Auf dem Weg zum „New Normal“

Im Mai 1945 kapitulierte Nazideutschland. Die vier Siegermächte standen nun vor der Frage: Wie soll ein neues Deutschland aussehen? In einem Punkt waren sie sich früh einig: Das Bildungssystem muss reformiert werden. Über die Schule sollte den Schülerinnen und Schülern ein Verständnis von Demokratie nahegebracht werden. Im Westen wie im Osten gab es den Wunsch danach, dass auch deswegen alle Schüler länger auf eine Schule gehen sollten. Eine Gesamtschule, so wie sie sich auch viele Bildungsreformer schon seit Langem wünschten. Der Politikwissenschaftler Benjamin Edelstein erklärt hier im Gastbeitrag, warum diese Demokratisierung nur zur Hälfte gelang.

ZEIT ONLINE am 21.05.2020: Schule unter Verdacht

Das war das zentrale Thema in unserem letzten NeWoS. Und da dieses Thema im hiesigen Bildungsdiskurs weitestgehend unbekannt ist, fasse ich hier den Artikel grob zusammen:

  1. Die Alliierten sahen vor allem das deutsche dreigliedrige Schulsystem im Verdacht, eine Mitverantwortung für das Aufkommen des Nationalsozialismus zu haben. Konkret: „Dieses System hat bei einer kleinen Gruppe eine überlegene Haltung und bei der Mehrzahl der Deutschen ein Minderwertigkeitsgefühl entwickelt, das jene Unterwürfigkeit und jenen Mangel an Selbstbestimmung möglich machte, auf denen das autoritäre Führerprinzip gedieh.“
  2. „Insbesondere die sowjetische und die US-amerikanische Militärregierung drängte in den Nachkriegsjahren darauf, die frühe Trennung der Schülerschaft und deren Verteilung auf unterschiedliche Schulformen zu beenden und entfalteten Aktivitäten, um entsprechenden Reformmaßnahmen in ihrem jeweiligen Einflussbereich zum Durchbruch zu verhelfen.“
  3. Auch sollte durch eine Verlängerung der Grundschulzeit ein besserer Nährboden für die Demokratie geschaffen werden, indem „Schule zu einem Ort der gemeinsamen kulturellen und sozialen Erfahrung“ gemacht werde.
  4. Diese Forderung stiess bei vielen Bildungsreformer*innen auf großen Zuspruch und auch die linken Parteien wie KPD und SPD sprachen sich dafür aus.
  5. Nicht so die bürgerlich-liberalen Kräfte. Sie wehrten sich massiv gegen dieses Modell einer integrierten Gesamtschule. Vordergründig argumentierten sie mit einem Leistungsverfall der Leistungsstarken, da diese langsamer beschult würden, auch wenn das geforderte Reformmodell differenziertere Verfahren hätte ermöglichen sollen. Letztlich fußte diese Sichtweise auch auf einem zweifelhaften wissenschaftlichen Modell, „dass der sozialen Schichtung letztlich eine „biologische Begabungspyramide“ zugrunde liege.“ 
  6. Entsprechend dieser angeblichen „biologischen Ungleichheit“ wehrte sich v.a. der bayrischen Kultusminister gegen die sozialpolitische Beeinflussung eines „natürlichen“ Selektionsprozesses zugunsten der höheren Schichten.
  7. So verschleppten sie die geforderten Prozesse erfolgreich – bis sich der kalte Krieg zwischen der damaligen UDSSR und den USA abzeichnete. 
  8. „Im nun heraufziehenden Kalten Krieg wurde die Schulstrukturfrage unter Verweis auf die „sozialistische“ Einheitsschule zur Systemfrage zwischen Freiheit und Sozialismus hochstilisiert. Das tradierte Schulsystem mit seinem meritokratischen Nimbus, seinen differenzierten Bildungswegen und dem Elternrecht auf freie Schulwahl wurde als das einer freien, marktwirtschaftlich organisierten Gesellschaft einzig angemessene System dargestellt, während jede Form der integrierten Schulorganisation als eine die Leistungs- und Begabungsunterschiede der Schülerschaft ignorierende „Gleichmacherei“ und als Instrument sozialistischer Nivellierungsbestrebungen gebrandmarkt wurde. Bisweilen hieß es gar, eine solche Schule bereite dem Totalitarismus den Boden. So wurde das Gespenst der „roten Schule“ auf lange Zeit zum Totschlagargument gegen jede noch so zaghafte Reform der Schulstruktur.“
  9. Im Zuge des Aufbaus einer westlichen Allianz verzichteten schließlich die Amis auf ihre Forderung einer Reformierung des Schulsystems, da sie eine Kooperation mit den bürgerlich-liberalen Kräften wünschten – und sich gegen eine Koalition mit den deutschen linken Kräften entschieden.
  10. „In dem neuen politischen Klima veränderten sich die Kräfteverhältnisse in allen Ländern nach und nach zuungunsten der bereits auf den Weg gebrachten Reformansätze. Die Pläne für eine integrierte Mittelstufe in Hessen und Württemberg-Baden scheiterten schon im Vorfeld der Gesetzgebung; die in Hamburg, Bremen und in Schleswig-Holstein eingeführte sechsjährige Grundschule wurde nach Wahlniederlagen der Sozialdemokraten von konservativ-liberalen Länderregierungen ebenso rückgängig gemacht wie die zwölfjährige Einheitsschule in Berlin. Sie wurde auf eine sechsjährige Grundschule verkürzt – so ist sie am Ende alles, was von den schulstrukturellen Reformambitionen der Alliierten und ihrer deutschen Verbündeten übrig blieb.“
  11. In der DDR hingegen setzte sich die „sozialistische Einheitsschule“ durch.

So, und deshalb haben wir jetzt weiterhin diesen Salat, der bis zur heutigen Zeit diverse Probleme bereitet, auch wenn immer alle vermeintlich sich Sorgen machen um die bildungsfernen Schwachen …


Dies nur für’s Archiv an dieser Stelle. Alle wollen immer schnell zurück in die neue alte Normalität. Aber irgendwann muss man auch mal aufräumen …

Wir bleiben dran!

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