Kürzlich erschien auf LinkedIn ein sehr interessanter Kommentar zu unserem Ansatz, alte L&D-Darlings (wie Frontalbeschallung oder standardisierte Wissenstests) auf den Ideenfriedhof zu tragen. Der Kommentator schrieb sinngemäß:
„Ein Lernformat ist wie ein Werkzeug – weder per se gut noch per se schlecht. Ein Hammer streicht keine Wand, schlägt aber super Nägel ein. Wissenstests können stupide sein, aber als Selbsttests sind sie hochwirksam. Und Frontalbeschallung kann als TED-Talk sogar lebensverändernd wirken. Wir dürfen Formate nicht pauschal verdammen, es kommt auf den Kontext an.“
Auf den ersten Blick klingt das absolut logisch. Wer würde schon einem TED-Talk seine Wirksamkeit absprechen? Doch dieses Argument tappt in eine gefährliche Falle. Es reduziert das Problem auf eine rein methodische Diskussion – und übersieht den eigentlichen Elefanten im Raum.
Es geht beim strategischen Exnovieren in der Weiterbildung nämlich gar nicht um das Format an sich. Es geht darum, wer das Programm formalisiert, steuert und anordnet.
Die Werkzeug-Illusion: Wer schwingt den Hammer?
Bleiben wir bei der Metapher: Ja, der Hammer (das Format) ist neutral. Aber es macht einen gewaltigen Unterschied, ob ich mir den Hammer selbst aus dem Werkzeugkasten nehme, weil ich selbst entschieden habe, ein Bild aufzuhängen – oder ob mir ein Vorgesetzter den Hammer in die Hand drückt und mich zwingt, an einem bestimmten Dienstagvormittag acht Stunden lang Nägel in ein Brett zu schlagen, unabhängig davon, ob ich das gerade brauche oder nicht.
Genau das ist der Unterschied zwischen einem TED-Talk und einem zweitägigen Präsenz-Pflichtseminar:
- Den TED-Talk schaue ich mir selbstbestimmt an. Ich habe ihn kuratiert, er ist relevant für meine aktuelle Herausforderung. Das ist selbstorganisiertes Lernen.
- Das Präsenz-Pflichtseminar mit 80 PowerPoint-Folien wird mir per Top-down-Logik verordnet. Es ist zentralisiert, fremdgesteuert und entmündigend.
Auch beim Testen zeigt sich das deutlich: Ein Selbsttest zur eigenen Wissensüberprüfung kann ein großartiges Instrument für die persönliche Kompetenzentwicklung sein. Ein formalisierter Multiple-Choice-Test am Ende eines WBTs, der nur dazu dient, ein Häkchen in der Compliance-Datenbank des Unternehmens zu setzen, ist dagegen ein reines Kontrollinstrument.
Das eigentliche Ziel der Exnovation: Das System, nicht die Methode
Wenn wir von Exnovation im Corporate Learning sprechen, fordern wir nicht das pauschale Verbot von bestimmten Werkzeugen. Exnovation ist der absichtsvolle, strategische Prozess, in dem wir nicht-nachhaltige und überholte Strukturen und Routinen abbauen.
Wir müssen nicht das Format „Wissensvermittlung“ beerdigen. Wir müssen die dahinterliegenden Paradigmen auf den Ideenfriedhof tragen, die unsere Lernökosysteme ersticken:
- Top-down-Trainingspflichten: Lernen als verordnete Pflichtmaßnahme statt als intrinsisch motivierter Prozess.
- Zentralisierte Kontrolle: Die Illusion, dass eine L&D-Abteilung vordenken kann und muss, was erwachsene Menschen wann lernen sollen.
- Formale Zertifizierungslogik: Der Glaube, dass Lernen nur dann stattgefunden hat, wenn am Ende ein Zertifikat ausgestellt wird.
- Hierarchische Lernrollen: Das Festhalten an der Trennung von „allwissendem Trainer“ und „unwissenden KonsumentInnen“.
Warum wir uns mit dem Loslassen so schwer tun
Der Kommentar auf LinkedIn ist ein perfektes Beispiel für das, was die Forschung eine pfad-optimierende Strategie (adaptive response) nennt. Wir versuchen krampfhaft, das bestehende System (den Einsatz der alten Werkzeuge) irgendwie noch ein bisschen zu optimieren, indem wir sagen: “Wir müssen das Lernarrangement nur noch etwas besser abstimmen.”
Doch für echte Future Skills und echtes Peer Learning reicht es nicht, den alten Pfad zu optimieren. Wir müssen ihn verlassen. Solange wir versuchen, den Wandel durch das perfekte Arrangieren alter Werkzeuge zu managen, bleiben wir in unseren tief verankerten Pfadabhängigkeiten stecken.
Fazit: Der Wandel hin zu Peer Learning und kokreativen Netzwerken gelingt nur, wenn wir aufhören, an der methodischen Oberfläche zu polieren. Wir müssen uns trauen, die tieferliegenden Kontroll- und Formalisierungsstrukturen mutig zu exnovieren. Erst wenn wir die Top-down-Kontrolle loslassen, machen wir den Weg frei für Menschen, die ihre Werkzeuge selbst wählen.
