Höhere Bildung vor Ort – ist es das noch wert?

Wie sehen sie wohl aus, die Hochschulen der Zukunft? Benötigen sie noch all ihre Gebäude? Und lohnt sich das Ganze? Das Marktforschungsunternehmen Ipsos hat vergangenen Herbst 27.500 Erwachsene aus 29 Ländern befragt, wie sie sich die höhere Bildung in ihrem Land in fünf Jahren vorstellen.

Fast drei Viertel (72 %) der Befragten gaben an, dass die Hochschulbildung in ihrem Land mindestens genauso viel online wie persönlich stattfinden wird, wenn nicht sogar mehr.

Ein Viertel denkt gar, dass sich die Hochschulbildung überwiegend online verlagern wird. Die Hälfte aller befragten Erwachsenen hingegen war der Meinung, dass es eine Aufteilung zwischen Präsenz- und Online-Angeboten geben wird.

Interessant daran ist die regionale Verteilung:

Fast die Hälfte der Befragten in China (48 %) und Japan (47 %), wo die Zahl der COVID-19-Fälle relativ gering ist, glaubt, dass es weiterhin traditionellen Präsenzunterricht geben wird.Aber nur ein Drittel der Erwachsenen in Indien (31 %), wo die Fallzahlen weltweit am zweithöchsten waren, und weniger als ein Fünftel der Erwachsenen in Brasilien (18%), dem Land mit den dritthöchsten Fallzahlen, sind der Meinung, dass die Hochschulbildung von Angesicht zu Angesicht stattfinden wird.

Befragt wurden die Personen auch, ob der Präsenzunterricht sein Geld wert sei. Nur 53 % stimmten dem im Durchschnitt zu. Vor allem Männer im Alter von 50-74 Jahren (55 %) und diejenigen mit einem Hochschulabschluss (59 %) waren besonders häufig der Meinung, dass eine persönliche Hochschulbildung in ihrem Land die Kosten wert ist. (In anderen Kontexten würde man von einem gewissen Bias sprechen … 😉

Das ist das Problem rein quantitativer Studien mit Durchschnittswerten. Man müsste jetzt weit tiefer in die soziokulturellen Merkmale der jeweiligen Bildungskultur einsteigen, in welchen Ländern warum wie abgestimmt wurde.

Was aber bleibt und sich auch vor Covid-19 bereits abzeichnete: 

  • Die qualitative Wissensvermittlung wird sich vermutlich mit der Zeit immer weiter ins Netz verlagern. Es ergibt nur selten einen Sinn, dieses lokal in Präsenz vorzutragen. 
  • Was es hingegen vor Ort braucht, sind Labore, Werkstätten o.ä. und gelegentliche face-to-face-Meetings, in denen man sich austauscht, experimentiert und weiter entwickelt. 
  • Die Anleitung, das Coaching und die Beziehungsarbeit, die mitunter den persönlichen Lernerfolg forcieren helfen, kann sich durchaus weitestgehend in den virtuellen oder regionalen Raum verlagern. 
  • Wenn also weniger der Abschluss und stärker die persönliche Entwicklung in den Vordergrund rückt, kann sich auch die “höhere Bildung” selbst weiterentwickeln – nämlich auf eine höhere, transformative, kollaborativ wirkende Ebene.

Artikel am 29. Januar 2021 erschienen auf Piqd als Hinweis auf den WEF-Artikel Is this what higher education will look like in 5 years?

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