Der Wind of Change – so schwierig

Der immer wieder erfrischende Seth Godin hat hier einen Blogbeitrag vorgelegt, bei dem ich unwillkürlich an die aktuelle Politik, das Bildungssystem, die Veränderungen am Arbeitsmarkt usw. denken musste: Jede Idee von klitzekleinem Wandel wird entweder euphorisch vertreten von den einen oder empört zurückgewiesen von den anderen. 

  • Abwägende Argumente? Fehlanzeige! 
  • Transformative Lösungspfade? Waz’n das? 
  • Kollaborative Erkenntnisgewinne? Man muss standhaft bleiben!

Was mich erschrickt: Wie breit sich in der Bevölkerung zwischenzeitlich die politische “Erkenntnis” durchgesetzt hat, dass man möglichst auf den eigenen, persönlichen Vorteil abzielt und so dem alten liberalen Argument entspricht: “Wenn jede*r für sich selbst sorgt, ist für jeden gesorgt.” (Natürlich ohne Gendersternchen im Original 😉 

Dem ist aber nicht so! Kurzfristige Geländegewinne können langfristige Verluste bedeuten. Auch für die oder den Einzelnen! Spätestens in der generationalen Nachfolge. Wir müssen diese Kurzzeitgewinne überall eindämmen, weil deren Interessen der Nachhaltigkeit entgegenstehen usw.

Aber was schreib ich hier moralisierend und deprimiert? Lassen wir Seth sprechen! Und da nicht alle gut Englisch lesen können, hier in voller Länge übersetzt. Ich denke, er hätte nichts gegen diesen Fair Use.

Verteidigung des Wandels (oder des Status quo)

Es ist leicht zu argumentieren, dass das, was wir jetzt haben, besser ist als das Neue, das angeboten wird.

Man muss nur das, was wir jetzt haben, als gegeben hinnehmen (und seine tatsächlichen Kosten ignorieren) und dann die Mängel und Vorteile des Neuen infrage stellen, während man gleichzeitig das potenzielle Risiko maximiert.

“Ein handgeschriebener Brief ist durchdachter, wird eher in Erinnerung bleiben und ist eine dauerhaftere Nachricht als eine einfache E-Mail.”

Auf der anderen Seite muss der technikbegeisterte Verfechter des Wandels einfach alle neuen Funktionen aufzählen und die gewohnten Vorteile ignorieren.

“Eine E-Mail ist viel schneller, billiger und leichter zu verfolgen als ein Brief. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie gespeichert wird, ist größer, und sie kann sortiert und durchsucht werden. Ganz zu schweigen davon, dass sie problemlos kopiert und weitergeleitet werden kann.”

Was wirklich schwierig ist, ist ein fairer Schiedsrichter zu sein. Ich tappe immer wieder in diese Falle. Wir fangen an, einen Standpunkt zu entwickeln, meist um den Status quo zu verteidigen, manchmal aber auch um ihn zu kippen, und dann werden die Argumente immer konkreter. Wir geben zwar vor, unparteiisch zu sein, aber das ist sehr schwer.

Manchmal argumentieren wir am Ende einfach für oder gegen einen bestimmten Status quo, anstatt uns mit dem eigentlichen Thema zu befassen.

Und die Gefahr besteht darin, dass man vorgibt, fair zu sein, obwohl man es nicht ist. In diesem albernen Artikel der Times fragen sich der Autor (und seine Redakteure), ob Hafer- und Schafsmilch ein “Betrug” sind.

Dies ist ein klassischer Fall von Verteidigung des Status quo. Stellen Sie sich einen Moment lang vor, Milch wäre ein neues Produkt, das es mit den bestehenden Getränken aus Hanf, Hafer oder Nüssen aufnehmen soll. Es ist ziemlich einfach, Hafermilch gegen Kuhmilch zu verteidigen.

Der Autor könnte auf die oft grausamen Bedingungen hinweisen, unter denen Kuhmilch erzeugt wird. “Moment, was machen Sie mit der Kuh?” Sie könnten über die biologischen Schwierigkeiten schreiben, die viele Menschen beim Trinken haben. Oder sie könnten auf die erheblichen Umweltauswirkungen hinweisen, ganz zu schweigen davon, wie leicht sie verdirbt usw.

Oder stellen Sie sich vor, es gäbe überall Solarenergie, und jemand hätte Kerosin, Benzin oder Tran erfunden. Sie verstehen, was ich meine…

Es gibt endlos viele Argumente, wenn neue Ideen auftauchen. Die Herausforderung besteht darin, sich klarzumachen, dass wir eine Seite einnehmen werden, und zwar aufgrund der Auswirkungen und nicht aufgrund unserer emotionalen Bindung an die betreffende Veränderung.


Artikel am 23. September 2021 erschienen auf piqd als Hinweis auf den Seth Godin-Artikel Defending change (or the status quo)

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