Bildung mag das Neue. Ständig kommen Formate, Tools, Kompetenzmodelle, Programme, Plattformen und Leitlinien hinzu. Und jetzt auch noch KI-Angebote. Vieles davon ist sinnvoll. Eine Frage, die allerdings zu selten gestellt wird: Was hört dafür auf?

Genau deshalb interessiert mich der Begriff “Exnovation”. Er steht nicht für das nächste neue Format, sondern für eine andere Blickrichtung. Innovation fragt: Was kommt hinzu? Exnovation fragt: Was muss enden, damit Neues überhaupt wirksam werden kann?
Aus diesem Grund hat mich auch ein Artikel aus der Universität Münster beschäftigt. Er bringt den Begriff Exnovation in den Kontext transformativer Bildung und beschreibt ein schulisches Projekt zu Sustainable Entrepreneurship, Design Thinking und Portfolioarbeit. Für mich wirft das die Frage auf: Was passiert, wenn Exnovation im Bildungskontext vor allem mit neuen Lernarrangements verbunden wird?
Die Autoren Sebastian Zumholte, Marcus Kohnen und Christian Fischer beschreiben, wie Schüler nachhaltige Geschäftsideen entwickeln, Prototypen bauen, pitchen, reflektieren und eigene Erfahrungen sammeln. Das kann wertvolle Lernräume öffnen. Aber beim Lesen habe ich überlegt: Ist das schon Exnovation? Oder ist es zunächst ein innovatives Lernformat, das exnovativ gerahmt wird?
Diese Unterscheidung finde ich wichtig. Denn Exnovation kommt ursprünglich aus einem organisationsbezogenen Innovationsdiskurs. Sie meint nicht einfach: Wir machen es jetzt anders. Sie fragt danach, welche Praktiken, Routinen, Strukturen oder Annahmen bewusst beendet, zurückgenommen oder entlegitimiert werden, weil sie nicht mehr tragen.
Ein neues Lernformat verändert noch keine Organisation.
Ein Workshop verändert noch keine Lernkultur.
Ein KI-Training verändert noch keine Arbeitsweise.
Ein Kompetenzmodell verändert noch keine Entscheidungspraxis.
All das kann wichtig sein. Aber es bleibt additiv, wenn die alten Routinen weiterlaufen.
Weiterführende Impulse von Anja:
Beyond Teaching: Der Friedhof der L&D-Altlasten und die Kunst des strategischen Weglassens
Eine Schule kann Design Thinking einführen und trotzdem dieselbe Bewertungslogik behalten. Ein Unternehmen kann KI-Schulungen anbieten und trotzdem an denselben Kontrollroutinen festhalten. Eine Organisation kann von Future Skills sprechen und zugleich Strukturen erhalten, die eigenständiges Lernen verhindern.
Dann wird das Neue integriert, ohne das Alte zu befragen. Der ohnehin überlastete Bildungsalltag wird nur noch voller, weil die alten, blockierenden Strukturen bestehen bleiben.
Mit KI wird diese Spannung noch deutlicher. Denn KI verändert nicht nur Werkzeuge. Sie verändert die Bedingungen, unter denen Wissen entsteht, Arbeit dokumentiert, Leistung bewertet und Lernen organisiert wird.
Trotzdem reagieren viele Organisationen zunächst additiv mit neuen Tools, Leitlinien oder Prompting-Kursen. Das kann ein Anfang sein. Aber es beantwortet noch nicht die eigentliche Frage:
- Welche Routinen verlieren durch KI ihre Plausibilität?
- Und welche Kontrollprozesse schaffen Sicherheit nur noch scheinbar?
- Welche Lernformate erzeugen mehr Beschäftigung als Entwicklung?
- Welche Berichte, Meetings, Trainings oder Programme laufen weiter, obwohl kaum noch jemand an ihre Wirkung glaubt?
Das sind keine reinen Bildungsfragen. Das sind Organisationsfragen.
Vielleicht ist genau das der Punkt, an dem ich beim Lesen hängen geblieben bin. Der Artikel zeigt interessante Lernprozesse. Aber er hat bei mir eine größere Frage ausgelöst: Was müsste in Bildungsorganisationen, Unternehmen und Institutionen eigentlich aufhören, damit neue Lern- und Arbeitsweisen keine Ausnahme bleiben?
Das ist nicht als abschließendes Urteil gemeint. Eher als Vorbehalt beim Lesen — und als Einladung, den Begriff Exnovation nicht vorschnell zu verwässern. Denn wenn Exnovation nur ein weiteres Wort für methodische Erneuerung wird, verliert der Begriff seine eigentliche Schärfe. Dann beschreibt er nicht mehr die Bereitschaft, etwas strukturell Altes tatsächlich aufzugeben. Er wird Teil jener Innovationsrhetorik, die er eigentlich unterbrechen könnte.
Anja präsentiert am Donnerstag Befunde aus einer Erhebung: Auf welcher Ebene setzen Exnovationsbestrebungen in Organisationen an — und was sagt die Antwort über die Bereitschaft zum strukturellen Wandel? Ich bin gespannt, was die Daten zeigen.
Schau einfach vorbei und diskutiert mit:
Donnerstag, 25. Juni, 13 – 14 Uhr:
CLC Lunch&Learn: Der große L&D-Ausmist-Check: Erste Ergebnisse und wie es jetzt weitergeht!
Update: Hier die Präsentation zur Session.
Das Paper “Exnovationen und Innovationen im Bereich der transformativen Bildung: Nachhaltiges Unternehmertum in Schulen” lohnt sich. Man muss sich beim Lesen nur bewusst machen, was dort unter Exnovation verstanden wird.
