Stephen Ball: Bildung jenseits des Neoliberalismus denken

Prof. Stephen Ball (IOE London) ist einer der weltweit bedeutendsten Bildungsforscher – eine führende Stimme in der Bildungssoziologie und ein Gründungsname auf dem Gebiet der Politiksoziologie. 

Was bedeutet Bildungssoziologie? 

Es bedeutet, die grundlegenden bildungspolitischen Prozesse zu dekonstruieren, um der sozialen Ungleichheit entgegenzuwirken. Das war früher einfacher, reflektiert Ball seinen eigenen Analyseweg.

Die Bildungssoziologie hat sich der Rettung, Reformierung, Verbesserung und Perfektionierung der Schule verschrieben. Ich glaube jetzt, dass es sich um ein zum Scheitern verurteiltes Unternehmen handelt. Die Schule ist eine uneinlösbare Institution.

Wie konnte Ball zu dieser Einschätzung gelangen?

Ball beschäftigte sich in den letzten 30 Jahren mit der Frage, wie ein modernes Bildungsversprechen in dieses neoliberale umbrechen konnte. Und wie wir der wachsenden Ungleichheit wieder mit ‚guter Bildung‘ begegnen können, sodass wir alle uns und unsere Umgebung besser verstehen lernen. (Eine Fragestellung, der wir vergleichbar auch mit einigen Bildungsexpert*innen im Hagener Manifest letzte Woche nachgingen.)

Was ist neoliberal am Bildungsverständnis?

Das neoliberale Bildungsverständnis betrachtet die Lernenden mehr als ins große gesellschaftliche System passende Bildungskonsumierende denn als eigenwillige Wohlfahrtsbürger*innen, die es verdienen, aufzusteigen und ihr Recht auf Bildung wahrzunehmen. So haben wir es jetzt mit einer vernetzten Bildungspolitik von staatlichem und privatem Handeln zu tun, die Menschen in linear aufeinander aufbauenden Bildungssilos beschäftigt hält, ihnen aber kaum hilft, ihre eigenen Talente zu finden und auszubauen.

Aber was stimmt nicht mit den (Hoch)Schulen?

Unser Bildungsverständnis orientiert sich zu sehr an einer Reformierung oder Bewahrung der Schule als Institution, die im 19./20. Jahrhundert zwar ihre Berechtigung hatte, um die Arbeiterklasse zu qualifizieren; heute aber bestünde die Notwendigkeit, dass Bildungsforscher*innen ihre Sucht nach dem Versuch, Schulen und Hochschulen zu verbessern, „brechen“. Als Bildungssoziolog*innen müssten sie sich lösen von den Institutionen als zentrale Träger der Bildung. Das Problem sei nicht die falsche Pädagogik oder das falsche Prüfungsformat, sondern Pädagogik, Curriculum und Prüfungen sind in sich der falsche Ansatz für das 21. Jahrhundert. 

Also, wie kann man über Bildung nachdenken, ohne gleich an die Institutionen zu denken, so reflektiert Ball?!

Man müsse ganz neu über Bildung nachdenken, sich befreien von den damals sicherlich hilfreichen Institutionen. Zwar habe Covid vielleicht dazu beigetragen, Schule für einen Moment auch anders zu denken. Aber das Narrativ des „Remote Learnings“ setzt die Kontinuität des linearen Denkens ja einfach fort. Angesichts der ökonomisch bedingten Ungleichheit im Zugang zum aktiven Mitlernen kann dies jedoch keine erstrebenswerte Lösung sein. Dabei sei nicht dieses „Zurückfallen“ im linearen Bildungssystem das Problem, sondern das verarmte Denken in diesen Wissenskategorien. Es ist eben defizitär mit Blick auf das Wohlbefinden, soziale Beziehungen, persönliches Wachstum, Staatsbürgerschaft, die Möglichkeit eines kreativen Zugangs zu Lernprozessen, die das eigentliche Ziel von Bildung sein müssten. Wenn wir also mit diesen Zielsetzungen jenseits der Schule starten würden, statt über den Wissenserwerb zu gehen, kämen wir vielleicht weiter und könnten den Menschen besser helfen. [Genau unser Reden – seit langem.]

Aber warum verschläft die Forschung diese Entwicklungen?

Das liege daran, dass sich auch die Lehr- und Forschungseinrichtungen der höheren Bildung zunehmend als neoliberale Unternehmen verstehen, die ihre Drittmittel orientiert an vorhandenen Ausschreibungen einsammeln. Nicht ihr drängendstes Forschungsinteresse treibt die Forscher*innen, sondern wo sie Einkommen erzielen können. [Es läuft halt einiges schief im Bildungssystem.] Insofern gäbe es kaum mehr richtig kritische Forscher*innen in den „Institutionen“, zumal sie größtenteils eh nur temporär dort beschäftigt seien und ganz andere Probleme hätten.

Sein Fazit?

Es braucht Forscher*innen, die gegen diesen Strom schwimmen und sich nicht anpassen an die systemischen Anforderungen. Leichter gesagt denn getan. Wir versuchen unseren klitzekleinen Beitrag zu leisten, was schwierig genug ist. #QED 🙂


Artikel am 06. Oktober 2020 erschienen auf Piqd als Hinweis auf den Meet the Education Researcher-Podcast The sociology of education policy (Stephen Ball)

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