Wolf Lotter hat es kürzlich in der taz FUTURZWEI auf den Punkt gebracht: Deutschland leidet am Soziokulturellen Fatigue-Syndrom, kurz: SKFS. Menschen, die genug haben von Veränderungen – obwohl sie selbst keine vollzogen haben. Die Beamtin aus Wien, die sagt: Das betrifft mich nicht. Sie ist nicht verschwunden. Sie sitzt im Führungskreis.
Nur trägt sie heute einen anderen Titel.
Was wir gerade in Organisationen beobachten, ist strukturell dasselbe. KI-Budgets werden freigegeben. Transformationsbeauftragte werden eingestellt. Weiterbildungsprogramme werden gebucht. Und dann – nichts. Keine echte Entscheidung, keine echte Richtung, keine echte Konsequenz. Nur das beruhigende Gefühl, etwas getan zu haben.
Das ist nicht Trägheit. Das ist System.
Wer in einer Organisation Verantwortung trägt, ohne persönliches Risiko einzugehen, hat einen strukturellen Anreiz zur Simulation. Transformation für alle – aber ich bin ausbildungstechnisch nicht zuständig. Ich habe gerade ein Meeting. Wir beobachten das erst mal. Diese Sätze klingen nach Vorsicht. Sie sind Schutzbehauptungen.
Das Perfideste daran: Die Simulation ist teuer genug, um ernst zu klingen. Ein KI-Sprint hier, ein Strategieworkshop dort, ein externer Berater, der bestätigt, was man ohnehin dachte. Das reicht, um nach oben zu berichten, dass man dabei ist. Und nach unten zu signalisieren, dass man es ernst meint.
Was dabei entsteht, ist kein Wandel. Es ist Innovationstheater mit echtem Budget.
Für Führungskräfte, die tatsächlich etwas bewegen wollen, verschärft sich die Lage dadurch erheblich. Sie sitzen in denselben Systemen. Sie kämpfen gegen dieselbe Schwerkraft. Und sie wissen – oft ohne es benennen zu können –, dass das Problem nicht Kompetenz ist, nicht Mut, nicht Ressourcen. Das Problem ist, dass die Struktur, in der sie arbeiten, für Stillstand gebaut wurde und Bewegung nur simulieren muss.
Das ist der Kern. Nicht KI. Nicht Digitalisierung. Auch nicht der nächste Trend.
Die eigentliche Frage lautet: Wie entscheidet man in einem System, das Entscheidungen bestraft?