ARCHIVIERT: Anja C. Wagner – berät bei digitalen Lernmethoden

Bildung.Table #87

Für die eigene Dokumentation. TABLE.BILDUNG vom 2. November 2022. Das Interview wurde geführt von Sarah Kroeger.


Anja Wagner: digitaler Bildungsprofi und Gründerin der Agentur Frolleinflow.

Sie nennt sich selbst eine Bildungsquerulantin. „Weil wir das Bildungssystem gegen den Strich bürsten und bei der digitalen Transformation helfen“, sagt Anja Wagner. Mit „wir“ meint sie die digitale Bildungsagentur Frolleinflow. Gemeinsam mit Nicole Bauch, Senior Consultant für E-Learning, betreibt sie die Agentur seit 2011. Sie beraten Kunden wie die Klett-GruppeVolkshochschulen und Hochschulen zu bildungspolitischer Transformation, digitaler Kompetenz und zur Zukunft der Bildung und Arbeit.

Nach einem Studium der Sozialwissenschaften an der Universität Göttingen und einer Weiterbildung zur Multimedia-Designerin arbeitete sie mehrere Jahre als freie Konzepterin für verschiedene Multimedia-Agenturen. Bei einer Agentur kam sie mit digitaler Bildung in Berührung, ein Thema, das sie seitdem nicht mehr loslässt.

Das Internet als neuer Lernraum

Von 2002 bis 2011 war sie an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin Lehrbeauftragte und Projektverantwortliche. Ihr Schwerpunkt: Der Einsatz von Videotechnologien in E-Learning-Szenarien und die Nutzung von Web 2.0 für moderne Arbeitsprozessorganisation. Immer wieder beschäftigte sie die Frage, wie Videos das Lernen an Unis verbessern können. Währenddessen promovierte Anja Wagner. Sie untersuchte, wie das Internet als Bildungsort auch von Menschen genutzt werden kann, die in den formalisierten Bildungsstrukturen weniger erfolgreich sind. Die Erkenntnis: Das Netz als neuer Lernraum könnte diesen Menschen weiterhelfen – wenn sie denn wüssten, wie Lernen dort funktioniert.

Heute hält Anja Wagner mit Frolleinflow zum Beispiel Vorträge über die Zukunft einer modernen Aus- und Weiterbildung, bildet Schulleitungen in digitaler Transformation weiter, unterstützt Bildungsprojekte, die neue Wege einschlagen möchten oder entwickelt Online-Kurse für Studierende zu „New Work & Future Skills“.

2021 wurde ihr Buch „Berufen statt zertifiziert“ veröffentlicht, in dem sie beschreibt, warum es ihrer Meinung nach Zeugnisse und Zertifikate kaum noch braucht. „Das Zertifikate-System ist größtenteils zu langsam für die schnelllebige Welt in der digitalen Transformation“, sagt Wagner. Gerade in jüngerer Zeit seien Tätigkeiten entstanden, die sich immer weniger in eindeutige Qualifikationsbündel fassen lassen, die man als Beruf bezeichnen könnte. Für diese gebe daher auch keine normierten Bildungswege mit zertifizierenden Abschlüssen.

Lebenslanges Lernen erleichtern

Anja Wagner fragt sich, ob Schulen und Hochschulen überhaupt dazu fähig sind, auf die Welt da draußen vorzubereiten. Die zentrale Aufgabe von Bildungsinstitutionen sei eigentlich, dabei zu unterstützen, „dass Menschen lernen, wie sie sich in den unsicheren Zeiten heute bewegen können und offen bleiben für neues Wissen.“ Damit sie, wenn sie in die Arbeitswelt entlassen werden, immer wieder bereit und fähig sind, sich auch alleine ständig weiterzuqualifizieren.

Digitale Bildung kann dabei helfen, meint Wagner. Aber nur, wenn man ihr transformatives Potenzial nutzt. Das alte, standardisierte Lehr-Lern-Modell sollte mit digitalen Tools nicht einfach effizienter werden. Es brauche vielmehr neue Methoden, mit denen Lernende das Potenzial des Lernraums Internet für die persönliche Weiterentwicklung nutzen können. Wagner spricht sich für ein vernetztes Lernen aus – in der Gemeinschaft und im Kontakt mit anderen und nicht vermittelt durch einzelne Experten. Eine Kombination mit Präsenzangeboten hält Wagner dabei für sinnvoll. Wichtig sei zudem, dass die Lernenden die eigene Neugierde antreibt. „Darauf sollte das institutionelle Bildungssystem vorbereiten“, sagt Wagner. „Und Ed-Techs sollten einen Beitrag leisten, um diesen lebenslangen Lernprozess maximal zu erleichtern.“