Sei fleißig oder kenne die richtigen Leute. Ein Lehrstück aus Harvard.

Die Diskussion rund um die Frauenquote hat alte Diskussionen wieder aufflammen lassen: Es soll Menschen geben, die denken, in der Welt gehe es halbwegs gerecht entsprechend der Leistungsbereitschaft des Einzelnen zu. Dieses meritokratische Prinzip drücke sich auch im Bildungsabschluss aus, so wird gemeinhin angenommen. Damit könne dieser als qualifizierter Gradmesser für die zukünftige Leistungsfähigkeit herangezogen werden. Nun, das stimmt nicht so ganz. 

Nehmen wir als ein Beispiel das Harvard-Studium. Die Akzeptanz-Quote, dort aufgenommen zu werden, liegt bei 4,7%. Das bedeutet, von 100 Bewerber*innen werden maximal 5 angenommen. Mit anderen Worten: Die Hochschule ist extrem selektiv. Um aufgenommen zu werden, muss man zunächst diverse Filterrunden überstehen. Es gilt, die eigene akademische Vorbereitung zu beweisen. Wer diese Erwartungen nicht erfüllt, habe kaum eine Chance, aufgenommen zu werden, so heißt es. Daran hatten einige Zweifel und 2014 eine Klage gegen Harvard geführt, damit sie ihre Daten offen legen. Dies ist 2019 geschehen – und einige Ökonomen haben das Material gleich analysiert.

Die Studie, die Anfang des Monats [September 2019] im National Bureau of Economic Research veröffentlicht wurde, ergab, dass 43 Prozent der weißen Studierenden, die an der Harvard-Universität zugelassen wurden, rekrutierte Athlet*innen, Alumni-Erben, Kinder von Fakultätsangehörigen und Mitarbeiter*innen waren oder auf der Interessenliste des Dekans standen – Bewerber*innen, deren Eltern oder Verwandte an Harvard gespendet haben. (…) Die Studie ergab auch, dass etwa 75 Prozent der weißen Studierenden, die aus diesen vier Kategorien, die in der Studie als „ALDCs“ bezeichnet wurden, zugelassen wurden, „abgelehnt worden wären, wenn sie als weiße Nicht-ALDCs behandelt worden wären“, so die Studie.

Würde man diese Bevorzugungen der zugelassenen Studierenden entfernen, würde sich das Verhältnis zwischen den kulturellen Gruppen „signifikant verändern, wobei der Anteil der weißen Zulassungen sinken und alle anderen Gruppen steigen oder unverändert bleiben würden“, so die Studie.

Das wiederum bedeutet, nicht die individuell Leistungsfähigsten finden hier ihren Abschluss, sondern die mit der besten sozio-kulturellen oder sozio-ökonomischen Passung. Nun, das ist ja auch genau das, was spätere Auftrag-/Arbeitgeber*innen oder Investor*innen suchen: Menschen mit einem guten Beziehungssystem aus alten Studientagen. Ihre Aufgabe ist es, Türen zu öffnen, nicht wie Fleißbienchen Aufgaben zu erledigen.

Was bedeutet dies für weniger gut verdrahtete Personen mit viel Talent und Fleiß? Natürlich kann man sich ein paar Semester Harvard o.ä. für den Lebenslauf erarbeiten. In bestimmten Kreisen hat dies ganz sicher einen Einfluß auf Anerkennung und ggf. auch Bezahlung. Aber als Gesellschaft können wir uns nicht darauf verlassen, so eine Elite der bestqualifiziertesten Personen zu rekrutieren. Es gehört halt doch bei vielen mehr Glück als Verstand zum Auswahlverfahren.

ABER, bevor wir jetzt in eine noch tiefere Depression verfallen. Immerhin hat das öffentliche Augenmerk etwas an Harvards Auslese-Algorithmus verändert:

Im Jahr 2017 stellten Minderheiten mit 50,8 Prozent der zugelassenen Studierenden zum ersten Mal in der 380-jährigen Geschichte von Harvard im Jahr 2021 die Mehrheit der Erstsemester.

Es lässt sich also ein gewisser Fortschritt erkennen. Immerhin. Was auch immer dies auszusagen vermag …


Artikel am 11. Juli 2020 erschienen auf Piqd als Hinweis auf die NBC News Study on Harvard finds 43 percent of white students are legacy, athletes, related to donors or staff

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