Der Sinn des Lebens: Hat das was mit Arbeit gemein?

Ein Drittel aller berufstätigen Menschen arbeitet nur, weil sie Geld verdienen müssen. Mit einem Lottogewinn würden sie die Arbeit sofort aufgeben. Ein weiteres Drittel will Karriere machen und in der Hierarchie vorankommen. Das dritte Drittel findet sich im Beruf in seiner Berufung wider; sie sind intrinsisch motiviert und finden darin einen erheblichen persönlichen Sinn. Der konkrete Job an sich ist dabei eher zweitrangig, so Amy Wrzesniewski, Professorin für Arbeits- und Organisationspsychologie an der Yale-Universität.

Was eine sinnstiftende Arbeit konkret von einer weniger sinnstiftenden Arbeit unterscheidet?

Guckt man sich die Studien der letzten Jahrzehnte an, stellt man fest: Die entscheidende Komponente sind die Beziehungen, die Menschen zu ihrer Arbeit aufbauen. Es geht darum, wie sehr sie mit dem eigenen Wertesystem übereinstimmt und ob sie zur eigenen Identität passt. Wichtig sind auch die Beziehungen, die im Arbeitsumfeld entstehen. Kolleginnen und Kollegen, die einem das Gefühl von Gemeinschaft geben, dass man zu einer Gruppe gehört, mit der man sich identifiziert. Entscheidend ist natürlich auch die Arbeit selbst. Was macht man den ganzen Tag? Wie sind die Aufgaben strukturiert? Fühlen sie sich und der Kontext, in denen sie geschehen, bedeutungsvoll an? 

Der Arbeitsinhalt ist also bedeutsamer als das konkrete Gehalt. Ja, wenn der Fokus gar zu sehr auf den Gelderwerb konzentriert ist, sinkt die Zufriedenheit im Leben generell und die Solidarität mit den Mitmenschen. Dies wiederum beeinflusst den Unternehmenserfolg … 

Aber muss „die Arbeit“, also die Erwerbsarbeit, unbedingt sinnstiftend sein oder gar der eigenen Berufung entsprechen? Wenn die Arbeit doch „nur“ durchschnittlich 20 Prozent der generellen Lebenszufriedenheit eines Menschen beeinflusst, kann man doch auch außerhalb „der Arbeit“ seinen Lebenssinn finden. Zum Beispiel in ehrenamtlicher „Arbeit“, der Familie etc. pp.

In der Folge: Müssen sich Unternehmen überhaupt anstrengen, ihren Angestellten einen Sinnzusammenhang zu bieten?

Doch, meint Wrzesniewski. 

Generell gesprochen geht es darum, einen Zusammenhang herzustellen zwischen den einzelnen Aufgaben, die anfallen, und der Frage, was diese Aufgaben in ihrer Gesamtheit bewirken, oder welchen Nutzen sie am Ende haben. Oft sind Unternehmen darin nicht besonders gut. Das führt dazu, dass die Menschen irgendwelche Aufgaben erledigen, ohne zu wissen, was das am Ende in der Welt bewirkt. 

Die Entfremdung der Arbeit also, um es soziologisch auszudrücken, tut Mensch und Unternehmen letztlich nicht gut.

Wenn Unternehmen aber versuchen herauszufinden, was ihren Beschäftigten wirklich wichtig ist und wohin sie sich entwickeln möchten, dann können diese sich aktiv einbringen. Mit Glück geben sich dann die Menschen selbst einen Sinn bei der Arbeit, indem sie über ihre bezahlte „Arbeit“ hinausgehen und diese sinnvoll anreichern. Als Beispiel werden hier Reinigungskräfte angeführt, die sich aus eigenem Antrieb um die Patient*innen kümmern und mit ihnen sprechen usw.

Gut, darauf zu setzen wäre ein weiterer Grad der Ausbeutung, aber wenn dies wirklich intrinsisch erfolgt, ist eine solche Entwicklung doch zu begrüßen.

Alle anderen werden sich spätestens mit der Corona-Krise die Fragen stellen, ob ihr Job ihnen irgendein Sinnversprechen bieten kann oder ob es Zeit sei, zu kündigen. Wenn man denn die Chance hat, einen anderen Job zu ergreifen …


Artikel am 22. September 2020 erschienen auf Piqd als Hinweis auf den ZEIT-Artikel „Arbeitslosigkeit wäre auf Dauer frustrierender als ein sinnloser Job“

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