Digitale Kompetenz von Lehrenden 4.0

Weltweit hat die Corona-Krise der Online-Lehre einen Schub gegeben. Während viele Lehrende zwar weiterhin hoffen, der Spuk möge bald, möglichst nach den Sommerferien vorbei sein, macht sich langsam auch die Einschätzung breit, es könne sich noch länger hinziehen mit den temporären, partiellen Lockdowns der (Hoch-)Schulen. Und das bedeutet in der Konsequenz: Dem Online-Lernen muss ein weit größerer Raum gegeben werden.

Nun ist „E-Learning“ kein neues Feld und in einigen anderen Weltregionen wurden damit eine Vielzahl an qualitativen Erfahrungen gesammelt und ausgetauscht. Nicht so in Deutschland, zumindest nicht im breiten Stil abseits der auf Drittmittel angewiesenen Projekterities. 

Nun stehen wir vor dem Phänomen, dass „plötzlich“ das Distance Learning Einzug halten soll, aber kaum jemand systematisch versteht, wie das funktionieren kann. So wurden allerorten die Videokonferenzen angeworfen und an ihre Leistungsgrenzen geführt. Der synchrone Unterricht zog einfach um vom Hörsaal in die Online-Welt. 

Die Hochschulen schafften diesen Sprung auch irgendwie – nicht so die Schulen, die weitestgehend vor vielfältigen Problemfeldern sich wiederfanden. Und erst jetzt scheinbar realisieren, dass es schnellstmöglich ein tragfähiges Konzept braucht, um die flexiblen Schulöffnungen mit reduziertem Personal und doppeltem Aufwand für die nächsten Jahr(e) zu händeln.

Von allen Seiten springen nun hilfsbereite Berater*innen zur Seite und empfehlen Tools und Techniken, was zu tun sei. Dabei wird das digitale Mindset dem analogen vieler Lehrenden einfach aufgepfropft, ohne deren Erfahrungen und Chancen auf einen selbstbestimmten, kollaborativen Trial-and-Error-Prozess zu akzeptieren. Diesen Lernprozess mit steiler Lernkurve braucht es jedoch, um die Akzeptanz digitaler Technologien in vielfältigen Lernsettings zu erhöhen. Niemand will einfach „belehrt“ werden, wie es gehen könnte. Zumal niemand jemals solch ein Krisenszenario hatte vorhersehen können.

Ja, und so machen jetzt alle ihre Erfahrungen – und das ist vielleicht auch gut so. Natürlich führt ständiges Videoconferening zur mentalen „Fatigue“. Und natürlich müssen alle Beteiligten sich erproben, wie man die wichtigste Arbeit des Lernprozesses, nämlich das soziale Lernen und die persönliche Beziehungsarbeit jetzt primär online abwickeln kann. Denn das haben wir jetzt alle gelernt: Neben all der verhältnismäßig banalen Wissensvermittlung stellt vor allem die soziale, emotionale und zutiefst relationale Natur des Bildungsprozesses uns vor große Herausforderungen. 

Aber, und das ist die positive Nachricht: Auch diese Beziehungsarbeit lässt sich online gut abbilden – eben anders als in der physischen „Präsenzkultur“, aber nicht minder intensiv. Wir müssen diesbezüglich als Gesamtgesellschaft alle weiterlernen, wie wir das Physical Distancing vor dem Social Distancing nachhaltig auffangen. Diese Kompetenz gilt es sozio-kulturell auszuprägen und gemeinsam zu trainieren. Und diese Muskeln gilt es auszubauen:

Natürlich handelt es sich bei den meisten dieser zusätzlichen digitalen Lehr-„Kompetenzen“ um einfache menschliche Qualitäten, die für jeden Aspekt der Bildung (und in der Tat für jeden Aspekt des täglichen Lebens) gelten. Aber die Erfahrung mit COVID-19 hat gezeigt, wie wichtig es ist, neu zu bewerten, wie diese vertrauten Qualitäten und Eigenschaften (wie Flexibilität, Kontextbewusstsein und Mitgefühl) in die weniger vertrauten Umgebungen von Videokonferenz- und Lernmanagementsystemen übertragen werden.

Pro-Tipp: Vergesst die LMS, denkt ganzheitlicher und arbeitet mit dem gesamten Internet! Da stehen euch so viele Unterstützungsmaterialien und -kontexte zur Verfügung. Es ist ein Eldorado für Lern-Enthusiast*innen und moderne Lehrende, die halt nun im Schnellverfahren sich die notwendige digitale Kompetenz drauf schaffen müssen. Bleibt ja nichts anderes. Und vergesst das „Digitale“. Es dreht sich alles um den Aufbau menschlicher Beziehungen im digitalen Raum.

Von nun an sollten die Begriffe „digitales Verständnis“ und „digitales Vertrauen“ von Lehrer*innen also nicht mehr nur auf das Wissen über die Verwaltung von Cloud-Speichern und den Umgang mit Plattformanalysen bezogen werden.Lehrkräfte müssen sich der sozialen, emotionalen und affektiven Aspekte der technologiegestützten Bildung bewusst sein und sich ihrer Fähigkeit, angemessen zu reagieren, sicher sein. Unterricht jeglicher Art ist nie einfach nur ein technischer Prozess – dies ist sicherlich der Fall beim Online-Unterricht.


Artikel am 10. Mai 2020 erschienen auf Piqd als Hinweis auf den Blog-Artikel der Monarsh University Online learning: Rethinking teachers’ ‘digital competence’ in light of COVID-19

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