In New York läuft gerade das letzte Grand-Slam-Turnier dieses Jahres an. Wir haben in den vergangenen Jahren immer wieder verfolgt, wie neue Technologien den Tennissport verändern. Bei Wimbledon 2023 ging es um die LinienrichterInnen, die schrittweise dem elektronischen Auge wichen. Bei Roland Garros 2025 stand die Frage im Mittelpunkt, wem wir glauben, wenn Mensch und Maschine unterschiedlich urteilen. Nun also die US Open – und die Geschichte bekommt eine weitere Drehung.
Dass wir ausgerechnet beim Tennis immer wieder genauer hinsehen, hat zunächst einen einfachen Grund: Wir schauen selbst gerne zu. Zugleich lässt sich an diesem Sport besonders anschaulich beobachten, welches Potenzial in KI steckt – auch jenseits der Erzeugung von Texten und Bildern. Auf einem klar begrenzten Spielfeld mit festen Regeln wird sichtbar, wie technische Systeme nach und nach neue Aufgaben übernehmen.
Bei den US Open geht es nun nicht mehr nur darum, ob ein Ball gut oder aus war. Die Technik wirkt zunehmend daran mit, was ZuschauerInnen von einem Match überhaupt wahrnehmen, welche Momente ihnen als bedeutsam erscheinen und welche Geschichten erzählt werden.
Gerade in den ersten Tagen eines Grand-Slam-Turniers macht das einen Unterschied. Auf zahlreichen Plätzen wird gleichzeitig gespielt. Im Arthur Ashe Stadium kommentieren ExpertInnen jeden Aufschlag, jede taktische Veränderung und jede sichtbare Regung der SpielerInnen. Zur gleichen Zeit kann auf einem Außenplatz das interessantere Match laufen, am Ende bleibt davon kaum mehr als eine Ergebniszeile. Die Partie ist deswegen nicht weniger bedeutsam. Nur kann kein Redaktionsteam jedes Match gleichermaßen beobachten, einordnen und erzählen.
Genau diese Lücke beschäftigt IBM und die United States Tennis Association schon seit einigen Jahren. Die damalige USTA-Verantwortliche Kirsten Corio beschrieb sie 2023 gegenüber VentureBeat so: Viele Partien hätten zwar Statistiken und Ergebnisse, aber keinen Kommentar. Ihre Geschichten blieben „untold“ – unerzählt.

Vom Kommentar zur Deutung
Bereits 2023 führten die US Open eine automatisierte Kommentierung ein. Auf Grundlage der Matchdaten erzeugte das System Audiokommentare und Untertitel für die Highlight-Clips der Einzelmatches. Damals wurden üblicherweise 56 Datenpunkte pro gespieltem Punkt erfasst, jeder daraus erzeugte Clip durchlief anschließend eine menschliche Qualitätskontrolle.
Auf diese Weise erhielten auch Matches auf den Außenplätzen eine kommentierte Zusammenfassung, für die zuvor keine redaktionelle Kapazität vorhanden war. Sie bekamen damit zwar nicht dieselbe Aufmerksamkeit wie eine Partie im größten Stadion, aber immerhin mehr Sichtbarkeit als durch eine nackte Ergebniszeile. IBM beschrieb die technische Grundlage; VentureBeat dokumentierte die Aussage über die „untold stories“ und die menschliche Prüfung.
Die Ankündigung für 2026 führt diese Entwicklung weiter. Eine neue Live-Übersicht ermöglicht es NutzerInnen, bevorzugte SpielerInnen auszuwählen, und führt sie schneller zu den entsprechenden Matches, Höhepunkten und Geschichten. Der erweiterte Match Chat beantwortet Fragen anhand aktueller und historischer Daten und kann dabei auch Bilder und Videos einbeziehen.
Besonders anschaulich wird die neue Dimension an der Kennzahl Serve Quality. Für alle 254 Einzelmatches werden 21 Positionen an Körper und Schläger fünfzigmal pro Sekunde erfasst. Während des Turniers entstehen so ungefähr 1,2 Milliarden Datenpunkte. Das System zerlegt den Aufschlag in einzelne Bewegungsphasen und bewertet unter anderem Effizienz, Präzision, Konstanz und Ballwurf.
Key Moments markiert den nächsten Schritt. Die bereits vorhandene Gewinnwahrscheinlichkeit wird um automatisch erzeugte Hinweise auf Wendepunkte und Verschiebungen des Momentums ergänzt. Das System zeigt damit nicht mehr nur an, wer ein Match vermutlich gewinnen wird. Es bietet zugleich eine Interpretation dafür an, wann und wodurch sich die Partie verändert hat.
Wenn Systeme Aufmerksamkeit ordnen
Darin liegt der eigentlich interessante Entwicklungsschritt. Serve Quality misst nicht einfach nur genauer. Die Kennzahl übersetzt die Qualität eines Aufschlags in ausgewählte, messbare Größen und liefert damit zugleich eine bestimmte Vorstellung davon, was einen „guten“ Aufschlag ausmacht. Auch Key Moments bildet Wendepunkte nicht einfach neutral ab. Das System entscheidet anhand seiner Kriterien, welche Veränderungen im Verlauf einer Partie als bedeutsam erscheinen. Die personalisierte Live-Übersicht wiederum priorisiert, welches Match und welcher Moment NutzerInnen zuerst begegnen.
Mehr Daten ergeben deshalb nicht automatisch eine vollständigere Geschichte. Sichtbar wird zunächst das, wofür Datenfelder, Messgrößen und Modelle vorhanden sind. Was sich nicht erfassen lässt oder im System kein Gewicht erhält, rückt leicht in den Hintergrund.
Ein langer Ballwechsel, ein Ass oder ein abgewehrter Breakball lassen sich zählen. Schwerer zu erfassen ist eine unscheinbare taktische Veränderung, die erst fünf Spiele später Wirkung zeigt. Ähnliches gilt für die wachsende Verunsicherung von SpielerInnen, eine bewusste Verlangsamung des Tempos oder einen Punkt, der statistisch gewöhnlich aussieht, das Match psychologisch aber verändert.
Bislang lag es vor allem bei RedakteurInnen und KommentatorInnen, aus solchen Beobachtungen eine Geschichte zu formen. Auch sie wählten aus, deuteten und ließen anderes unbeachtet. Nun werden Teile dieses Urteils in Datenmodelle und technische Abläufe verlagert. Die Auswahl verschwindet also nicht, aber die Kriterien, nach denen sie erfolgt, werden weniger sichtbar.
Daran ändert auch die menschliche Qualitätskontrolle am Ende des Prozesses zunächst wenig. Sie kann prüfen, ob ein erzeugter Beitrag plausibel und veröffentlichbar ist. Sie beantwortet jedoch nicht die vorgelagerte Frage, warum das System ausgerechnet diesen Moment hervorgehoben und einen anderen übergangen hat.
Die Außenplätze jeder Organisation
Auch Organisationen haben ihre Außenplätze. Dort finden schwierige Kundengespräche statt, werden ungewöhnliche Entscheidungen im Support getroffen, Projekte gerade noch gerettet oder Lösungen improvisiert, die in keinem Prozesshandbuch stehen. Solche Situationen bleiben häufig undokumentiert. Unwichtig sind sie deshalb nicht, nur fehlt die Zeit, sie festzuhalten und später einzuordnen.
KI kann an diesen Stellen tatsächlich etwas hinzufügen. Sie kann Gespräche auswerten, Vorgänge miteinander verbinden und aus verstreuten Spuren eine nachvollziehbare Dokumentation erzeugen. Damit entsteht Wissen, wo vorher nur einzelne Erinnerungen, Dateien oder Kennzahlen zurückblieben.
Mit dieser neuen Erzählkapazität stellt sich allerdings dieselbe Frage wie beim Tennis: Nach welchen Kriterien erkennt das System, welche Abweichung bemerkenswert, welche Entscheidung typisch und welches beinahe gescheiterte Projekt eine Geschichte wert ist?
Wer diese Kriterien nicht selbst bestimmt oder zumindest nachvollziehen und prüfen kann, gewinnt zwar Erzählkapazität, gibt aber einen Teil der Deutung ab.
Über die vergangenen Jahre zeichnet sich damit eine Verschiebung ab. 2023 lautete die Frage, welche menschliche Arbeit verschwindet, wenn technische Systeme ihre Aufgabe übernehmen. 2025 ging es darum, wem wir glauben, wenn Mensch und Maschine unterschiedlich urteilen. 2026 kommt eine dritte Frage hinzu: Was wird überhaupt sichtbar, wenn technische Systeme nicht nur messen, sondern auswählen, gewichten und erzählen?
Auch Menschen erzählen nie das ganze Match. Ob eine Maschine das könnte, spielt dabei die geringere Rolle. Entscheidend ist, wer bestimmt, welcher Teil zur Geschichte wird, und wer noch bemerkt, was darin fehlt.
P. S.: In Deutschland sind die US Open bei Sky und WOW sowie ohne Abo über SPORTEUROPE.TV zu sehen. Die hier beschriebenen KI-Funktionen lassen sich direkt auf USOpen.org und in der offiziellen US-Open-App verfolgen.
Externe Quellen
- VentureBeat: IBM serves up AI-generated tennis commentary and draw analysis
- IBM Case-Study-Blog: US Open heralds new era of fan engagement
- IBM Newsroom: IBM and the USTA introduce new AI-powered fan experiences for 2026 US Open
- IBM and the USTA Add Generative AI Commentary and AI Draw Analysis to the 2023 US Open Digital Platforms
- US Open tennis tournament 2026 | Schedule & results | LTA
