MOOCs vs. Onlinekurse

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Ist der Begriff MOOC eigentlich noch sinnvoll?

Seit Tagen ringe ich um eine Antwort auf die Frage von Ralf Hilgenstock auf LinkedIn, ob “MOOCs” heutzutage noch ein zeitgemäßes Wording seien. Er bezieht sich dabei auf meinen Newsletter vom letzten Wochenende, in dem ich lapidar Udemy und Coursera als Beispiele für weiterhin erfolgreiche MOOC-Plattformen anführe. Nun fragt Ralf:

Was unterscheidet diese Plattformen von Linkedin Learning, Domestika oder Zeitakademie oder anderen Online-Kursanbietern?

Sollten wir diese Plattformen einfach nicht mehr MOOC-Plattformen nennen? Oder übersehe ich hier etwas?

Da ich zeitlich sehr eingebunden war, schob ich meine Antwort immer weiter auf. Sinnierte aber im Hinterkopf, ob etwas an dem Gedankengang dran ist und wie ich darauf am trefflichsten reagieren könne. Eines stand schnell fest: Mit einem einfachen “Ja, Du hast recht” oder “Aber nein, es gibt einen wesentlichen Unterschied” konnte ich nicht antworten. Dazu neige ich dann doch zu sehr zum Blick in die Details.

Angesichts meines Zeitmangels reichte ich die Frage einfach an ChatGPT weiter, in der Hoffnung, dort eine mir gut akzeptable, schnelle Antwort zu finden. Aber dem war nicht so. Auch dessen Ausführungen sind nicht einfach wegzuwischen, aber sie treffen nicht den wesentlichen Kern aus meiner Sicht. Ich poste hier die Kurz-Zusammenfassung:

  • Zugänglichkeit:
    • MOOCs: Oft kostenlos oder sehr kostengünstig, für jeden zugänglich.
    • Onlinekurs-Plattformen: Zugang kann kostenpflichtig sein, durch Registrierung, Kauf oder Abonnement beschränkt.
  • Zielgruppe und Zweck:
    • MOOCs: Bildung auf Hochschulniveau für alle, oft von Universitäten und Hochschulen angeboten.
    • Onlinekurs-Plattformen: Breites Spektrum an Kursen, von beruflichen Fähigkeiten bis hin zu Hobbys, nicht notwendigerweise akademisch.
  • Struktur und Inhalt:
    • MOOCs: Strukturiert wie Universitätskurse mit festgelegtem Zeitplan, Vorlesungen und Prüfungen.
    • Onlinekurs-Plattformen: Flexiblere Zeitpläne und Lerntempo, Kurse können von Fachexperten oder Nutzern erstellt werden.
  • Interaktion und Community:
    • MOOCs: Fördern eine Lerngemeinschaft durch Diskussionsforen und Gruppenprojekte, große Teilnehmerzahl.
    • Onlinekurs-Plattformen: Variierende Grade von Interaktion und Community, Schwerpunkt auf individuellem Lernerlebnis.

Okay, so liesse sich der Zugang zunächst grob unterscheiden. Aber es ist die Perspektive der Plattformen, der Anbieter, nicht aus Sicht der Menschen, die von dem Angebot profitieren möchten.

ErwachsenenpädagogInnen würden an dieser Stelle zudem auf den Unterschied zwischen xMOOCs und cMOOCs (und ggf. weiterer Differenzierungen) hinweisen.

Nur zur ganz kurzen, schnellen Aufklärung: xMOOCs laufen als Wissensvermittlung auf MOOC-Plattformen. cMOOCs sind konnektivistisch motiviert und orientieren sich eher am inhaltlich qualitativ gesättigten, aber gemeinsamen “Peer-to-Peer-Learning”.

Worauf ich dem Zusammenhang hinweisen muss: Der deutsche Wikipedia-Artikel zu Konnektivismus wurde von mir mit meinen Studierenden der HTW Berlin im Wintersemester 2008/09 angelegt, als wir gemeinsam den großartigen E-Learning 2.0-Kurs von Downes/Siemens über ein Semester durcharbeiteten.

Und nur zur Info: Heute (!) startet der neue cMOOC der Corporate Learning Community zur Future Learning Organization. In den nächsten 4 Wochen stellen 4 unterschiedliche Unternehmen jeweils einen ihrer internen Lernansätze vor. Immer montags live und dann in p2p-Manier im diskursiven Format. Natürlich kostenfrei!

Aber auch diese pädagogische Differenzierung ist mir zwischenzeitlich zu sehr auf der Metaebene angesiedelt. Aus Sicht möglichst selbstbestimmt wirkender “Lernenden” würde ich weiter unterscheiden wollen.

Lernangebote, die vermitteln

Es gibt medienpädagogisch-didaktisch angelegte Online-Kurse mit Lernzielen, Lernangeboten und Prüfungsformaten mit einem “Zertifikat”, durch die sich Lernende durchwalken lassen können. Damit kann man sich in einem Teilgebiet bestimmte Grundlagen aneignen und dieses Erlernte auch dokumentiert interessierten Stellen vorlegen.

Das können kleine Einheiten sein, die auf beliebigen Lernplattformen angeboten werden – sagen wir z.B. KI-Prompting für AnfängerInnen o.ä. Mit einem klaren Zeitinvestment kann man sich dort einbuchen und dies durchlaufen, das Gewünschte lernen und sich damit wohin auch immer weiter entwickeln.

Es können aber auch größere Lernbausteine sein, die sich ggf. aus mehreren Online-Kursen zusammen setzen – sagen wir z.B. Grundlagen zur Entwicklung eines eigenen GPT-Modells. Solche zu sog. Microcredentials aufgeplusterten Lerneinheiten lassen sich ggf. auf ein Studium mit ECTS-Punkten anrechnen. Und manche wünschen dies.

Hier kann die von ChatGPT vollzogene Unterscheidung also durchaus zutreffen: Online-Kursplattformen eher für aktuelle, pragmatische Angebote – MOOC-Plattformen eher für theoretisch wie akademisch fundierte Einheiten, die Personen für “höhere” Aufgaben via (Selbst-)Reflexion und Diskurs qualifizieren.

Und solche Angebote braucht es vielfältig und in unterschiedlicher inhaltlicher Tiefe und medialer Qualität.

Lernangebote, die inspirieren

Nun denken wir den konnektivistischen Teil (s.o.) etwas weiter und stellen uns vor: Die Dynamik der weltgesellschaftlichen Zusammenhänge und der Veränderungen am Arbeitsmarkt ist so hoch: Niemals werden fundierte Ansätze das relevante Wissen und den Umgang damit ansatzweise zeitnah realisieren können. Menschen müssen sich heutzutage selbst reflektierend und orientierend bewegen können – auch mit Blick auf ihre persönliche Weiterentwicklung.

Da die meisten Menschen allerdings zeitintensiv in verschiedenen Kontexten eingebunden sind, ist es individuell selten förderlich, sich einem umfangreicheren Lernprogramm auszusetzen, von dem vielleicht nur 20% aktuell für eineN relevant sind. Es kommt also darauf an, jetzt selbst entscheiden zu können, was einer/einem in dem Moment am besten und schnellsten weiterhilft.

Je nach Zielsetzung, gewünschtem inhaltlichem Niveau, Kostenpunkt und Aktualität ist es hier völlig wurscht, ob man eine Onlinekurs-Plattform oder eine MOOC-Plattform wählt. Wichtig ist, sich selbst zu kennen und dann gezielt sich das anzueignen, was man benötigt.

Manchmal kann einem dabei die etwas größere, theoretisch fundierte Version einer Dozentin auf einer MOOC-Plattform vielleicht besser weiterhelfen. Oft ist aber ein liebevoll aufbereiterer Online-Kurs eines Detail-Experten viel zielführender, weil er sich wirklich in der aktuellen Materie besser auskennt. Hier braucht es keinen großen, pädagogisch ausgefeilten Diskursraum, sondern es hilft eine How-to-Anleitung. Es ist dann eine individuelle Just-in-time-Infusion zur schnellen Aneignung praxisorientierten Knowhows zum Selbstlernen.

MOOCs hingegen können ggf. als Eventisierung von Lernangeboten eine andere, soziale Komponente bedienen. Dies kann über einen gemeinsamen Startpunkt geschehen. Oder eine ausgefeilte Peer-to-peer-Funktionalität (z.B. bei Coursera), um große Lernenden-Massen in den Austausch und zum Denken zu bringen.

Und damit beende ich jetzt meinen Denkprozess – vorläufig 😉

Fazit

MOOC-Plattformen ermöglichen im besten Fall eine Eventisierung des Lernens, indem sie Menschen zusammenbringen und in den gemeinsamen Austausch bringen. Nach dem Online-Live-Event, der nicht unbedingt 100%ig zeitgleich für alle Beteiligten laufen muss, wird aus MOOCs ein klassischer Online-Kurs. Aus meiner Erfahrung mit dem Arbeit 4.0-MOOC, der als 7-tägiges Event geplant und durchgeführt wurde, funktioniert die Transformation eines MOOCs in einen Online-Kurs nur bedingt. Es ist schal und für Nachzügler/innen nicht nachvollziehbar, wie die Anlage für das Live-Event gedacht war.

Also, in aller Kürze:

Ja, “MOOCs” haben weiterhin ihre Berechtigung. Und sind etwas anderes als Online-Kurse. Leider wird die Eventisierung und die soziale Komponente zu selten beachtet und herausgestellt. Aber genau dadurch können sie eine gesellschaftliche Weiterentwicklung durch eine soziale Gemeinschaft der Lernenden entstehen lassen.

Und damit ist klar:

Udemy ist ein Online-Kursanbieter, vergleichbar zu LinkedIn Learning, ZEIT-Akademie etc. – nur etwas niedrigschwelliger und gefälliger für Personen ohne akademischen Abschluss.

Und Coursera ist zu Recht die (!) MOOC-Plattform, weil sie die Eventisierung des Lernens technologisch am weitesten getrieben haben.

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