Es gibt ein Muster, das fast alle Organisationen prägt, die sich verändern wollen: Sie fügen hinzu. Ein neues Programm, ein neues Tool, eine neue Rolle. Was dabei fast nie geschieht: Etwas hört auf.
Das ist kein individuelles Versagen, sondern eine strukturelle Neigung, die Verhaltensökonomen als Pro-Innovation Bias bezeichnen. Wandel wird fast immer als Hinzufügen verstanden, selten als Weglassen. Das gilt für Technologie, Strategieprozesse – und besonders für alles, was mit Lernen in Organisationen zu tun hat.
Die Folge: Systeme kollabieren unter ihrer eigenen Komplexität. Nicht, weil zu wenig investiert wurde, sondern weil niemand entschieden hat, was enden soll.
Exnovation: Weglassen als strategische Fähigkeit
Für dieses Phänomen gibt es einen Begriff, der in Deutschland kaum bekannt ist: Exnovation. Er beschreibt den bewussten Abbau von Strukturen, Routinen und Formaten, die nicht mehr funktionieren – die aber aus Trägheit, Sunk-Cost-Denken oder institutioneller Beharrung weiterbestehen.
- Sunk-Cost-Denken: Das Phänomen, bei dem man ein einstündiges Meeting erträgt, weil man schon 45 Minuten darin verbracht hat – obwohl man in der ersten Minute wusste, dass es keines braucht.
Exnovation ist keine Sparmaßnahme und kein Euphemismus für Change Management. Es ist die Einsicht, dass echter Wandel nur möglich wird, wenn Raum entsteht – und Raum entsteht nicht durch Reorganisation, sondern durch konsequentes Aufhören.
Das klingt einfacher, als es ist. Denn das, was beendet werden müsste, hat oft eine Geschichte, eine Lobby und ein Budget. Es wird verteidigt – nicht, weil es funktioniert, sondern weil es existiert.
Was das konkret bedeutet – und warum Daten nötig sind
Welche Formate, Strukturen und Routinen blockieren den Wandel in deutschen Organisationen? Und warum werden sie nicht abgebaut? Liegt es an der Sunk-Cost-Falle, am Endowment-Effekt, an Compliance-Druck oder schlicht an fehlender Entscheidungsmacht?
- Endowment-Effekt: Die seltsame Überzeugung, dass das selbst gebaute E-Learning plötzlich doppelt so gut ist, sobald man es selbst gebaut hat.
Diese Fragen lassen sich nicht theoretisch klären. Sie brauchen Einblicke aus der Praxis – aus Organisationen unterschiedlicher Größe, aus verschiedenen Branchen und Rollen. Genau das untersuchen wir im Rahmen der Corporate Learning Community, um eine der ersten systematischen Studien zu Exnovation im deutschsprachigen Raum durchzuführen.
Die Ergebnisse werden im Juni veröffentlicht – und könnten erstmals zeigen, wo der strukturelle Hebel liegt: nicht bei der Frage, was als Nächstes eingeführt werden soll, sondern bei der unbequemeren Frage, was endlich aufhören muss.
5 Minuten, die Klarheit schaffen
Der Survey der CLC dauert nur 5 Minuten und stellt drei Fragen:
- Welche Formate oder Strukturen sollten deiner Meinung nach dringend abgebaut werden?
- Woran scheitert das Loslassen in deiner Organisation am häufigsten?
- Wer bist du und wo arbeitest du – damit die Ergebnisse nach Rolle und Kontext ausgewertet werden können.
Je mehr Perspektiven einfließen – aus Großkonzernen und KMU, aus öffentlichen Institutionen und privaten Unternehmen, von EntscheiderInnen und Betroffenen – desto klarer wird das Bild.
