diese Arbeit übernimmt inzwischen die Maschine. Doch wie kommt man eine Stufe weiter, weil gefordert bleibt weiterhin die Fähigkeit, während der Ort verschwindet, an dem man sie früher erwarb.

Was macht dies mit den Menschen und unserer gesellschaftlichen Organisation, wie wir es gewohnt waren?

Die freundlichste Autorität, die es je gab

Man kann generative KI als autoritäres Modell lesen, das öffentliches Wissen aneignet und neu monetarisiert bereitstellt. Gefällig und gefügig nimmt sie den Menschen das Denken ab und kolonialisiert sie damit. Aber: Ein Sprachmodell befiehlt nichts. Es liefert nur etwas, das fertig aussieht. Darin liegt die Wirkung, der man sich ergeben kann – oder nicht.

Die Autorität steckt in der Form: vollständige Sätze, saubere Gliederung, abgewogene Einschränkungen an den Stellen, an denen ein Fachmensch sie auch setzen würde. Ein Machtanspruch wäre leichter zu erkennen. Ein Text, der so aussieht, hat die Beweislast schon umgedreht, bevor man ihn gelesen hat. Es klingt so vernünftig. Und Widerspruch kostet Arbeit. Zustimmung hingegen kostet nichts. Was man einmal übernommen hat, kann man in Sekunden als eigenes weiterreichen. Wie geil ist das denn?

Zwang ist das keiner. Es ist eine Ersparnis, und Ersparnisse nimmt man an, sei es in Form von Payback-Punkten oder als fertigen Text. Wenn man will – oder muss. Zum Beispiel, um ein Zertifikat zu erhalten, das man vielleicht in Zukunft noch vorzeigen muss.

Gelernt hat man dabei kaum etwas. Belastbar untersucht ist das bisher an zwei schmalen Ausschnitten. Ein randomisierter Versuch mit EntwicklerInnen, die eine neue Programmierbibliothek lernen sollten, fand bei KI-Unterstützung ein schlechteres konzeptuelles Verständnis, schlechteres Code-Lesen, schlechteres Debugging, ohne nennenswerten Produktivitätsgewinn im Schnitt. Eine EEG-Messung am MIT fand beim Essayschreiben schwächere neuronale Konnektivität und schlechtere Erinnerung an die eigenen Argumente, arbeitet aber mit achtzehn Personen pro Gruppe in der entscheidenden Sitzung und ist von den AutorInnen selbst als vorläufig gekennzeichnet. Für Wissensarbeit im engeren Sinn, für Analysieren und Einordnen im Fachkontext, liefert keine der beiden Studien Evidenz. Beide zeigen trotzdem in dieselbe Richtung: Wer erst selbst denkt und dann das Werkzeug holt, kommt besser weg. Mehr gibt der Stand nicht her, und für den Verdacht reicht das.

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Bevor man zu früh frohlockt: Das war zu Bulimie-Lernen-Zeiten fast genauso. Also dem klassischen Wissensvermittlungs-Theater.

Die Nachfrageseite

Denken wir einen Moment weiter und hinterfragen die übliche Erzählung. Sie beschreibt, was die Technik mit uns macht – die bequeme Hälfte, weil sie niemanden in Verlegenheit bringt.

Die andere Hälfte hat 1950 eine Forschungsgruppe um Adorno formuliert. Sie untersuchte, warum Menschen Herrschaft nachfragen. Der autoritäre Charakter, wie ihn die Studien beschreiben, verlangt nach klaren Hierarchien und nach Entlastung von Ohnmacht. Er lehnt das Introspektive und Uneindeutige ab, hält sich an Schwarz-Weiß-Muster und ordnet sich den Autoritäten der eigenen Gruppe gefühlsbetont unter. Das Angebot der Unterwerfung wird nicht nur ertragen, es wird gewollt.

Genau darauf trifft die Bedienoberfläche der KI. Die einfache Antwort auf die komplexe Frage erleichtert, und das ist ihr ganzer Vorteil. Es reicht. In einer Welt, die überfordernd genug geworden ist, ist eine Instanz, die immer sofort antwortet und nie mit Zweifeln zurückkommt, ein sehr gutes Angebot.

Das ist meine Interpretation. Die Autoritarismusforschung hat Sprachmodelle nie untersucht, sie kennt sie nicht.

Und das ist älter als jedes Sprachmodell

Der Fehler wäre, daraus eine Eigenheit der KI zu machen.

Jede Industrie, die in großem Maßstab verkaufen will, adressiert dieselbe Struktur. Die fossile Industrie hat vierzig Jahre lang die einfache Antwort auf die komplizierte Energiefrage geliefert. Die Automobilindustrie verkauft Freiheit und meint ein Produkt. Die Chemie verkauft Sicherheit für die Agrarindustrie, die Gesundheitsindustrie und unser aller Wohlbefinden. Und die Bildungsindustrie? Verkauft den Kompetenzkatalog, weil ein Katalog leichter zu kaufen ist als eine offene Frage. Der Mainstreamgedanke setzt sich überall durch, weil er anschlussfähig ist an ein Bedürfnis, das schon da war. Mit seiner Richtigkeit hat das wenig zu tun.

Künstliche Intelligenz greift im Übergang von der Industrie- zur Informationsgesellschaft das verfügbare Wissen auf und verdichtet es. Verdichtung von Zeit und Raum ist die Art, wie in diesem System Wachstum entsteht. Man muss das nicht gut finden, aber es ist die Logik, in der wir uns bewegen, und dieselbe Verdichtung ist zugleich das Potenzial, aus dem etwas Brauchbares, Neues entstehen kann.

Daraus folgt eine unbequeme Symmetrie. Wer die Industriegesellschaft samt ihrem Zugriff auf die Arbeitsgesellschaft und die daran hängenden Sicherungssysteme jahrzehntelang akzeptiert hat, hat wenig Grund, sich beim nächsten Schritt zu empören. Die Empörung über KI ist häufig die Empörung darüber, dass es diesmal die eigene Schicht trifft.

Der Verdacht richtet sich auch nach innen

Steffen Kampeter, Hauptgeschäftsführer der BDA, hat vor ein paar Tagen im Interview mit Table. Media eine Beobachtung formuliert, an der man nicht vorbeikommt, auch wenn man weiß, wer sie formuliert. Die Kräfteverhältnisse im DGB verschieben sich. Der öffentliche Dienst wächst, die Staatsquote liegt über 50 Prozent, und das stärkt im Gewerkschaftsverbund Verdi auf Kosten der klassischen Industriegewerkschaften, die jahrzehntelang den Ausgleich zwischen Unternehmen und Beschäftigten organisiert haben. Sein Satz dazu: Der öffentliche Dienst kenne hohe Energiekosten, asiatische Wettbewerber und Insolvenzen aus den Medien, nicht aus eigener Erfahrung.

Dazu gehört die Gegenrechnung. Kampeter ist Lobbyist, seine Schlussfolgerungen sind das Programm seines Verbandes: Sozialbeiträge runter, Arbeitszeitgesetz lockern. Der Verweis auf Helmut Kohl, für den bei einer Staatsquote über 50 Prozent der Sozialismus begann, ist eine rhetorische Figur und bleibt eine. Und seine große Erzählung, „Arbeit hält diese Gesellschaft zusammen“, ist selbst eine einfache Antwort auf eine komplexe Frage, ausgerechnet in dem Jahrzehnt, in dem das bezahlte Arbeitsvolumen trotz aller politischen Appelle schrumpft und nur noch rund 40 Prozent des Erwerbspotenzials auf ein Normalarbeitsverhältnis entfallen.

Beides gilt gleichzeitig. Die Beobachtung über die Marktferne wird nicht dadurch falsch, dass ein Arbeitgeberverband sie anstellt. Wer sie wegen der Absenderadresse verwirft, tut genau das, wovon dieser Text handelt: Er sortiert nach Lager und spart sich die Prüfung.

Und hier wird es für die eigene Seite unangenehm. Der autoritäre Charakter ist keine Eigenschaft der anderen. Die Ablehnung des Uneindeutigen, das Schwarz-Weiß-Muster, die gefühlsbetonte Unterordnung unter die Autoritäten der eigenen Gruppe funktionieren im aufgeklärten Milieu genauso gut, nur mit umgekehrten Vorzeichen. Wer sich auf der richtigen Seite weiß, hört auf zu prüfen. Das ist derselbe Mechanismus, der einem beim Sprachmodell die Zustimmung so leicht macht.

Was daraus folgt, und warum es verdächtig ist

Der naheliegende Schluss lautet: sich der eigenen autoritären Anteile bewusst werden, die Maschine als Gegenüber benutzen statt als Orakel, sich seines eigenen Verstandes bedienen. Kant hat das 1784 aufgeschrieben, und es stimmt immer noch.

„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. “ -Immanuel Kant

Ich setze diesen Satz. Jetzt das Problem damit.

Adorno war gegenüber genau dieser Bewegung misstrauisch, aus drei Gründen, die alle greifen. Erstens individualisiert der Aufruf ein strukturelles Problem: Man soll seine Bequemlichkeit ablegen, während die Verhältnisse, die sie erzeugen, unangetastet bleiben. Zweitens setzt sich, wer zu wissen vorgibt, was wahrhaft aufgeklärt ist, an die Spitze einer neuen Hierarchie. Drittens ist Widerstand, sobald er als Ratschlag formuliert und in Kursen verkauft wird, längst Teil des Systems.

Ein Blogpost, der „denk selbst“ empfiehlt, ist damit selbst ein Stück Bildungsindustrie, das die einfache Antwort anbietet. Das lässt sich nicht wegargumentieren, nur benennen.

Was bleibt, ist kleiner und unbequemer als eine Haltung: ein Verfahren. Es zeigt sich an drei Stellen im Arbeitsalltag. An der Reihenfolge, also ob das eigene Bild vor dem Werkzeug steht oder danach. An der Rückfrage, also ob man Erklärungen einfordert oder Ergebnisse entgegennimmt. Und an der Bereitschaft, einen Widerspruch stehen zu lassen, den man nicht auflösen kann, statt ihn zur Handlungsempfehlung zu glätten.

Damit zurück zum Einstellungskriterium. „Ob jemand denken gelernt hat“ beschreibt eine Tätigkeit, kein erreichtes Niveau. Sie hört auf, sobald man sie einstellt. Prüfen lässt sich das nicht. Beobachten schon, bei anderen und mit deutlich mehr Mühe bei sich selbst.

Dieser Text kam auch geordnet und plausibel bei dir an. Das ist kein Argument für seine Richtigkeit.


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Quellen

  • Mark Fehr: „Deloitte und KPMG: Wie KI Berufseinsteiger verdrängt“, F.A.Z., 20.07.2026 (Lünendonk-Branchenstudie 2026, Zitate Wieland-Blöse, Schenk, Blum, Regierer)
  • Steffen Kampeter im Interview mit Stefan Braun: „Arbeit hält diese Gesellschaft zusammen“, Table.Media Berlin, 21.07.2026
  • Adorno, Frenkel-Brunswik, Levinson & Sanford: The Authoritarian Personality, 1950 (dt. Studien zum autoritären Charakter, Suhrkamp 1995)
  • Horkheimer & Adorno: Dialektik der Aufklärung, 1944/1969
  • Kant: Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?, 1784
  • Kosmyna et al. (MIT): Your Brain on ChatGPT / Cognitive Debt, 2025
  • Shen & Tamkin (Anthropic): Lerneffekt bei dialogischer vs. übernehmender KI-Nutzung, 2026
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