Der nächste Hype? In Musiker:innen direkt investieren!

In letzter Zeit erreichen mich immer mehr Anfragen, wie sich denn ein auskömmliches Einkommen zukünftig generieren lasse, wenn man nicht auf ein lukratives Erbe hoffen könne – und immer mehr gut bezahlte Jobs verschwänden.

Das klassische Versprechen der Leistungsgesellschaft löst sich bekanntlich langsam auf. Und überhaupt, wissen wir ja längst, dass Chancengleichheit zwar ein hehrer politischer Anspruch, aber im Kern nur bedingt existiert(e). Was also tun als Einzelne:r in diesem schier aussichtslosen Kampf um eine existenzielle Menschenwürde mit sozialer Absicherung? 

Ein Hoffnungsschimmer im bestehenden arbeitsfixierten System sind die Möglichkeiten, die der digitale Raum den Menschen eröffnet, die nicht mehr oder länger angestellt arbeiten wollen – oder können. Neben der wachsenden Anzahl junger Menschen, die über kreative Investments in Firmen oder Gegenstände (à la NFT) einen neuen, gesellschaftlich akzeptierten Karrierepfad aufmachen, kommt langsam, aber spürbar die Creator Economy zum Zuge.

Klar, es gab auch schon zu Beginn der Internetzeit v.a. halbseidene Marketing-Menschen, die über dramatisch angelegt Funnels ihre Online-Kurse, Hilfestellungen oder Bücher verkauften. Aber jetzt scheint ein neues, qualitatives Level erreicht worden zu sein: Die bezahlten Newsletter z.B. über Substack, Revue oder SteadyHQ weisen einen ersten Weg, wie sich qualitative Inhalte auch für Einzelne unabhängig von etablierten Medienunternehmen refinanzieren lassen. 

Die Arbeit besteht dann neben der Produktion attraktiver Inhalte auch darin, sich ein Publikum aufzubauen. Es braucht also eine Art Fan-Gemeinde, die bereit ist, für die Äußerungen dieser Person temporär zu zahlen. Das macht die Arbeit in den sozialen Netzwerken nicht unbedingt angenehmer, weil sich zwischenzeitlich viele dort wie kleine Popstars zu vermarkten versuchen. (Und in Corona-Zeiten hat sich dies in meinen Augen noch deutlich gesteigert.) Aber anyway! Die Option, auch fern der üblichen Anstellungen sich eine Zukunft aufbauen zu können, gefällt mir bekanntlich sehr gut. Und nun lässt sich dies durch immer mehr Medienschaffende realisieren.

Der zugrunde liegende Kulturwandel baut dabei immer stärker auf der Technologie der Blockchain auf, die seit mehr als einem Jahrzehnt auch emanzipatorische Kräfte euphorisiert, da hier weitere Gatekeeper in der kulturellen Wertschöpfungskette nicht mehr zwangsläufig mitverdienen müssen. Die Blockchain ermöglicht theoretisch, dass sich Kreativschaffende und Publikum direkt miteinander austauschen – über eine technologische Plattform, die sich um die finanziellen Folgegewinne kümmert.

Gut, es gibt auch viele Kritiker:innen der Blockchain, da sie derzeit noch immens viel Energie verbraucht bei der Generierung der hinterlegten Kryptowährungen. Aber das ändert nichts an dem Versprechen, dass Kreative hier langfristig mit ihren Produktionen Geld verdienen können – und so die Vorteile dezentralen Wirtschaftens für sich nutzen. Die Rechteverwaltung löst sich hier vom alten Nutzungsrecht, das viele Gatekeeper für sich komplett beanspruchen. 

Am Beispiel der Musik verdeutlicht dies der hinterlegte Artikel. Er berichtet von verschiedenen Start-ups, die es ermöglichen, dass man in einzelne Musiker:innen ebenso investieren kann wie in einzelne Musikstücke. Man handelt diese dann wie Aktien, sie können am Markt steigen und fallen. Steigen sie, verdienen die Investor:innen mit, fallen sie, zahlen sie gemeinsam die Zeche.

Das ist natürlich Kapitalismus pur, aber machen wir uns nichts vor: Der Club der 27-jährigen liegt genau in der rücksichtslosen Kommerzialisierung der alten Musikindustrie begründet. Insofern sehe ich es als eine ergänzende Option, mit der sich jetzt auch “normale Menschen” ein finanzielles Spiel- oder Standbein als Musiker:in aufbauen können. Es ist nichts Verwerfliches daran. Und auch nichts Neues: Bereits 1990 gründete der Vater des Tennisspielers Tommy Haas eine GmbH, für die er 15 Investor:innen suchte, die den Aufbau der Tenniskarriere finanzieren und später an den Erfolgen partizipieren sollten – und es auch taten. (Eine kuriose Geschichte alles in allem.)


Artikel am 10. August 2021 erschienen auf piqd als Hinweis auf den BR-Artikel Ist Musik der nächste Bitcoin?

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