Der MINT-Fachkräftemangel ist hausgemacht

Da die Wasserstandsmeldungen zu den MINT-Engpässen nicht abreißen und ganz offensichtlich sich niemand an den Kern des Problems heranwagt, versuche ich mich einmal an einer Kontextualisierung.

Das gängige Narrativ

Der Fachkräfteengpass in den MINT-Berufen nähert sich laut einer Bedarfsanalyse des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) wieder dem Vorkrisenniveau an. Zu diesen Berufen zählen Fachkräfte in den Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik unterteilt in 36 Berufskategorien. (…) Der größte Engpass zeigt sich in den Energie- und Elektroberufen mit 48.200, in den Bauberufen mit 31.000 und den IT-Berufen mit 29.000 fehlenden Arbeitskräften. (…) Zusätzlich zur absehbaren konjunkturellen Erholung kommen strukturelle Effekte auf den MINT-Arbeitsmarkt zu. (…) Zum anderen deuten die Digitalisierung und neuen Klimaziele daraufhin, dass die Unternehmen in erheblichem Umfang zusätzliches Fachpersonal benötigen. (…) Das IW empfiehlt die Digitalisierung der Bildungseinrichtungen voranzubringen, die MINT-Bildung an Schulen zu stärken sowie mehr Frauen für MINT-Berufe zu gewinnen.

Warum fehlt es an Frauen in den MINT-Berufen?

Die ZEIT brachte es in einer Headline vom 24. Juni 2021 gut auf den Punkt: “Mädchen bevorzugen Deutsch [und Englisch] als Leistungskurs, Jungen Mathe“. Während 43,3 % der männlichen Abiturienten Mathematik als Leistungskurs wählten, entschieden sich 2020 fast 45 Prozent der Abiturientinnen für Englisch und 41,7 Prozent für Deutsch als Leistungskurs. Noch gravierender ist der Unterschied bei der Wahl von Physik: “Physik rangierte bei den Jungen mit 10,4 Prozent auf Platz acht, bei den Mädchen mit 1,9 Prozent auf Platz zwölf.”

Damit liegt eine Ursache für den fehlenden Frauenanteil in hochqualifizierten IT-Berufen klar auf der Hand bzw. bildet sich dies bereits bei der Wahl des Studiengangs Informatik ab: Nur 25 % aller Studienanfänger:innen waren auch 2019 weiblichen Geschlechts, so Berechnungen der Bitkom. Dieses Verhältnis wird sich bis zum Abschluss des Bachelors noch einmal verschlechtern, da Frauen gerade bei Informatik die höchsten Abbruchquoten haben. Halten sie da durch, ist die Abbruchquote im Masterstudium deutlich geringer.

Studien in den USA offenbaren, dass dies v.a. auf die Didaktik in Mathematik zurückzuführen sind. Frauen, die Informatik als Studienfach wählen, bringen durch ihre erfolgreiche Schulzeit zwar ein gewisses Selbstvertrauen mit. Stoßen sie dann aber auf erste Schwierigkeiten beim Lösen höherer Mathe-Aufgaben, geben sie zu schnell auf, weil sie denken, sie wären offenbar doch kein Mathe-Typ, was sie bislang dachten. Frauen können kein Mathe, heißt es ja bekanntlich. (Dasselbe Problem ließe sich für kulturelle Minderheiten beschreiben, aber das würde hier zu weit führen.)

All dies kann man gut im Buch von Jo Boaler zu Das neue Lernen dezidiert nachlesen – ich hatte hier letzthin bereits über sie geschrieben.

Der MINT-Fachkräftemangel ist also ein strukturelles Problem, das bereits in der Schule angelegt ist und auch nicht unbekannt ist. Seltsamerweise trifft dieses Phänomen aber nicht auf alle Länder zu. Laut Bundeszentrale für politische Bildung:

Für den Bereich der Mathematik ist die internationale Befundlage weniger einheitlich. Hier zeigte sich in PISA 2018 für 13 der 37 OECD-Länder kein Geschlechtsunterschied und für drei Länder (Finnland, Norwegen, Island) eine Überlegenheit der Mädchen. In den übrigen 21 OECD-Ländern erzielten die Jungen signifikant höhere Testergebnisse, so auch in Deutschland. 

Darüber hinaus schließen Schülerinnen in Deutschland häufiger mit besseren Abitur-Noten ab – nur eben nicht in Mathe und Physik. 

Fassen wir zusammen

Wer landet schlussendlich in hochqualifizierten IT-Berufen? Es sind vorzugsweise weiße, deutsche (Bio-)Männer, die im Übrigen kein gesteigertes Interesse an einer Frauenförderung in diesem Sektor zeigen, wie ich in einer Evaluation las, die ich aber nicht öffentlich machen kann.

Und dieses Ergebnis ist hausgemacht seitens eines Bildungssystems, das bekanntlich sehr frühzeitig Kinder in Förderschulen und Gymnasien unterteilt. Wir wissen, diese Zuteilungen sind stark soziokulturell geprägt. Zudem kommt das oben beschriebene Problem.

Aber jede:r kann Mathe (und anderes) lernen, das zeigt Jo Boaler und andere regelmäßig auf. Stattdessen haben wir uns entschieden, bereits frühzeitig einen großen Talentepool auszufiltern zugunsten der vorzugsweise männlichen Nachfolger der existenten Mittel- und Oberschicht.


Artikel am 15. August 2021 erschienen auf piqd als Hinweis auf den Personalwirtschaft-Artikel Lücke im MINT-Bereich: Fachkräftemangel wird wieder schlimmer

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