Forschung und Innovation radikaler denken

Vergangenen Mittwoch hat die Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI) ihr „Jahresgutachten 2021“ an Bundeskanzlerin Angela Merkel übergeben. 

Das Gutachten gilt als Leitfaden für die Innovations- und Unternehmenspolitik. Darüber hinaus wirft es ein Schlaglicht auf die F&E-Aktivitäten in Deutschland. In Innovationen werden hierzulande im Jahr rund 100 Milliarden Euro gesteckt; 20 Prozent der Summe kommen vom Staat, 80 Prozent von Unternehmen.

Angesichts der Corona-Krise kam allerdings auch der Innovationssektor weiter unter Druck. Die Probleme sind seit Jahren bekannt und werden (zu?) langsam politisch angegangen. Dabei ist die Grundlagenforschung in Deutschland gar nicht schlecht, wohl aber der Transfer in erfolgreiche „Made-in-Germany“-Produkte. Hier gelte es nachzubessern über „Forschungsmissionen“, die konkrete Problemfelder adressieren – und auf ein „schlagkräftiges, risikobereites, gut ausgestattetes Unternehmertum“ treffen. Was es auch aufzubauen gelte.

Offenbar gebe es Schwierigkeiten in der Entwicklung, Markteinführung und Anwendung neuer Technologien. In der deutschen F&E-Politik müsse daher die Agilität steigen. Neue Entwicklungen müssten früher erkannt, Schlüsseltechnologien mehr gefördert, Rückstände rasch aufgeholt werden.

Im Gutachten selbst wird die Verantwortung der F&I-Politik eingefordert, die großen gesellschaftlichen Herausforderungen anzugehen. Mit dem „Politikansatz der Neuen Missionsorientierung“ gelte es hier, Innovationsaktivitäten in gesellschaftlich verabredete Richtungen zu lenken, die privatwirtschaftliche Akteure nicht von sich aus einschlagen. Dazu sollten konkrete Zielsetzungen aus den Missionen mit klarem Zeitbezug abgeleitet werden, die auch messbar sind. Sich dabei nicht beim Zeithorizont auf die Dauer von Legislaturperioden zu beschränken, sondern sich an der Zielsetzung der Mission zu orientieren, wäre das Gebot der Stunde. Aber auch eine positive Fehlerkultur gelte es zu implementieren bei der Umsetzung von Missionen. Politiklernen wäre dringend erforderlich und dazu bräuchte es vermehrt Reflexions- und Freiräume in den Ministerien und bei den Projektträgern.

Aus unserer Sicht geschieht dies in den letzten Jahren immer öfter. Die Politik lernt im Prozess, hat aber oft auch nicht die Macht, systemische Strukturen auszuhebeln, die einen agilen Innovationsprozess behindern. 

So ist die im Gutachten ebenso drängend eingeforderte Anpassung der beruflichen Aus- und Weiterbildung an die digitale Transformation nach unseren Erfahrungen in der vorgeschlagenen Form nicht zielführend. Und das liegt an den (non-)formalen Strukturen, die weit zu träge sind, um im exponentiellen Zeitalter die notwendigen Anpassungsprozesse zu leisten. Das wird über den im Gutachten vorgeschlagenen Weg nicht funktionieren, auch wenn einzelne Punkte wie regionale Netzwerke zur Unterstützung der KMU durchaus sinnvoll sind. Aber über angepasste Ausbildungsordnungen, die Qualifizierung des Weiterbildungspersonals (top-down) und weitere Akkreditierungsverfahren wird sich der notwendige Umschulungsprozess nicht ansatzweise zeitgemäß aufsetzen lassen. Hier bräuchte es radikalere Reformen. 


Artikel am 26. Februar 2021 erschienen auf Piqd als Hinweis auf den FAZ-Artikel Neue Forschungsmissionen für Deutschland

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