Einseitige Interpretationen des Silicon Valleys

Ein kritisches Verständnis unserer Zeit zu entwickeln, ist vielleicht die wichtigste Kompetenzfacette in einer demokratisch legitimierten Gesellschaft. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk mit seinem Bildungsauftrag soll (unter anderem) ein solch kritisches Verständnis verstetigen helfen:

  • Aufklären, was sich aktuell tut in der Welt.
  • Diese Entwicklungen kritisch reflektieren und einordnen helfen.
  • Ein Bewusstsein schaffen für notwendige Interventionen.

Dieses Bemühen scheint durch die hier hinterlegte Dokumentation über “Utopia – irre Visionen in Silicon Valley” hindurch – und hinterlässt eine*n doch etwas irritiert zurück.

Hier die Selbstverortung:

2016 führte die Dokumentation “Schöne Neue Welt” von Angela Andersen und Claus Kleber Millionen Zuschauern vor Augen wie der Tsunami von Innovationen weit mehr erfasst als die Welt des Internets. In weniger als zwanzig Jahren wurden fünf Milliarden Menschen mit tragbaren Supercomputern ausgestattet, vernetzt mit dem gesamten Wissen und Unsinn der Menschheit. Unheimlich. Und unheimlich, wie fast geräuschlos das ging – bis 2016 mit dem Doppelschlag Brexit und Trump unkalkulierbare Folgen sichtbar wurden.
“Utopia” ist ein aktueller, kritischer Blick auf diese Entwicklungen.

Aha. Brexit und Trump als zentrales Resultat von vernetzten Supercomputern und den Möglichkeiten des Internets. Really? Das ist doch allzu unterkomplex. Und entspricht eher dem Blick aus der Konservendose eines alten Medienverständnisses, das der Vielschichtigkeit einer digital vernetzten Welt im Informationszeitalter kaum gerecht werden will. Und so schossen mir bei der Doku-Ansicht diverse Fragen durch den Kopf:

  • Was unterscheidet mediale Internetunternehmen von populistischen Verlagshäusern, die in der Aufmerksamkeitsökonomie um Einnahmequellen buhlen?
  • Wie soll Innovation sonst entstehen, wenn nicht in bislang ungeregelten Grauzonen?
  • Stehen private Unternehmen wie SpaceX tatsächlich in Konkurrenz zu Nationalstaaten oder hat die NASA nicht vielmehr über ein Public-Private-Partnership genau deren Vorteile für sich gewinnen wollen?!
  • Haben wir hier jeden Anspruch verloren, die Welt von morgen aktiv mitzugestalten, auch mit kluger Technologie?

Es sind merkwürdig einseitige Einordnungen in dieser Doku, die mehr Angst vor der Zukunft schüren, als Offenheit bei den Menschen zu fördern, um auch die Chancen einer digital vernetzten Welt für eine nachhaltige Welt zu eruieren.

Sicherlich sollten wir kritisch auf libertäre Entwicklungen blicken und eine gesellschaftliche Reflexion derselben unterstützen. Aber dieser (typisch deutsche?) Hass auf den technokratischen Gestaltungswillen von (ja) US-Männern, die aber doch eingebunden sind in ein komplexes Abhängigkeitsverhältnis von Kapitalgeber*innen, politischen Regularien und einer marktwirtschaftlichen Nachfrage, wird der Sache nicht gerecht. 

Es stünde der Dramatik der krisenhaften Zeit nicht schlecht, auch den möglicherweise positiven Potenzialen und Wirkmechanismen von diesen und anderen sozio-technologischen Erfindungen nachzugehen, um diese für die Gestaltung einer nachhaltigen Welt zu nutzen. Aber das setzt einen konstruktiven Gestaltungswillen voraus – und nicht nur mediale Negativkritik auf pseudointellektuellem Niveau.

Schaut selbst!

Video verfügbar bis 19.07.2027


Artikel am 21. Juli 2022 erschienen auf piqd als Hinweis auf die ZDF-Doku UTOPIA

1 Kommentar zu “Einseitige Interpretationen des Silicon Valleys

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.