Souveränität ist ein leeres Wort: Warum wir über „Kapazität“ sprechen müssen.

Wir benutzen ein Wort, das wir nicht verstehen, für ein Problem, das wir damit nicht lösen können.

Doch wenn man den Lack abkratzt, offenbart sich ein gefährliches Missverständnis. Wir klammern uns an ein Konzept von Souveränität, das Jean Bodin 1576 formulierte, um – wie Eva-Sophie Mörschel analysierte – in einer Zeit des vorstaatlichen Chaos überhaupt erst eine stabile Ordnung zu schaffen: Die absolute Herrschaft über ein Territorium.

Bis heute glauben wir immer noch:

„Wenn wir Mauern bauen (Firewalls) und Gesetze erlassen (Territorialprinzip), haben wir die Kontrolle.“

Das ist die „Bodin-Falle“. Und sie schnappt gerade zu.

Die politische Theorie warnt uns längst: Staat und Souveränität entkoppeln sich. In einer vernetzten Welt ist die Idee der territorialen Abkapselung eine Illusion. Wer heute versucht, eine „Festung Europa“ zu bauen, gewinnt keine Souveränität. Er verliert lediglich den Anschluss.

Der Politikwissenschaftler Daniel Lambach bringt es auf den Punkt: Statt diesem starren Souveränitätsbegriff hinterherzujagen, sollten wir über „Kapazität“ sprechen – also über tatsächliche Handlungsfähigkeit.

Genau hier versagen wir. Wir bauen technologisch reine, aber inkompetente Inseln. Wir züchten eine digitale Moral-Elite heran, die zwar ethisch sauber Open Source nutzt, aber irrelevant wird, weil sie die dominanten Werkzeuge der Weltwirtschaft nicht beherrscht.

Schluss mit der Begriffs-Romantik. Zeit für die „Souveräne Navigatorin“.

Wenn Souveränität als Zustand (Autarkie) nicht mehr erreichbar ist, müssen wir sie als Fähigkeit definieren. Es geht um einen radikalen Realismus:

  1. Kapazität vor Territorium: Es ist egal, wo der Server steht. Entscheidend ist die „Gestaltungsmacht“ – wer kontrolliert das Ergebnis?
  2. Intelligence as a Utility: Wir müssen aufhören, KI-Modelle moralisch aufzuladen („Vertrauen“). Betrachten wir sie als strategische Ressource – wie Strom. Wir müssen sie nicht lieben. Wir müssen sie bezahlen und rücksichtslos für unsere Ziele nutzen.
  3. Management von Abhängigkeiten: Souverän (oder kapazitär handlungsfähig) ist nicht, wer auf niemanden angewiesen ist. Sondern wer auf niemanden allein angewiesen ist.

Doch Realismus heißt nicht Kapitulation. Wir nutzen die US-Power heute als Hebel, während wir parallel und ohne Naivität am eigenen europäischen Stack arbeiten. Nicht, um uns in einer illusorischen Festung zu verstecken, sondern um langfristig echte Alternativen und damit Verhandlungsmacht aufzubauen.

24 Tage. 24 Orte. Eine Neudefinition.

Weil diese Theorie in Papieren oder Echokammern verstaubt, trage ich sie jetzt auf die Straße. Ich hab vor ein paar Tagen ein Experiment gestartet. Ein Adventskalender, der weh tut. Keine Schokolade, sondern Realpolitik.

In den nächsten Tagen veröffentliche ich bis Heiligabend jeden Tag ein Instagram/Facebook-Reel (vormittags) bzw. YouTube-Short (nachmittags), das diesen neuen Begriff von „Kapazität“ beleuchtet – gedreht an Orten in Berlin, die Symbole unserer Zerrissenheit sind:

  • Vor der NS-Architektur des Flughafen Tempelhof: Dieses Gebäude steht für den Wahn der totalen Kontrolle und Autarkie. Es erinnert uns daran, dass der Versuch, eine „unabhängige Festung“ zu bauen, historisch gescheitert ist – und auch digital scheitern wird.
  • Im Deutschen Spionagemuseum: Früher ging es darum, Geheimnisse wegzuschließen. Heute müssen wir lernen, die „Black Box“ der KI-Modelle zu nutzen, ohne uns von ihr gläsern machen zu lassen.
  • Vor der Siegessäule: Weil man im Datensumpf den strategischen Überblick braucht, um vom Spielball zur Spielerin zu werden.

Das Ziel: Vom Opfer zur Akteurin.

Wir haben uns bisher verhalten wie InselbewohnerInnen, die stolz ihr eigenes Kanu schnitzen, während die Containerschiffe der Hyperscaler an uns vorbeiziehen. Das Projekt #RadikalSouverän ist der Aufruf, an Bord dieser Schiffe zu gehen. Wir müssen nicht den Rumpf besitzen, um das Steuer zu übernehmen.

Es geht nicht mehr um den alten Traum von Bodin. Es geht um unsere Handlungsfähigkeit im Hier und Jetzt.

Ich lade euch ein, diesen Weg mitzugehen. Jeden Tag ein Impuls. Jeden Tag etwas weniger Tech-Romantik, jeden Tag etwas mehr Kapazität.

Starten wir.

Hier dem Projekt auf Instagram folgen.

Titelbild: © Nicole Bauch

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