Die Coronavirus-Pandemie verändert die Ausbildung

Im Bildungssystem geht auf einmal die Post ab. Mit der unvermittelten Schließung der Schulen, Hochschulen und Bibliotheken stellt sich nach mehr als 20 Jahren E-Learning endlich auch die Frage, wie es systemisch anders funktionieren könnte. 

Angesichts von 1,5 Milliarden Schülern, die keine Schule besuchen, und Hunderten von Millionen, die versuchen, ausschließlich online zu lernen, wird das Experiment die Schulen, die Idee der Bildung und die Frage, wie Lernen im 21. Jahrhundert aussieht, neu gestalten. Die Pandemie zwingt Pädagogen, Eltern und Schüler dazu, kritisch zu denken, Probleme zu lösen, kreativ zu sein, zu kommunizieren, zusammenzuarbeiten und agil zu sein. Sie zeigt auch, dass es einen anderen Weg gibt.

Viele Lehrende saugen derzeit die Möglichkeiten auf, wie man die Online-Lehre sinnvoll gestalten kann, welche Tools, Methoden und Best Practices es gibt – und wie man der Bildungsaufgabe auch online gerecht werden kann. Das Problem in Deutschland ist dabei ein besonderes, nämlich die vorherige, sehr schwerfällige Anpassung des Bildungssystems an die digitale Zeit. Von digitaler Transformation teilweise noch weit entfernt, brach die Krise über die Schulen herein – und das offensichtliche Desaster der digitalen Infrastruktur bricht sich seine Bahn. 

Gleichzeitig bietet die Krise eine Chance. Auf einmal lässt sich die schwerfällige Bürokratie mit ihren alten System-Installationen zur Seite schieben. Es werden allüberall agile Lösungen gesucht, die je nach Schule graswurzelmäßig Neues entstehen lassen. Dabei übernehmen auch die Schüler*innen Verantwortung für ihr Lernen. Sie lernen, wie sie selbst ticken, was ihnen gefällt und wann sie Unterstützung benötigen. Andreas Schleicher, Leiter der Bildungsabteilung der OECD, glaubt, daß man diesen Geist des Selbstlernens der Schüler*innen später nicht mehr zurück in die Flasche stecken kann. Was gut ist, weil die jungen Menschen dies für ihre Zukunft dringend benötigen. Jetzt erst recht!

Auf der anderen Seite vertiefen sich die Ungleichheiten, die auch vorher schon bestanden. Enge Verhältnisse, wenig Datentarif, kein Internet, viel Prekariat machen Online-Lernen für manche zur Hölle. Es wird deutlich, daß Schule und Lehrende v.a. in ihrer Funktion als empathische Sozialisierungsinstanz gefragt sind, um auch Kindern zu helfen, deren Eltern mit der Situation überfordert sind. Das ist sicherlich eine große Anstrengung für alle Beteiligten und es muss alles getan werden, damit sie Online-Lehren und Online-Lernen als positives Äquivalent zur Präsenzkultur wahrnehmen. 

Die Nach-Corona-Welt mit all ihrer wirtschaftlichen Unsicherheit wird ein agiles Bildungssystem brauchen, denn die standardisierten Jobs des 20. Jahrhunderts werden größtenteils verschwunden sein. Wir werden viele Menschen benötigen, die aus sich selbst heraus Neues schaffen können. Insofern lasst uns die Schulen in dieser Zeit unterstützen. Es muss (!) gelingen! 


Artikel am 31. März 2020 erschienen auf Piqd als Hinweis auf den Quartz-Artikel The coronavirus pandemic is reshaping education

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