Niemand will mehr Lehrer:in sein? Nee, nicht niemand

Der Mangel formal richtig qualifizierter Lehrer*innen an Berliner Schulen ist legendär. Oder steigen wir gleich mit einem Zitat ein:

In der vergangenen Woche verkündete Berlins Bildungssenatorin, dass im nächsten Schuljahr an Berlins Schulen fast 1000 Lehrer fehlen werden. Der neue Rekordwert erzählt die Geschichte eines Abstiegs. Hat man sich letztes Jahr noch echauffiert, dass fast die Hälfte aller neu eingestellten Lehrkräfte Quereinsteiger war, gibt es nun auch nicht mehr genug Quereinsteiger, um alle offenen Stellen zu besetzen.

30 Jahre fehlende Organisationsentwicklung haben den Lehrenden-Beruf unattraktiv werden lassen, so heißt es in dem Artikel. Trotz verhältnismäßig guter Bezahlung und Arbeitsplatzsicherheit. 

Für junge Menschen ist er offenbar nicht mehr interessant genug. Ihnen stehen genügend Alternativen zur Verfügung. Vermutlich deswegen brechen viele Lehramtsstudierende auf dem Weg zum Staatsexamen ab. 

Und wenn sie es bis in die Schule geschafft haben, steigen immer mehr Lehrende aus. Aus verschiedenen Gründen. Diese zeichnet der Artikel grob nach.

Meine Überlegungen

Vielleicht muss man nun umdenken im Schulsystem und diese Tendenz positiv konnotieren: Der Beruf wird 

immer attraktiver […] für ältere Menschen, die wenig Auswahl haben – und immer unattraktiver für jüngere Menschen, die viel Auswahl haben.

Warum müssen in einer zukünftigen Welt ständiger beruflicher Disruptionen ausgerechnet junge Lehrkräfte ein altes, lebenslanges Berufsideal den Kindern vorleben, das so gar nicht mehr in die Welt von morgen passen mag?

Und warum soll es nicht positiv sein, wenn in einem Land mit einer durchschnittlichen Lebenserwartung von über 80 Jahren, Menschen in der Lebensmitte und mit Berufserfahrung den Lehrberuf für sich entdecken, um ihre Erfahrungen einzubringen in die Schulen?

Wenn jetzt noch das Diktat der ursprünglichen akademischen Ausbildung etwas zurückgestellt und stattdessen die tatsächliche Kompetenz für eine Fächerkombination nach vorn gestellt würde, dann stünde einer ersten Reform des Schulsystems doch nichts mehr im Wege, oder?! 

Vielleicht würde mit diesen andernorts erworbenen Erfahrungswerten auch eine schnellere Adaption der digitalen Kultur verstärkt Einzug halten ins System? Es könnte eine Chance sein. Man müsste nur transformativ springen wollen …


Artikel am 11. Juni 2022 erschienen auf piqd als Hinweis auf den Berliner Zeitung-Artikel Queraussteiger: Warum ist der Lehrerberuf so unsexy geworden?

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