TikToker*innen kapern wissenschaftliche Studien

Wer wird auch regelmäßig von Bekannten angeschrieben, ob man nicht einmal kurz (“nur 15 Minuten”) eine Umfrage des Kindes für die Masterarbeit beantworten könne? Falls ihr zu diesem erlauchten Kreis zählt: Wie geht ihr damit um?

Manchmal, soviel sei meinerseits zugestanden, versuche ich es wenigstens, um etwas zurückzugeben an die Gesellschaft. Ich arbeite mich durch die ersten Punkte, wenn die generelle Fragestellung mir einer Untersuchung wert erscheint, und ich selbst neugierig auf die generierten Antworten bin. Oft – oder, um ehrlich zu sein: meist – gebe ich recht schnell auf, weil das Forschungsdesign meines Erachtens einer grundlegenden Überarbeitung bedürfte. Logisch müssen auch junge Menschen erst einmal hineinwachsen in die wissenschaftliche Arbeit, aber (sorry!) 15 Minuten ärgerliches Studiendesign kostet eineN mindestens das doppelte der Zeit, bis man sich wieder beruhigt hat. Also bei mir ist das so …

ZUM GLÜCK gibt es zwischenzeitlich Crowdsourcing-Plattformen und viele gewillte Menschen, die sich die Zeit nehmen, die Fragen für wenig Geld zu beantworten und sich damit einen kleinen Nebenverdienst erarbeiten. Ich weiß, hier können sich schnell Empörungswellen im deutschsprachigen Diskurs auftürmen ob dieser Arbeit jenseits des Normalarbeitsverhältnisses – aber tatsächlich lassen sich diese Plattformen sehr vielfältig wie sinnvoll einsetzen. Auch für seriöse Forschung – und hier hat sich zwischenzeitlich eine richtig professionelle Wertschöpfungskette aufgebaut. 

So unter anderem bei Profilic, die für wissenschaftliche Studien in der Verhaltensforschung ein Matching herstellen mit interessierten normalen Menschen, die sich dieser Fragen annehmen. 

“Bevor es Mechanical Turk gab, musste die gesamte sozialwissenschaftliche Forschung im Labor stattfinden. Man musste Studierende im zweiten Studienjahr einladen und sie mit Fragebögen und Umfragen konfrontieren”, sagt Nicholas Hall, Direktor des Behavioral Lab an der Stanford School of Business. 

“Das ist ein enorm zeit- und arbeitsintensives Unterfangen. Die Online-Recherche macht es so viel einfacher. Man programmiert eine Umfrage… man stellt sie online, und innerhalb eines Tages hat man 1.000 Antworten”, so Hall gegenüber The Verge. “Das hat das Gesicht der Sozialwissenschaft verändert.

Das Behavioral Lab in Stanford nutzt heutzutage hauptsächlich die neuere, kleinere Prolific-Plattform für Online-Studien, so Hall. Während viele Mechanical Turk-Kunden große Unternehmen sind, die Unternehmensforschung betreiben, richtet Prolific sein Produkt an Wissenschaftler*innen.

So weit, so gut. Alles lief also seinen guten Gang, die Studien fanden ein Publikum – bis in diesem Sommer ein Teenager aus Florida in einem kleinen TikTok-Video ihren Freund*innen von ihrem kleinen Sidehustle-Projekt berichtete: Sie verdiente sich einige Dollar über Prolific und demonstrierte nun, wie man dabei vorgehen könne. Nicht bösartig, sondern voller Stolz, wie man mit sinnvoller Arbeit a bisserl Geld am Rechner verdienen kann. 

Nun, das Video ging viral und innerhalb des ersten Monats hatte es 4,1 Millionen Ansichten und bis heute über 763 Tausend Likes. Und die Gleichaltrigen strömten regelrecht zu Prolific. 

Manchen Forscher*innen fiel es auf, dass die Zusammensetzung der Untersuchungsgruppe nunmehr sich auf 91 % Frauen mit einem durchschnittlichen Alter von 21 Jahren bezog – und damit die Aussagekraft der Studien verzerrten. Es regte sich Widerstand über die digitalen Feedbackkanäle (Forum, Twitter, Reddit). Das Unternehmen geriet unter Druck. Sollte es etwa der Fall sein, dass hier keine demografische Vorauswahl automatisch getroffen wurde? Davon berichtet der verlinkte Artikel.

Um es vorwegzunehmen: Natürlich hat Prolific reagiert, die Zahlungen für die tausenden kompromittierten Studien zurückerstattet und nunmehr Vorkehrungen getroffen, dass es zukünftig zu ausgeglicheneren Gruppen bei der Beantwortung kommt. 

Aber wir sind um eine kuriose Geschichte reicher, was “Digitalisierung” und “digitale Transformation” tatsächlich bedeutet. Wir lernen alle immer weiter dazu!


Artikel am 11. Oktober 2021 erschienen auf piqd als Hinweis auf den The Verge-Artikel A TEENAGER ON TIKTOK DISRUPTED THOUSANDS OF SCIENTIFIC STUDIES WITH A SINGLE VIDEO

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