Schätzt mehr die Arbeit der “Geringqualifizierten”

Das “Modernisierungsjahrzehnt” ist offenbar auf sämtlichen politischen Ebenen ausgerufen. Zwar spürt man es noch nicht unmittelbar im Alltag, aber mit einer großen Kraftanstrengung soll (endlich!) die digitale Transformation angegangen werden. In den USA ebenso wie in Europa, wird jetzt “die Bildung” adressiert, um das individuelle digitale Kompetenzniveau allenthalben zu heben. Für “die Wirtschaft”, ist doch klar, die es zur Kompensation der Kosten der Corona-Krise und mit Blick auf die Klimakrise schnell neu aufzustellen gilt. Und daran sollen alle tatkräftig mitwirken!

Millionen von Menschen müssen sich “upskillen”, um im 21. Jahrhundert konkurrenzfähig zu sein, so sagen es unter anderem die New York Times und die Boston Consulting Group.

Der “Skills Gap” oder “Fachkräftemangel”, wie es hierzulande heißt, fokussiert dabei auch auf die (bislang) “Geringqualifizierten”. Diese gelte es weiterzubilden oder zu unterstützen, damit sie sich die für die digitale Transformation notwendigen Fähigkeiten drauf schaffen. Zwar sind die vorgehaltenen Institutionen des formalen Bildungssystems noch nicht diesbezüglich zeitgemäß aufgestellt. Aber mit verschiedenen Konzepten von der “nationalen Bildungsplattform” bis hin zur “Weiterbildungsoffensive”, durchexerziert von der Bundesagentur für Arbeit,  versucht man dieser Herausforderung top-down weiter zu begegnen. Die vorherrschenden bildungspolitischen Ideen spiegeln dabei traditionelle politische und volkswirtschaftliche Wertvorstellungen mit Blick auf die Erwerbsarbeit wider. Und sind alles andere als zeitgemäß.

Warum dies? Es ist doch gut gemeint?!

Die “Geringqualifizierten” oder “bildungsfernen Schichten” arbeiten zumeist in gering bezahlten Jobs, die oft systemrelevant sind, aber schlecht angesehen in der akademischen Welt. Man will ihnen deshalb (öffentlichkeitswirksam) politisch “helfen”, damit sie ihre Talente zur vollen Entfaltung bringen können und sich Chancen auf einen besseren Job erarbeiten. Mit dieser vielleicht gut gemeinten, etwas großväterlichen Art schätzt man aber die eigentliche Leistung dieser Menschen zu gering. Sie haben sich ein würdevolles Leben trotz aller Ungleichheit bereits verdient, so der Tenor des verlinkten Artikels. Das Problem sei vielmehr die strukturelle Ungleichheit.

Ein Weißes Haus nach dem anderen, ob Republikaner oder Demokraten, hat Umschulungs- und Weiterbildungsinitiativen vorangetrieben, die den Arbeitnehmer*innen auferlegen, sich selbst zu verbessern, um ihre Aussichten auf dem Arbeitsmarkt und die amerikanische Wirtschaft im Allgemeinen zu verbessern. Damit machen sie individuell, was eindeutig ein staatliches und gesellschaftliches Problem ist. Der vermeintliche Mangel an “Fähigkeiten” unter amerikanischen Arbeitnehmer*innen spiegelt die generationenübergreifende Armutskrise des Landes, die brutalen Kosten für die Hochschulbildung, die Unzugänglichkeit einer qualitativ hochwertigen und erschwinglichen Kinder- und Gesundheitsversorgung und die Hürden, die es für eingewanderte Arbeitnehmer *innen aufbaut, genauso wider wie alles andere.

Viel zu viel Arbeit sei schlecht bezahlt. Viel zu viele Menschen hätten ganz andere Sorgen, als sich für die digitale Transformation im Interesse “der Wirtschaft” einzusetzen. Sie arbeiten vielmehr wie verrückt, um irgendwie zu (über)leben. Es sei ein systemisches Problem, kein individuelles.

Dies lässt sich auch auf Deutschland übertragen. Man schaue sich nur einmal die Verteilung der Corona-Fallzahlen in Städten an. Sie sind dort auch am höchsten, wo sich die Bildungsungleichheit jetzt noch weiter verstetigt hat. Mit mehr Druck auf die Einzelnen wird man die durchaus vorhandenen, auch emanzipatorischen Potenziale des digitalen Zeitalters kaum hieven können.

Vielmehr benötigen wir weit bessere Infrastrukturen und eine gesamtgesellschaftliche, öffentliche Weiterbildungskultur auf allen Ebenen – hier wie drüben in Amiland. Und mehr Respekt für alle geleistete Arbeit! Auch jenseits der Erwerbsarbeit …


Artikel am 29. April 2021 erschienen auf Piqd als Hinweis auf den The Atlantic-Artikel Low-Skill Workers Aren’t a Problem to Be Fixed

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