Personalmangel – aber die Strukturen sollen sich kaum verändern

Deutschland gehen die manuellen Arbeitskräfte aus. Und wie wir wissen, arbeiten wir hier gerne (noch) manuell. So könnte man diesen Beitrag süffisant einleiten. 

In der Tat ist aus dem Fachkräftemangel längst ein Arbeitskräftemangel geworden. In den Gaststätten, Hotels, im Bauwesen und am Flughafen fehlen Menschen, die die anfallende Arbeit erledigen. Das hat verschiedene Gründe. Unter anderem haben viele während der schleppenden Coronazeit ihre Jobs gekündigt, sich weiter qualifiziert und neue, bessere Arbeitsbedingungen gesucht. Dabei steht der demografische Wandel aufgrund der sich aus dem Arbeitsleben verabschiedenden Boomer-Generation erst noch an.

Nach Lösungen wird händeringend gesucht. Wir kennen alle diese Diskussionen, wie dem schrumpfenden Erwerbspersonenpotenzial in Deutschland begegnet werden könnte:

  • Rentenbeginn mit 70
  • Weitere Integration von Frauen
  • 42-Stunden-Arbeitswoche
  • Migration

Auch das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), ein der Bundesagentur für Arbeit angeschlossenes Forschungsinstitut, 

hält langfristig eine Nettozuwanderung von rund 100 000 Menschen im Jahr für realistisch – vor allem, weil aus EU-Ländern wie Polen und Spanien inzwischen viel weniger Menschen kommen und die Zuwanderung aus Drittstaaten den Rückgang bisher bei Weitem nicht kompensiert. Das liegt auch daran, dass die Visaverfahren und die Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse langwierig und bürokratisch sind, wie Unternehmen und Wissenschaftler immer wieder beklagen.

Vielmehr plädieren viele Forscher:innen für ein radikal vereinfachtes Einwanderungssystem „und dabei auf die Anerkennung ausländischer Abschlüsse als Voraussetzung zu verzichten.“

Bildungssysteme sind unterschiedlich und:

Zertifikate müssten anerkannt werden, wenn Menschen eine berufliche Ausbildung von zwei oder drei Jahren absolviert oder drei Jahre auf Bachelor-Niveau studiert haben – auch, wenn die Ausbildung nicht identisch mit der in Deutschland sei. 

Wer sich bislang gegen eine solche Anerkennung stemmt, ist unter anderem der Vorstand der Bundesagentur für Arbeit. Nun, dieser wird bald abgelöst und es bleibt zu hoffen, dass solch tradierte Sichtachsen sich damit verflüchtigen. Die duale Ausbildung mag ein gutes Instrument für Heranwachsende sein, aber die staatsmännische Glorifizierung derselben, wird den Dynamiken der Arbeitswelt nicht gerecht. Was nämlich viel zu selten diskutiert wird im Zusammenhang des Fachkräftemangels: 

  • Unattraktive Arbeitsbedingungen
  • Zu wenige Aufstiegschancen für nicht akademische Angestellte
  • Mögliche Effizienzgewinne durch verbesserte digitale Arbeitsprozesse
  • Entschlackung der Arbeit von Bullshit Jobs
  • Flexibilisierung der Berufsbiographien
  • usw.

Der Arbeitsmarkt und die Sichtweisen darauf müssen sich ändern, auch um attraktiv zu wirken für den langfristigen Verbleib von Migrant:innen in Deutschland. Unter anderem davon berichtet der verlinkte Artikel. Es braucht gute Integrationsbemühungen für die ganze Familie, Aufstiegschancen, „mehr Möglichkeiten, angelernt zu werden oder Teilqualifikationen zu absolvieren.“ Da müssen sich alle bemühen. Allen voran die Unternehmen, aber auch die BA, würde ich anfügen wollen.


Artikel am 28. Juni 2022 erschienen auf piqd als Hinweis auf den FAZ-Artikel Die große Fachekräfte-Lücke

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