Soziologische Diagnosen der gegenwärtigen Um_Ordnungen mit oder nach Corona

Gesellschaftliche Spannungen wie die verschärften Auseinandersetzungen zwischen transnationaler Globalisierung und nationalen Grenzziehungen sowie andere wirtschaftliche, politische und soziale Polarisierungen bilden Themen, die sich quer durch den diesjährigen DGS-Kongress ziehen. Während diese Spannungen in zahlreichen Veranstaltungen mit Blick auf besondere gesellschaftliche Felder und aus der Perspektive der verschiedensten Spezialsoziologien beschrieben und analysiert werden, zielt diese Sonderveranstaltung auf Versuche einer umfassenden Diagnose der gegenwärtigen gesellschaftlichen Situation. Die Aufforderung, das diagnostische Potential der Soziologie auszuloten, stellt sich durch die Corona-Krise noch verstärkt. Sie wirft Fragen auf nach den längerfristigen Folgen der Maßnahmen, die wir im Zuge der Corona-Krise auf globaler, nationaler und lokaler Ebene erfahren haben.

Aus: DGS Kongress 2020: SV_Diagnosen – Gesellschaft unter Spannung vom 17.09.2020


Auszug aus unserem letzten Newsletter

Ich fasse hier die Diskussion aus dem Video zusammen, wie ich sie subsumierend in meinem Verständnis einsortiere. Es geht grundlegend um die Frage, ob Soziologie einen Beitrag leisten kann, den aktuellen Status Quo zu verstehen. Also was bedeuten diese Corona-Zeiten und wie kann man sie in die gesellschaftliche Entwicklung generell einordnen?

FÜR DEN HINTERGRUND

Aktuell leben wir im westlichen System in der Spätmoderne. Die Moderne entstand im Zusammenspiel von Aufklärung, industrieller Revolution und Säkularisierung. Die Ursprünge lagen im späten 18. Jahrhundert, gehen aber auf kulturelle Traditionen im Vorfeld zurück. In der Konsequenz entstand das kapitalistische System, später auch kritische Ansätze wie Marxismus etc.

Allen gemein ist der inhärente Fortschrittsglaube. Die zukünftige Entwicklung soll besser sein als die vergangene, sei es nun wirtschaftlich, politisch, kulturell oder individuell. Optimierung des Status Quo ist Teil der Erzählung und setzt sich in der Spätmoderne spätestens seit den 1980er Jahren auch in den persönlichen Entwürfen der Selbstoptimierung fort. Man will das Optimum aus sich rausholen, das Leben leben, so gut es geht.

Nun ist dem ewigen Fortschritt durch Optimierung der Verlust inhärent. Man gibt Altes auf, um Neues entstehen zu lassen. Dieser Verlust ist aber im Fortschrittsnarrativ nicht vorgesehen, da die Zukunft immer besser sei als die Vergangenheit. Wenn jemand ein Problem damit hat, dann ist dies sein persönliches Problem, weil unter‘m Strich geht‘s ja weiter. („Fehlerkultur lernen“ usw.) In der Folge bleiben jede Menge Modernisierungsverlierer*innen auf der Strecke. Es kommt zu Spannungen zwischen dem Neuen und dem Alten. Immer wieder auf‘s Neue.

Dieser Modus ist kein Alleinstellungsmerkmal des Westens. Diese Spannungen existieren in allen Kulturen. Jedoch gibt es verschiedene Verlusttypen, mit denen Gesellschaften je unterschiedlich umgehen.

  • Realverluste des Status Quo wie Status-, Macht-, Kontroll- oder Sinnverluste auf der einen Seite,
  • stehen Zukunftsängste wie Klimakrise oder Pandemien gegenüber und
  • es macht sich kulturell eine gewisse Verlustangst breit, die sich in Dystopien, Verschwörungstheorien oder auch Klimaangst-Diskursen ausdrücken.

„Verlust“ sei demnach eine soziale Kategorie, die die Soziologie bislang vernachlässigt habe. Wie aber konkret mit den Verlusterfahrungen umgegangen werde, wird zeigen, was von der Moderne mit ihren emanzipatorischen Werten übrig bleibe. So ANDREAS RECKWITZ.

CORONA UND DIE FOLGEN

Dieses lineare Fortschrittsnarrativ mit seinen generellen Verlustängsten gelangt zusätzlich unter Druck aufgrund verschiedener Krisen, die die Moderne regelmäßig durchschütteln. Die Corona-Krise ist die bislang letzte und sie hat (nach HARTMUT ROSA) verschiedene konkrete Auswirkungen zur Folge:

  1. Zum ersten Mal in der kapitalistischen Gesellschaft haben wir es mit einer Entschleunigung der durchgängigen Beschleunigung zu tun. Die Gesellschaft kam abrupt zum Stehen und die eh bestehenden sozial-strukturellen Unterschiede wurden noch offensichtlicher. Systemrelevante Jobs hielten die Gesellschaft am Laufen – und dies wird die soziale Stabilitätskrise, in der wir uns eh befinden, weiter forcieren.
  2. Die Krise selbst ist ein Ergebnis politischen Handelns. Galt bislang das Dogma der systemischen Alternativlosigkeit der Politik gegenüber der wirtschaftlichen Entwicklung, so demonstrierte die Politik auf einmal ihre mögliche Veto-Position. Es ist doch eine politische Spitze oder Zentrum vorhanden – und dies wird zukünftig eine neue Diskussionsachse aufwerfen. (Tut es ja bereits.)
  3. Die fundamentale Krise der Gesellschaft wird sichtbar über die Gesichtsmaske, die eine Störung zur Weltbeziehung signalisiere. Menschen können nicht mal mehr die Welt bedenkenlos einatmen, weil sie potenziell gefährlich für eine selbst sein könne. (Alles kostet was, außer der Luft und Liebe. Für Wasser zahlen wir ja bereits…)
    Dieser Moment könnte der Beginn eines grundlegenden Paradigmenwechsels sein, der die Werte der Gesellschaft wieder zurück zum Schutz des Menschen binde und nicht zugunsten der Wirtschaft interpretiere. Hier könnte die Soziologie helfen, den bestehenden Aggressionsmodus gegenüber der Welt abzuschalten.
  4. Es existiert kein wissensbasierter Algorithmus, der Zukunft sicher aus der Krise führen kann. Handeln ist wichtiger als Wissen. Daraus leitet sich die Zukunft ab. Die Soziologie kann hier Deutungsbeiträge schaffen, Wertediskussionen anstossen und Alternativen aufzeigen. Aber keine Lösungen präsentieren.

WORAN LIEGT DAS?

Die technologischen Innovationen haben mit der Zeit die Räume verändert. Multinationale Unternehmen, weltweite Vernetzungen, Migrationen und Tourismus sind für MARTINA LÖW der Ausgangspunkt ihrer Analysen.

Die Industriegesellschaft hat zu einer standardisierten Homogenisierung der (ver)westlich(t)en Welt geführt. Im Laufe der Spätmoderne jedoch kam es zu einer zunehmenden Heterogenisierung der Gesellschaft. Es entstand ein Spannungsverhältnis zwischen Homogenisierung und Heterogenisierung, das zu Umbauten führte in den gesellschaftlichen Ordnungen. Es entfaltet sich seither eine „rekonfigurierte Moderne“.

Diese Spannungen lassen sich letztlich auf unterschiedliche räumliche Bezugspunkte zurückführen. Man kann 4 grundlegende Raumfiguren unterscheiden:

  1. (Nationale) Territorien (Berlin, Deutschland, EU, Europa)
  2. (Fließende) Bahnen (Flugverbindungen, Bahnnetz, Hyperloop, soziale Netzwerke)
  3. (Multiple) Netzwerke (Vitamin B, Konsortien, Internet)
  4. (Spezifische) Orte (Zuhause, Schrebergarten, Kneipe)

Diese 4 Raumfiguren stehen im Widerspruch zueinander, es entstehen räumlich strukturierte Spannungen zwischen z.B. Territorien und Netzwerken (siehe Datenschutz-Debatte o.ä.), die je nach politischer Tradition unterschiedlich aufgelöst werden:

  • Südkorea nutzt die digitalen Technologien, um alle Bürger*innen zu tracken mit der Folge, dass alle, die aktuell nicht positiv getestet sind, sich frei im öffentlichen Raum bewegen können.
  • Deutschland schickt erst einmal alle Bürger:innen nach Hause und gibt ihnen zu verstehen, dass der öffentliche Raum potenziell kontaminiert ist.

Die politischen Handlungslogiken sind demnach von Raumlogiken geprägt, vor allem in der Krise.

Damit tut sich vielleicht gerade „der Westen“ schwerer als asiatische Kulturen. Neue Welträume zu erschließen, ist ein Kennzeichen der Moderne. Auf der anderen Seite haben wir es jetzt mit einer Unverfügbarkeit einer weiteren Ausdehnung zu tun aufgrund der absehbaren Konsequenzen. Covid lässt im Westen die Welt schrumpfen – und in Asien versucht man die Welt digital weiter verfügbar zu halten.

Hier hält man am Alten fest, insofern ist der Nationalstaat als handelnder Akteur in der Corona-Krise ein zentrales Problem. Die Politik reagiert auf das Katastrophenszenario, um das Allerschlimmste zu vermeiden, sie reagiert auf die absehbaren Verluste mit einer Risikopolitik. Es ist eine defensive Politik, die (seit geraumer Zeit) den Entwicklungen hinter läuft und nicht transformativ agiert.

Auch mein Reden seit Jahren …

O.E.D. 😉


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