Schau auf deine Tastatur. Die oberste Buchstabenreihe beginnt mit Q, W, E, R, T — das ist kein Zufall, aber auch kein Ergebnis ergonomischer Überlegungen. Diese Anordnung stammt aus dem 19. Jahrhundert und hatte einen einzigen Zweck: die häufigsten Buchstabenkombinationen möglichst weit auseinanderzulegen, damit die Typenhebel früher Schreibmaschinen sich nicht verhaken. Verlangsamung als Designziel.
Das war kein Versehen. Es war die Lösung für ein echtes technisches Problem — damals.
QUERTY – das Original
Christopher Latham Sholes entwickelte das Layout in den 1870er Jahren in den USA. Die Remington-Schreibmaschine brachte es 1873 auf den Markt — und damit begann die Verbreitung. Nicht weil das Layout das beste war, sondern weil Remington der erste Hersteller mit industrieller Reichweite war.
In den 1930er Jahren war das ursprüngliche Problem längst gelöst. Die Mechanik hatte sich verbessert. Schnelles Tippen war kein Problem mehr.
August Dvorak entwickelte daraufhin eine Tastatur, die das Gegenteil versuchte: ergonomisch, lernfreundlich, auf Effizienz ausgelegt. Seine eigenen Studien zeigten beeindruckende Ergebnisse. Experimente der U.S. Navy zeigten in den 1940er Jahren sogar, dass sich die Umschulungskosten durch die Effizienzsteigerung in nur zehn Tagen amortisiert hätten. Spätere Forschende haben diese Zahlen angezweifelt — Dvorak war eben kein neutraler Beobachter.
Aber selbst wenn man die konkreten Werte streicht: Die Grundfrage bleibt gültig. Eine bessere Alternative existierte. Sie setzte sich nicht durch. Selbst Apple scheiterte später mit einem integrierten Umschalter auf das Dvorak Simplified Keyboard (DSK) beim Apple IIC.
Warum gelang nicht der Durchbruch?
Weil QWERTY funktioniert. Nicht optimal — aber ausreichend. Und ausreichend ist der größte Feind von besser. Wer gelernt hat, auf QWERTY zu tippen, hat investiert: Zeit, Muskelgedächtnis, Routinen. Der Wechsel kostet kurzfristig mehr, als er langfristig bringt — zumindest fühlt er sich so an. Je kompetenter jemand im alten System ist, desto weniger sieht man die Notwendigkeit eines Wechsels.
Das ist Pfadabhängigkeit. Und es ist kein Randphänomen der Technikgeschichte.
Exnovation — das bewusste Abbauen veralteter Strukturen — scheitert selten daran, dass keine bessere Alternative bekannt wäre. Sie scheitert daran, dass das Bestehende noch funktioniert. Die Tastatur hängt nicht. Das System läuft. Der Betrieb geht weiter. Und solange das so ist, fehlt der Moment, in dem irgendjemand ernsthaft fragt: Warum machen wir das eigentlich noch so?
Institutionen produzieren QWERTY-Effekte am laufenden Band. Genehmigungsverfahren, die für analoge Aktenordner entworfen wurden. Meetingstrukturen aus einer Zeit, in der Koordination anders aussah. Bewerbungsprozesse, die Zertifikate prüfen, weil niemand je einen anderen Maßstab eingeführt hat. Niemand hat diese Dinge bewusst verteidigt. Sie haben überlebt, weil niemand sie bewusst beendet hat.
Innovation fragt: Was könnte neu entstehen? Exnovation fragt: Was hält das Neue davon ab, entstehen zu können? Die zweite Frage ist unbequemer. Sie richtet sich gegen das, was bereits funktioniert — und damit gegen die Leute, die für dieses Funktionieren verantwortlich sind. Wer QWERTY gelernt hat, lernt keine Dvorak-Tastatur.
Solange Organisationen nur in Innovationslogik denken, werden sie neue Ideen auf alte Strukturen setzen. Das Ergebnis ist bekannt: Die neue Idee passt sich an — oder verschwindet. Die Struktur bleibt.
Die Tastatur, mit der du dies gerade liest und vielleicht weiter verarbeitest, ist ein gutes Beispiel dafür, wie lange eine Lösung überleben kann, nachdem das Problem, für das sie gebaut wurde, verschwunden ist.
QUERTZ – die Reise nach Europa
Und die Geschichte geht weiter.
Als Schreibmaschinen in den deutschsprachigen Markt kamen — durch Remington, aber auch durch europäische Hersteller wie Adler und Olympia — stand man vor einem praktischen Problem: Das englische Layout passte nicht zur deutschen Schriftsprache.
Z ist im Deutschen einer der häufigsten Anfangsbuchstaben überhaupt. Y hingegen kommt fast nur in Fremdwörtern vor. Im englischen QWERTY sitzt Z am äußersten Rand der unteren Reihe — schwer erreichbar, für deutsche TipperInnen ein dauerhaftes Ärgernis. Y dagegen hatte auf diesem Premiumplatz nichts verloren. Der Tausch war pragmatisch und naheliegend. Dazu kamen die Umlaute: ä, ö, ü sind im Deutschen keine Sonderfälle. Im englischen Original belegten Sonderzeichen diese Positionen, die im deutschen Schreiballtag kaum gebraucht wurden. Also wurden sie verdrängt. Das ß folgte derselben Logik.
Die Hersteller lösten das zunächst jeder für sich. Ein einheitliches deutsches Layout gab es nicht — bis der Industrienormenausschuss in den 1920er Jahren die Norm DIN 2112 festschrieb. Erst damit wurde aus einer pragmatischen Herstellerentscheidung ein verbindlicher Standard. QWERTZ war ab diesem Punkt nicht mehr eine von mehreren Lösungen, sondern die deutsche Tastatur.
Was Normierung anrichtet, zeigte sich dreißig Jahre später. In den 1950er Jahren entwickelte Karl Riha die Deutsche Reformtastatur — ein ernsthafter Versuch, die Ergonomie grundlegend zu verbessern. Es scheiterte trotzdem. Nicht an technischen Mängeln, sondern an den Fingern der Sekretärinnen, die bereits auf DIN 2112 trainiert waren. Die Norm saß nicht mehr im Papier — sie saß im Muskelgedächtnis.
Niemand hatte dabei je die Grundfrage gestellt: ob die importierte Logik — häufige Buchstabenkombinationen auseinanderziehen — für das Deutsche überhaupt sinnvoll ist. Man hat angepasst, normiert, verteidigt. Nur nicht überprüft.
QWERTZ klingt wie eine eigenständige deutsche Lösung. Es ist QWERTY mit Regionaleinstellungen — und dreißig Jahren institutioneller Verfestigung obendrauf.
Literatur
- Bils, Sandra & Töpfer, Gudrun L. (2024): Exnovation und Innovation
- Heyen, Dirk Arne (2016): Exnovation: Herausforderungen und politische Gestaltungsansätze für den Ausstieg aus nicht-nachhaltigen Strukturen
- David, Paul A. (1985): Clio and the Economics of QWERTY. American Economic Review, 75, 332–337
