Anfang des Jahres hatten wir eine Frage, die sich immer hartnäckiger in den Vordergrund schob: Was passiert in Berlin und in Deutschland gerade wirklich — nicht in den Pressemitteilungen, nicht in den LinkedIn-Posts, sondern in dem, was Organisationen tatsächlich tun? Welche Entscheidungen treffen sie? Welche Kompetenz suchen sie? Welche Angebote bieten sie? Mit anderen Worten: Welche „Zukunft” adressieren sie? Und was sagt das über das Mindset aus, mit dem sie in den Wandel gehen?
Lesen reichte dafür nicht. Man liest immer eine kuratierte Version der Wirklichkeit. Also haben wir aufgehört zu lesen und angefangen, zu beobachten.
Was zunächst als internes Werkzeug entstand — ein automatisiertes System, das regelmäßig den Berliner Markt abtastet — ist inzwischen zu etwas geworden, das ich kaum noch missen möchte. Kein Dashboard, das schöne Grafiken produziert. Eher ein Seismograph: leise, kontinuierlich, und manchmal erschreckend aufschlussreich. Und mit dem wir uns mindestens wöchentlich, manchmal täglich Analysen erstellen lassen.
Die erste Frage: Was bewegt Berlin gerade wirklich?
Am Anfang war die Frage simpel: Was passiert in Berlin an KI- und Transformationsveranstaltungen? Wer organisiert, wer nimmt teil, welche Themen kommen immer wieder — und welche verschwinden so still, wie sie aufgetaucht sind?
Wir haben begonnen, Dutzende Quellen zu beobachten: Handwerkskammern, Wirtschaftsverbände, Netzwerke, Gründerszene, öffentliche Institutionen. Nicht die großen L&D-Konferenzen mit ihren glänzenden Programmbüchern — sondern das, was tatsächlich passiert. Stammtische. Frühstücksrunden. Workshops in Hinterhöfen.
Das Interessante war nicht, was viele dachten. Es war, was niemand aussprach.
Die zweite Frage: Welche Skills werden tatsächlich gesucht?
Nachdem dies bereits interessante Ergebnisse zeitigte, stellten wir uns die nächste, praktischere Frage: Was sucht der Berliner Arbeitsmarkt gerade wirklich? Nicht was in Stellenanzeigen direkt steht — sondern welche Kompetenzverschiebungen sich im Zeitverlauf zwischen den Zeilen zeigen. Welche Begriffe auftauchen, welche verschwinden, wo neue Arbeitgeber plötzlich Berliner Präsenz aufbauen.
Das Bild, das sich dabei zusammensetzt, ist nuancierter als man erwarten würde. Ja, KI-Kompetenz ist gefragt. Aber wie sie gefragt ist — das variiert stark je nach Sektor. Während Startups und Tech-nahe Mittelständler nach Urteilsvermögen im Umgang mit generativen Systemen suchen, gibt es in anderen Bereichen eine ganz andere Bewegung.
Der öffentliche Sektor etwa investiert derzeit massiv in Projektmanagement-Zertifikate und Tool-Schulungen. IPMA-Zertifizierungen boomen. Auf den ersten Blick klingt das nach Modernisierung. Auf den zweiten Blick fragt man sich: Ist das die Antwort auf die Fragen, die wirklich kommen?
Wir zertifizieren uns, während sich die Anforderungen unter unseren Füßen verschieben.
Die dritte Frage: Was bietet der Weiterbildungsmarkt — und was fehlt?
Parallel haben wir begonnen, den Berliner Weiterbildungsmarkt zu kartieren. Welche Anbieter gibt es? Was bieten sie an — und was bieten sie nicht an?
Was wir dort sehen, ist ein Markt, der fleißig auf Nachfrage reagiert, aber selten vorausdenkt. Viel Tool-Kompetenz. Viel Zertifizierungslogik. Wenig Raum für das, was eigentlich knapp geworden ist: die Fähigkeit, in unübersichtlichen Situationen gute Entscheidungen zu treffen. Kollektiv. Unter Zeitdruck. Mit unvollständigen Informationen.
Das ist keine Kritik an einzelnen Anbietern. Es ist eine strukturelle Beobachtung: Der Markt bildet ab, was sich gut verkaufen lässt. Und was sich gut verkaufen lässt, ist nicht immer das, was Organisationen wirklich brauchen.
Was wir daraus machen
Der Radar ist kein Produkt. Noch nicht. War auch nicht so geplant. Er ist zunächst ein Instrument für uns selbst — um zu verstehen, wo der Markt steht, wohin er sich bewegt, und wo echte Lücken sind, die sich nicht mit weiteren Zertifikaten schließen lassen.
Aber er ist auch ein Argument. Für eine andere Art von Bildung. Eine, die nicht fragt: Welches Tool beherrschst du? Sondern: Wie gehst du mit Komplexität um? Was tust du, wenn das Handbuch aufgehört hat zu gelten?
In den nächsten Wochen werde ich hier regelmäßig Einblicke aus dem Radar teilen — Befunde, Muster, gelegentlich auch Widersprüche. Nicht als fertige Analyse, sondern als laufende Beobachtung eines Marktes, der gerade entscheidet, wie er sich selbst neu erfindet.
Oder eben nicht.
P.S. Natürlich bauen wir den Radar immer weiter aus. Kontinuierlich mit immer besseren Daten- und damit Analysepunkten.
