Anfang März 2026, Shenzhen. Vor dem Tencent-Hauptgebäude stehen knapp tausend Menschen Schlange. Keine Konferenz, kein Weiterbildungsprogramm, kein Zertifikat am Ende. Tencent-MitarbeiterInnen haben Tische nach draußen gestellt und installieren kostenlos eine Software auf den Laptops der Wartenden. Rentnerinnen. Studierende. Hausfrauen. Ein pensionierter Ingenieur, der seinen Branchenwissens-Schatz endlich sortiert haben will.
Diese Bilder begegneten mir auf X — und sie zeigen einen Umgang mit KI, den wir hierzulande nicht kennen.




Das Werkzeug heißt OpenClaw. Ein KI-Agent, der nicht antwortet, sondern handelt — E-Mails verschickt, Termine koordiniert, Recherchen durchführt, Aufgaben erledigt, während man schläft. Open Source, kostenlos, läuft auf dem eigenen Gerät. Der Hype hat einen Namen auf Chinesisch: yang longxia — einen Hummer aufziehen. Das rote Logo hat sich innerhalb von Wochen ins kollektive Gedächtnis eingebrannt.
Wir beobachten diese Entwicklung nicht zum ersten Mal aus der Ferne.
2018 waren wir in China — auf einer digitalen Expeditionstour durch ein Land, das gerade mit voller Geschwindigkeit in die digitale Gegenwart einbog. 2019 entstand daraus ein MOOC. Was uns damals auffiel, gilt heute noch deutlicher: Die chinesische Bevölkerung fürchtet sich nicht vor der nächsten digitalen Welle. Sie reitet sie.
Das ist keine Frage von Naivität. Die Sicherheitswarnungen zu OpenClaw kommen auch aus China, auch von staatlichen Behörden. Aber die Grundhaltung ist eine andere. Neue Technologie ist kein Einbruch in eine heile Welt — sie ist das nächste Spielfeld.
Was dann passiert, ist das eigentlich Bemerkenswerte.
Der Staat folgt der Bevölkerung
Die Begeisterung ist grassroots — und wird sofort politisch aufgegriffen. Nicht in Regulierungsdebatten, sondern in Förderung. Innerhalb von zwei Wochen nach dem viralen Moment haben mindestens sieben Lokalregierungen Förderprogramme aufgelegt: kostenlose Rechenleistung, vergünstigte Büros, Startkapital — für EinzelgründerInnen, die mit OpenClaw arbeiten. Dasselbe Muster wie bei den Taobao-Dörfern vor zehn Jahren: Erst bewegt sich die Bevölkerung, dann folgt der Staat mit Infrastruktur — nicht mit Aufsicht.
In China gibt es immer noch zu wenige KI-Fachkräfte. Wir müssen alle dazu bringen, aktiv zu werden.
-Duke Wang, co-founder of a startup accelerator
Und weil das Modell-Ökosystem chinesisch ist — DeepSeek, Kimi, Qwen, alles open-weight, alles extrem günstig — schließt sich der Kreis. Kein Abo bei OpenAI, keine Dollar-Rechnung, keine amerikanische Cloud. Ein weitgehend souveräner Stack, der gerade in die Breite der Bevölkerung diffundiert.
Und dann der 22. März 2026: Tencent integriert den ClawBot direkt in WeChat. 1,4 Milliarden NutzerInnen bekommen an einem Tag Zugriff auf agentische KI — ohne Installation, ohne Schlange, ohne Tisch im Freien.
Es wird schneller gehen als die erste digitale Welle. Viel schneller.
Kein Vorbild. Aber ein Befund.
China ist nicht in allem ein Vorbild — das sei ausdrücklich gesagt. Autoritäre Kontrolle, fehlende Pressefreiheit, Überwachungsinfrastruktur: das sind keine Kollateralschäden, die man wegdiskutieren kann. Aber das entbindet uns nicht davon, bestimmte Entwicklungen nüchtern zur Kenntnis zu nehmen.
Hier in Deutschland läuft derweil eine andere Debatte — in zwei Varianten.
Die erste ist privat: Häme. Silicon-Valley-Euphorie, absurde Hypes, KI-Gläubige ohne kritisches Bewusstsein. Der distanzierte Blick von oben, der einen selbst auf der sicheren Seite wähnt.
Die zweite ist institutionell: Verantwortliche Führungskräfte stellen sich wichtige Fragen. Wie qualifizieren wir die Bevölkerung für KI? Welche Bildungsträger sind zuständig? Welche Curricula brauchen wir? Welche Zertifikate sollen anerkannt werden?
Beide Haltungen haben eines gemeinsam: Man wartet. Auf Klarheit, auf Konsens, auf das richtige Programm — bevor man anfängt.
Die Menschen in Shenzhen haben nicht gewartet. Sie haben sich hingestellt.
Und jetzt die Frage — nicht an Ministerien, nicht an Verbände, sondern direkt:
Bist du über Prompting hinausgegangen?
Nicht: Weißt du, was ein KI-Agent ist. Sondern: Läuft bei dir gerade irgendetwas, während du das hier liest?
Bei uns läuft der Berlin KI-Radar. Ein Skript, das automatisch die Berliner KI-Landschaft scannt, auswertet und aufbereitet — ohne dass wir jeden Schritt anstoßen. Wir haben es gebaut, einmal. Jetzt arbeitet es. Und wir bauen weiter.
In Shenzhen standen Großeltern Schlange dafür. Männer wie Frauen. Nicht weil sie einen Kurs besuchen wollten. Sondern weil jemand einen Tisch aufgestellt hatte.
Quellen & Weiterführendes
Hintergrund zu OpenClaw und dem China-Hype:
- China’s OpenClaw Gold Rush — MIT Technology Review
- OpenClaw fever: why is China rushing to ‘raise a lobster’? — South China Morning Post
- China is getting everyone on OpenClaw, from gearheads to grandmas — CNBC
- As OpenClaw enthusiasm grips China, schoolkids and retirees alike raise ‘lobsters’ — Reuters
- In China, a rush to ‘raise lobsters’ quickly leads to second thoughts — NBC News
- China went crazy for OpenClaw. Now it’s working to ban it — Fast Company
- OpenClaw in China: At the cutting edge — CNN Business
Staatliche Förderung und One-Person Companies:
- China pushes OpenClaw one-person companies with millions in subsidies — The Decoder
- China mobilizes one-person company AI startups — Rest of World
- Shenzhen Longgang backs OpenClaw with millions in subsidies — NYU Shanghai
Chinesische KI-Modelle und souveräner Stack:
- What’s next for Chinese open-source AI — MIT Technology Review
- Value for money: OpenClaw adopts Chinese models — South China Morning Post
