Mehr Innovation in die Wissenschaft der Ökonomik

Unser kapitalistisches Wirtschaftssystem muss wachsen – das ist eine Binsenweisheit, die – Land auf, Land ab – regelmäßig gepredigt und wiederholt wird. 

  • Ohne Wachstum kein Antrieb. 
  • Ohne Antrieb keine Innovation. 
  • Ohne Innovation kein Überfluss.
  • Ohne Überfluss keine Lebensgrundlagen für alle.
  • Ohne Lebensgrundlagen für alle kein Frieden.
  • Ohne Frieden keine Demokratie.

So oder ähnlich läuft die ideologische Kausalkette. 

Harald Welzer kritisiert in dem hier hinterlegten Interview die ökonomische Wissenschaft, indirekt die Wirtschaftsmedien, aber auch direkt die Politik. Und da haut er einen Kalauer nach dem nächsten raus angesichts der Klimakrise, die kausal eng mit dem Wirtschaftswachstum korreliert. 

Also müsste man dann nicht den Kapitalismus beenden, ist die Frage des Interviewers. Nein, meint Welzer:

Wir haben doch gelernt, dass der Kapitalismus die geschmeidigste Wirtschaftsform von allen ist. Und wenn er etwas kann, dann ist es, sich an veränderte Umfeldbedingungen anzupassen. Mir ist das gar nicht einsehbar, warum eine hoch bezahlte Wissenschaft, die Ökonomik, nicht mehr zusammenbringt als eine Kapitalismustheorie, die darin besteht, dass der Kapitalismus funktioniert wie ein Fahrrad: Sobald ich aufhöre zu treten, kippt das Ding um. Das ist doch für Leute, die studiert und promoviert haben, sich habilitiert haben und auf Lehrstühlen sitzen, echt ein bisschen wenig. Zumal sie nun viele Jahrzehnte Zeit gehabt haben, sich Gedanken darüber zu machen, wie man eigentlich eine Wirtschaftsform entwickelt, die nicht monothematisch von Wachstum abhängig ist. Wir haben jetzt 200.000 Jahre Menschheitsgeschichte ohne Wachstum in dem heute definierten Sinne, und in der Zeit sind ziemlich viele Sachen gemacht und erfunden und verbessert worden, warum denn ausgerechnet in unserer Kultur nicht, warum ist unser ganzes Bestehen und Weiterexistieren von einem Parameter abhängig? Das will mir nicht recht einleuchten, zumal wenn der die Überlebensfähigkeit einschränkt, dieser Parameter.

Ja, nicken wir mit dem Kopf. Ist es nur die Faulheit der Wissenschaftler*innen? Offenbar schon:

Diese ganze Klamotte, die heute an den Universitäten gelehrt wird und von der die Standardökonomie lebt und sich gegenseitig Nobelpreise verleiht, ist doch historisch ein Produkt des Kalten Krieges: Das Wachstum-Konzept hat in der Systemkonkurrenz überhaupt erst Karriere gemacht! Weil man Maßzahlen brauchte, um zu zeigen, welches System das erfolgreichere und bessere ist. 

Und so geht es immer weiter – lest das ganze Interview. Lohnt sich. Er lässt gut Luft ab! Aber ich muss noch ein paar Fetzen hier in der Rubrik “Zukunft und Arbeit (und Bildung)” ablassen:

Mir geht das wirklich total auf den Senkel, dass eine moderne, sich selber Wissenschaftsgesellschaft bezeichnende Gesellschaft diesem Glauben huldigt, ohne ihn an relevanter Stelle infrage zu stellen.

Und noch ein letztes Fragment:

Im Grunde genommen handelt sich um eine Glaubensfrage. Ich kann den Glaubenssatz aufstellen: All das geht nur mit Wachstum. Aber dazu würde ich sagen: Historisch ging es auch anders. Außerdem: Wir sind doch alle so unfassbar innovativ. Unsere Gesellschaft ist anscheinend in jeder Hinsicht bereit, innovativ zu sein, aber nicht im wirtschaftlichen Denken. Das ist doch total abgefahren!

Ja, ist es. Vor allem in der Ökonomik wird viel über die Innovation als “schöpferische Zerstörung” in der Tradition von Schumpeter gesprochen. Dabei geht es nicht um kleine, inkrementelle Trippelschritte zur Verbesserung des Bestehenden. Sondern um grundlegende Erfindungen zwecks Veränderung des gesamten Systems, das alle vorherigen Iterationen komplett überholt und überflüssig macht. Solch ein Wille zum transformativen Denken herrscht im gesamten Bildungssystem kaum vor. Man hat es sich bequem gemacht. Und spricht nur mit seinesgleichen. Ein Paradigmenwechsel müsste her. Grundsätzlich. Also bitte nicht aufhören, Herr Welzer!

Wirklich schönes, authentisches Interview – ohne Firlefanz, frei gesprochen. Vielleicht lese ich sein Buch jetzt doch.


Artikel am 3. November 2021 erschienen auf piqd als Hinweis auf das derFreitag-Interview „Die Lebenslüge: Nichts muss sich verändern“

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