Über den Umgang mit unsicheren Berufen

Wenn wir über die Zukunft der Arbeit sprechen, tauschen sich viele über die Wohlfühlkultur in relativ gut bezahlten Jobs in etablierten Institutionen aus. Da geht es um Homeoffice, Vertrauensarbeitszeit, Abbau von Hierarchien usw. usf.

Was gerne ausgeblendet wird, sind die real existierenden Arbeitsbedingungen der “Working Class”, wie Julia Friedrich sie in ihrem bemerkenswerten Buch nennt.

In dem hier verlinkten Artikel blickt man jedoch sehr genau auf die Arbeitsbedingungen in sehr unsicheren Jobs in Großbritannien. Diese Gruppe umfasst ca. 3,7 Millionen Arbeitskräfte, also jede*r 10. Arbeitnehmer*in. Die Unsicherheit drückt sich dadurch aus,

weil ihr Vertrag keine regelmäßigen Arbeitszeiten oder kein regelmäßiges Einkommen garantiert oder weil sie eine schlecht bezahlte selbständige Tätigkeit ausüben (und weniger als den “nationalen existenzsichernden Lohn” der Regierung verdienen).

Vor allem eh schon benachteiligte Gruppen finden sich in diesen unsicheren Jobs wieder. Das potenzierte sich in der Pandemie.

Während der Pandemie haben wir höhere Infektions- und Todesraten in unsicheren Berufen festgestellt. Unsere jüngste Analyse beim Trades Union Congress ergab, dass unsichere Berufe eine doppelt so hohe Covid-19-Mortalitätsrate aufwiesen wie andere Berufe.

Politisch wurde darauf kaum ein Augenmerk geworfen. Auch in hiesigen Breitengraden nicht. Erst jetzt wird in stark belasteten Stadtteilen mit einem hohen Anteil an Erwerbstätigen in solch unsicheren Jobs die Impfpriorisierung komplett aufgehoben und zu Schwerpunkt-Impfungen ohne Anmeldungen aufgerufen (z.B. hier jetzt in Neukölln).

Das ist auch dringend erforderlich. Es hat sich in bislang unveröffentlichten, britischen Studien herausgestellt, dass gerade mobile Arbeiter*innen (wie Paketzusteller*innen, Bringdienste, Putzkolonnen, Pflegedienste o.ä.), die dadurch mit vielen flüchtigen Kontakten in Berührung kamen, hier besonders eine Gefahr für sich und ihre Familien darstellen. Aber nicht sie als Personen sind die Gefahr, sondern die Arbeitsbedingungen.

Arbeitnehmer*innen in unsicheren Arbeitsverhältnissen müssen während dieser Pandemie ein höheres Infektionsrisiko schultern, während sie gleichzeitig mit dem dreifachen Nachteil einer fehlenden Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, weniger Rechten und einem endemischen Niedriglohn konfrontiert sind. 

Die Gründe liegen klar auf der Hand: Sie haben kaum Rücklagen, um Ausfälle zu kompensieren. Sie haben Angst, ihren Job zu verlieren, wenn sie sich krankmelden. Zudem haben sie meist kein gesichertes Stundenbudget oder einen Vertrag, der ihnen auch zukünftig eine Arbeit zusichert. 

Wie makaber die Situation ist, zeigen typische Beispiele einer Übergangsarbeit in den britischen Testzentren. (Ich vermute, es verhält sich vergleichbar hier in Deutschland.)

Es ist daher zutiefst besorgniserregend, wenn auch leider vorhersehbar, dass neue Schlüsselkräfte, die für die Reaktion auf die Pandemie unerlässlich sind – wie z. B. Covid-19-Testpersonal und Impfbeauftragte – mit unsicheren Arbeitsverträgen eingestellt wurden. Das Personal in den Coronavirus-Testzentren wurde nicht direkt vom National Health Service angestellt.

Um solch unbarmherzigen Arbeitsverhältnisse zu stoppen, bräuchte es dreier Maßnahmen, so der Autor:

  • Es braucht ein finanzielles Sicherungsnetz für alle Erwerbstätigen, das auch Krankheitstage kompensiert.
  • Zweitens benötigen sie eine adäquate Rechtsaufklärung und eine geeignete Vertretung – hier wird auf die Vorteile einer Gewerkschaftsmitgliedschaft hingewiesen. (Ich weiß allerdings nicht, ob dies die Lösung für die prekären Arbeitnehmer*innen ist.)
  • Es braucht ein verbindliches Arbeitszeitbudget für die Arbeiter*innen, auf das sie sich verlassen können.

Soviel zur Zukunft der Arbeit der prekären Erwerbstätigen in der Übergangszeit, solange sie überhaupt noch ausreichend manuelle Arbeit für sich finden …

Ob eine berufliche Weiterbildung diesen Menschen helfen würde? Vielleicht im Einzelfall, aber dies löst nicht das systemische Problem. Wir haben einfach nicht genügend gescheite Arbeit für alle. Die Schere wird weiter aufgehen. Da hilft auch kein Ordner voller nichtssagender Zertifikate. (Hier dazu mein aktuelles Buch – soviel Werbung muss sein 😉


Artikel am 15. Mai 2021 erschienen auf Piqd als Hinweis auf den Social Europe-Artikel Insecure in work, vulnerable to infection

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