Wandel in der Bildung durch KI mit Sprachfähigkeit
Christiane Carstensen (LinkedIn) hat in dem Vortrag “GenAI am Arbeitsplatz – Chancen und Herausforderungen in der Erwachsenenbildung” eindrucksvoll dargestellt, wie Künstliche Intelligenz (KI), insbesondere Generative KI die Bildung verändert. Als Expertin für Sprache in der Bildung von der Deutsch im Job GmbH hat sie in der Online-Session den Fokus auf die Sprachfähigkeit von KI und deren Potenziale im Bildungsbereich gelegt. Lernende nutzen bereits heute KI, um zu kommunizieren und sich ohne Lehrende zu informieren und Wissen anzueignen. KI bringt Veränderungen in der Erwachsenenbildung mit sich, die weit über eine bloße technologische Ergänzung hinausgehen. Die Frage, ob ein Paradigmenwechsel bevorsteht, der eine völlig neue Perspektive auf Lernprozesse und die Rolle von Bildungsanbietern erfordert, wurde lebhaft diskutiert von den Teilnehmenden in dieser Videokonferenz, die stattfand im Rahmen von KI-Kompass: Navigieren durch den neuen Arbeitsmarkt.
Die wahre Veränderung durch KI: Sprachfähigkeit
Die eigentliche Revolution der KI liegt in ihrer Fähigkeit, natürliche Sprache zu verstehen und zu verarbeiten, betont Christiane. KI ist in der Lage, die spezifische Art und Weise zu erkennen und zu verstehen, wie jede Person kommuniziert. Unabhängig davon, ob jemand Deutsch spricht, eine andere Muttersprache hat, in einfacher Sprache spricht oder unterschiedliche Bildungs- und Sprachebenen aufweist.
ChatGPT sieht, hört und spricht
Wir beginnen mit der Einführung neuer Sprach- und Bildfunktionen in ChatGPT. Sie bieten eine neue, intuitivere Benutzeroberfläche, mit der Sie ein Sprachgespräch führen oder ChatGPT zeigen können, worüber Sie sprechen.
– OpenAI: ChatGPT can now see, hear, and speak, 25.09.2023, Abruf: 4.07.2024
Stoßen Menschen auf unbekannte Situationen und stellen in ihrer Sprache die Frage – Was ist das? – gibt ihnen KI eine verständliche Antwort. Diese Fähigkeit ermöglicht es der KI nicht nur in natürlicher Sprache zu kommunizieren, sondern sich auch anzupassen an individuelle Sprachstile, Bildungshintergründe und sogar Einschränkungen. Lernende können direkt mit der KI interagieren, Fragen stellen und Erklärungen in ihrer eigenen Sprache und auf ihrem Niveau erhalten. Dies eröffnet völlig neue Möglichkeiten des personalisierten Lernens.
Praxisbeispiel: KI im Einsatz
Ein anschauliches Beispiel aus der Praxis von Christiane zeigt eine Auszubildende, die ein Foto von ihrem Arbeitsplatz auf ChatGPT hochlädt und fragt: „Was ist das?“. Die KI erkennt die Geräte auf dem Bild, benennt sie und erklärt ihre Funktionen. Auch eine Antwort in einfacher Sprache für Kinder kann die KI generieren. Dieses Beispiel verdeutlicht, wie KI flexibel auf unterschiedliche Bedürfnisse eingehen kann und Lernende in ihrem Alltag unterstützt.

Superkräfte für Lernende
Durch den direkten Zugang zu KI-gestütztem Wissen erhalten Lernende quasi „Superkräfte“. Sie können komplexe Themen eigenständig erkunden, Erklärungen in verschiedenen Formaten (Text, Audio, Video) abrufen und sogar in Fremdsprachen kommunizieren. Diese Entwicklung stellt die traditionelle Rolle von Lehrenden als WissensvermittlerInnen grundlegend infrage. Das alles könnte auf einen Paradigmenwechsel zulaufen: Anstelle eines dominanten Bildungsanbietermarktes, in dem Institutionen und Lehrende den Zugang zu Wissen steuern, könnte ein „lernendenzentrierter Markt” entstehen. In diesem neuen Modell definieren und gestalten Lernende aktiv ihre Bildungsreise, wählen Ressourcen nach eigenen Bedürfnissen und Interessen aus und entwickeln so eine stärkere Eigenverantwortung und Selbstbestimmung in ihrem Lernprozess.
Herausforderungen für Bildungsanbieter
Viele traditionelle Bildungsanbieter haben Schwierigkeiten, sich an diese neue Realität anzupassen. Oft wird versucht, bestehende Lehrmethoden lediglich mit KI “aufzupeppen“, anstatt den notwendigen Perspektivwechsel zu vollziehen. Die Gefahr besteht, dass Lernende die klassischen Bildungsangebote umgehen und direkt auf KI-gestützte Ressourcen zugreifen.
Der Tenor ist kein Perspektivwechsel auf Bildung.
Der Tenor ist, wie mache ich das, was ich schon immer gemacht habe, mit KI.
– Christiane Carstensen
Der Blick aus der Perspektive der Lernenden verdeutlicht, dass nicht mehr unsere Meinung als Lehrende, TrainerInnen oder ErwachsenenbildnerInnen im Vordergrund steht, betont Christiane. Sie fügt hinzu, dass Menschen zunehmend auf KI-gestützte Bildungsressourcen zugreifen, ohne uns als Lehrende um Erlaubnis zu bitten oder unsere Zustimmung einzuholen. Sie tun es einfach, oft sogar bevor sie überhaupt in Erwägung ziehen, unsere Bildungsangebote zu nutzen. Christiane kann sich gut vorstellen, dass Menschen bald sagen werden: „Mit KI kann ich so gut eine Sprache lernen, ich gehe gar nicht mehr erst in einen Kurs, ich biege vorher ab.“
Neue Akteure und Formate
Die globale Skalierbarkeit von KI-basierten Bildungsangeboten führt zum Auftreten neuer Akteure auf dem Bildungsmarkt. Gleichzeitig entstehen innovative Lernformate und -umgebungen, die traditionelle Kursstrukturen infrage stellen. Bildungsanbieter müssen sich fragen, ob ihre bisherigen Angebote in dieser neuen Landschaft noch relevant sind.
Veränderung der Arbeitswelt
Die Transformation betrifft nicht nur den Bildungssektor, sondern die gesamte Arbeitswelt. Berufsbilder und Qualifikationsanforderungen verändern sich rasant.
Christiane brachte ein interessantes Beispiel ein, wie KI die Wartung von Eisenbahnweichen mittels Augmented Reality revolutioniert und damit ganze Berufsbilder verändern könnte. Dies führte zu Überlegungen, wie die Erwachsenenbildung auf solche Veränderungen reagieren und Menschen auf neue Anforderungen vorbereiten kann.
Ein weiteres Beispiel aus der Bäckerbranche zeigt, wie KI-gestützte Gär-Technologie Arbeitszeiten drastisch verbessern kann. Bäcker müssen dank dieser Innovation nicht mehr mitten in der Nacht aufstehen, sondern können um sechs Uhr anfangen, was den Beruf deutlich attraktiver macht. In Zeiten von Fachkräftemangel ist es entscheidend, Berufe durch solche technologischen Innovationen attraktiver zu gestalten, um talentierte Arbeitskräfte zu gewinnen und zu halten.

Die Digitalisierung ermöglicht zudem den Einsatz von ExpertInnen über große Distanzen hinweg oder die Unterstützung von Fachkräften durch KI-gestützte Systeme. Dies erfordert eine Neuausrichtung der beruflichen Weiterbildung hin zu mehr Vernetzung und Flexibilität.
Mehr Bildungsgerechtigkeit wagen
In ihrer Präsentation spricht Christiane auch das wichtige Thema der Bildungsgerechtigkeit an. Sie betont, dass die Auswirkungen von KI auf die Bildungsgerechtigkeit bisher zu wenig diskutiert werden.
Einerseits sieht sie in KI-Technologien großes Potenzial für mehr Inklusion und Barrierefreiheit in der Bildung. So können KI-gestützte Lerntools beispielsweise individuell auf die Bedürfnisse von Lernenden eingehen, unabhängig von deren Vorkenntnissen oder möglichen Einschränkungen.
Andererseits warnt sie davor, dass der Einsatz von KI in der Bildung auch zu neuen Ungleichheiten führen könnte. Sie betont, dass es wichtig sei, allen Menschen Zugang zu diesen neuen Technologien und den damit verbundenen Lernmöglichkeiten zu verschaffen.
Besonders im Bereich der Grundbildung und der Erwachsenenbildung sieht Christiane die KI als Chance, bisher benachteiligte Gruppen besser zu erreichen und zu fördern.
Der Weg nach vorn
Um in dieser sich schnell verändernden Landschaft relevant zu bleiben, sollten Bildungsanbieter, so Christiane:
🔎 Die Perspektive der Lernenden einnehmen und verstehen, wie diese KI im Lernprozess nutzen
⚙️ Innovative Formate entwickeln, die die Stärken menschlicher Interaktion mit den Möglichkeiten von KI kombinieren
🧑🏽🦰 Sich auf Bereiche konzentrieren, in denen menschliche Expertise einen echten Mehrwert bietet
⤴ Flexibel auf sich ändernde Anforderungen des Arbeitsmarktes reagieren
🖥️ Die eigene digitale Kompetenz kontinuierlich weiterentwickeln
⚖️ Den Umbruch in der Erwachsenenbildung erkennen, der sowohl Chancen als auch Herausforderungen mit sich bringt
🚀 Bereit sein, alte Denkmuster zu hinterfragen und mutig neue Wege zu gehen, um in der KI-Ära erfolgreich zu sein
⭐ Die enormen Möglichkeiten von KI zu nutzen, um Lernende bestmöglich auf eine sich rasant verändernde Welt vorzubereiten
Die Erwachsenenbildung steht vor einem Umbruch, der sowohl Chancen als auch Herausforderungen mit sich bringt. Nur wer bereit ist, alte Denkmuster zu hinterfragen und mutig neue Wege zu gehen, wird in der KI-Ära erfolgreich sein. Es gilt, die enormen Möglichkeiten von KI zu nutzen, um Lernende bestmöglich auf eine sich rasant verändernde Welt vorzubereiten.
Weitere Herausforderungen
Nach dem inspirierenden Vortrag von Christiane Carstensen entfachte sich eine lebhafte Diskussion unter den Teilnehmenden. Viele griffen die von Christiane angesprochenen Themen auf und ergänzten sie um eigene Erfahrungen und Perspektiven.
Ein zentraler Diskussionspunkt war die langsame Modernisierung der Erwachsenenbildung, die von einigen TeilnehmerInnen kritisch gesehen wurde. Es wurde betont, dass viele Bildungsanbieter und BildungspolitikerInnen noch zu sehr in traditionellen Strukturen und Denkweisen verhaftet seien und die Chancen der KI nicht ausreichend nutzen würden.
Honorarkräfte, die ihren Lebensunterhalt in der Erwachsenenbildung bestreiten, sehen sich zudem unter wachsendem Druck. Zum einen wiesen sie auf die starren Vorgaben und Richtlinien hin, die es erschweren, neue Technologien und Methoden in den Unterricht zu integrieren. Auf der anderen Seite werden sie aktuell kaum mehr beauftragt, weil derzeit die Angst der deutschen Bildungsanbieter vor erheblichen Nachzahlungen aufgrund von Scheinselbstständigkeit eine gewisse Zurückhaltung auferlegt. Wir berichteten im Juni-Newsletter von diesem Problem.
Zudem wurde die Notwendigkeit betont, dass Führungskräfte und EntscheidungsträgerInnen im Bildungsbereich sich selbst mit KI auseinandersetzen müssen, um fundiertere und modernere Entscheidungen treffen zu können. Es gibt also viel zu tun.
Insgesamt zeigte die Diskussion, dass ein großer Bedarf an Austausch und Weiterbildung zum Thema KI in der Erwachsenenbildung besteht. Die Teilnehmenden waren sich einig, dass es nicht ausreicht, KI nur oberflächlich in bestehende Strukturen zu integrieren, sondern dass ein grundlegender Perspektivwechsel und eine Neuausrichtung der Bildungsangebote notwendig sind. Die KI-Kompass-Reihe wurde ausdrücklich gelobt, eben weil sie ein niedrigschwelliges Austauschformat zum Weiterdenken anbietet.
