Die Macht der Bilder

Vorbemerkung

Im Jahre 2012 entwickelte ich den FLOWSHOWER als Anleitung, wie man das Internet für die persönliche Weiterentwicklung nutzen könne. Die Erkenntnisse aus meiner Diss (UEBERflow) brachte ich hier allgemeinverständlich zusammen mit meinen vielfältigen Erfahrungen im digitalen Raum und unseren damaligen FROLLEINFLOW-Überlegungen zur kreativen Klasse.

Die Formate änderten sich im Laufe der Zeit (von Blogbeiträgen über ein erweitertes Online-Angebot zum E-Book bis hin zum Print-Buch), aber der Kern blieb immer gleich: Neun Artikel zum Leben in der kreativen Netzwerkgesellschaft.

Unten jetzt (wieder) veröffentlicht ist Kapitel 7. Das gesamte Büchlein kann man hier bestellen.

FLOWSHOWER

Dies war das damalige Teaser-Video.

Kapitel 7

Foto: (c) Nicole Bauch

Das Bild als Message oder Massage?

Unsere Weltsicht baut auf Text auf. Die Macht über die Wörter und ihre Auslegung konfiguriert nicht nur unsere aufgeklärten Staaten, sondern auch die Religionen. Schreiben und Lesen sind individuelle Grundtechniken unserer Zeit, um sich die Welt anzueignen und gleichzeitig selbst sozio-kulturell gestaltungsfähig zu sein. Menschen, die hier eine gewisse Expertise und Geschicklichkeit entwickeln, werden gerne in Führungspositionen gesehen oder mindestens genauso gerne zu Vorträgen oder auf Podien eingeladen. Schlagfertigkeit und Rhetorik sind „in“, lassen sich in unserer TV-dominierten medialen Praxis gut vermarkten und unterhalten nebenbei. 

Die Welt zirkuliert demnach rund um die schöne, manchmal auch kluge Interpretation vor allem anderer Texte. Ein Quell an Bonmots und Zitaten, in lakonischem Tonfall vorgetragen, amüsiert das pseudo-elitäre Bildungsbürgertum – so selbstzufrieden hatte man es sich schön eingerichtet in der alten Republik (OK, das ist jetzt etwas bissig, aber dennoch meinesErachtens grob zutreffend …). 

Doch nun drängt ein neues Phänomen auf den Markt der Aufmerksamkeitsökonomie: Der Kauf von Foto- und Videokameras boomt, die Smartphone-Euphorie mit integrierter Kamera kennt bislang keine Grenzen und in Kombination mit den diversen sozialen Netzwerken kreiseln Bilder auf einmal in unglaublichen Umdrehungen um die ganze Welt. Aufnahme und Austausch von stillen oder bewegten Bildern ist schnell erfolgt, lustige oder anderweitig bedeutsame visuelle Beiträge nutzen die den sozialen Medien inhärenten viralen Netzwerkeffekte optimal.

Private Fotos stehen dabei für eine Form der „Indi-Visualisierung“ (Guschke), sie repräsentieren Individuen in einer scheinbar sinnvollen Art und Weise. Gleichzeitig können wir eine Inflation an komplexitätsreduzierenden Infografiken konstatieren, die offensichtlich dabei helfen, den „Information Overload“ sinnvoll zu strukturieren. Der Vorteil dieser Form der Kommunikation? Hier können sich auf einmal Menschen auf eine Weise austauschen, die auf textueller Ebene kaum möglich gewesen wäre. 

Mit anderen Worten: Der visuellen Kompetenz kommt heutzutage eine grosse Bedeutung zu. Auch um den Menschen einen Zugang zur Gesellschaft zu ermöglichen, deren textuelle Fertigkeiten nicht den literarischen Ansprüchen genügen, die traditionelle Bildungsbürger/innen an sie herantragen. Aber, so sieht man gleich den erhobenen Zeigefinger: Es braucht einer gewissen kritischen Haltung der Mediennutzung gegenüber, um Informationsgehalt und soziale Auswirkungen der eigenen und fremden Aktivitäten abschätzen zu lernen. Es geht dabei weniger um Bildkomposition als um die Aussagen, die das Bild mit sich trägt. Denn jedes visuelle Element trägt Zeichen und Bedeutungen in sich, die von anderen gelesen werden. Und die Message von vermittelten Aussagen wird von allen Rezipient/innen jeweils anders interpretiert … 

Wie geht man als Person mit diesen Erkenntnissen in der heutigen Zeit um? Die Forschung rund um „Visual Literacy“ ist noch sehr eingegroovt auf Produktion und Nutzung bewegter oder antiker Bilder im Rahmen einer Mediengesellschaft. Was uns aber im Kontext von FlowShower interessiert: Wie identifiziert man den visuellen Code einer Kultur der Netzwerkgesellschaft? Und wie kann man selbst diese kulturellen Zeichen für den eigenen Flow nutzen? Wie repräsentiert man sich z. B. visuell? Wo beginnt und wo endet der Spass? Welche Entwicklungen zeichnen sich hier bereits ab?

Bedeutung von Bildern in der Netzwerkgesellschaft

Sehen ist ebenso wie Spielen ein wesentlicher Bestandteil unserer Kulturgeschichte. Bilder hat es seit der Höhlenmalerei gegeben und wird es wohl immer geben. Wir brauchen sie zur Sinnstiftung. Sowohl interne “Images” im Kopf, seien es nun Traumbilder oder visuelle Vorstellungen, als auch externe “Pictures”, die über ein Vermittlungsformat (Papier, Datei, Leinwand o.ä.) interne Bilder transportieren – und sich dann wieder in das visuelle Gedächtnis einprägen, um dort neue, interne Bilder zu generieren. Wann erkennen wir ein Bild als “Bild”? Wenn wir über gewisse Erscheinungen als Bild (theoretisch) sprechen können, so die Definition von W.J.T. Mitchell in aller Kürze.

Wir nehmen also visuelle Zeichen unserer Welt auf, verarbeiten sie (eventuell) zu Bildern, um anderen davon zu berichten (ob nun als Fotografie, Zeichnung, Gemälde, Infografik o.ä.), die wiederum andere untersuchen können. Nun braucht es heutzutage nicht mehr des geschlossenen Ausstellungsraumes, um Bilder veröffentlichen zu können, so sie denn digital vorliegen. Das Netz erwächst zum fliessenden Ausstellungsraum – im Hinblick auf die Grenzen zwischen privat und öffentlich, auf die Grenzen zwischen Medium, Werkzeug und Kulturraum – und damit auf die Wiederverwendung von (alten) Bildern über die Zeit. 

Während im Top-Down-Modus klassischer Sender irgendwelche Gatekeeper die gesellschaftlich prägende Bilderflut definierten (bis hin zu “designten” Kriegsaufnahmen), demokratisieren Web-Plattformen wie z.B. Instagram, Pinterest und YouTube das Spiel mit den Bildern. Nicht nur kann jede/r diese Dienste kostenfrei nutzen. Diese Plattformen bedienen auch das Bedürfnis nach “shared intentionality” (siehe Kapitel 6) – und damit ermöglicht dieser visuelle Austausch auch eine universale Verständigung der Nutzer/innen. Mit dieser wechselseitigen Sichtbarkeit verändert sich langsam die Welt, inklusive der Wahrnehmung politischer Subjekte und der Machtverhältnisse.

Visual Literacy und Netzkompetenz

Forciert wird dieser Wahrnehmungswandel durch den ökonomischen Druck, den der Bilderrausch auslöst. So leitete Pinterest bereits im ersten Halbjahr 2012 mehr Traffic zu den Bildanbietern als Suchmaschinen oder sonstige Social-Media-Kanäle. Und wie eine Studie im Spätsommer 2012 diagnostizierte, geben Pinterest-Nutzer/innen zudem mehr Geld aus als andere Besucher/innen. Diese Entwicklung wird Konsequenzen für das SEO-Management von Firmen haben – damit weiteren Bilder-Content in die Plattformen tragen und das visuelle Bedürfnis von Menschen forcieren.

Wir können seit einiger Zeit diesen Wandel des Trägermediums von Bedeutungsinhalten beobachten. Das Bild rückt zum Text auf und bildungsbürgerliche Mainstream-Vertreter/innen sehen ihre Deutungsmacht schwinden. Parallel fordern einige Wissenschaftler/innen seit den 1990er Jahren eine “ikonische Wende”, um philosophischen Fragestellungen über eine interdisziplinäre Untersuchung von Bildaussagen nachzuspüren (statt wie bisher primär über die Auslegung von Texten). 

Seitens des Bundes und der EU wurden verschiedene Forschungsverbünde gefördert, die der Bedeutung von Bildkompetenz nachspüren. Unser Eindruck bislang ist allerdings der, dass hier sehr alte, kunsthistorische Ansätze der Analyse von Bildaussagen in die Neuzeit verlängert werden, die sich einzig auf die mediale Ebene der Bildnutzung beziehen. Alle uns bekannten Definitionen zur “Visual Literacy” oder “Visual Competence” verstehen sich als Teil der Medienkompetenz und insistieren auf der Notwendigkeit eines kritischen Umgangs mit Bildaussagen, die man pädagogisch v.a. bei Heranwachsenden qualifizieren müsste. Dem Phänomen einer Netzkompetenz, die sich gleichzeitig informell und ästhetisch einfach ausprägt, wird selten bis nie nachgegangen.

Im vorherrschenden Diskurs wird das Internet konsequenter Weise auf das Medium verkürzt (was will uns die/der Autor/in sagen?). Diese Sichtweise ignoriert meines Erachtens den sozialen Aspekt des “Sharens”: Einerseits der individuellen Freude an einer nonverbalen Dokumentation des Gefallens (je nach Plattform: Retweet, iLike, +1, <3) und andererseits des assoziativen Aufgreifens einer anderen Idee auf der Werkzeug-Ebene, sprich der (schnellen) Weiterverarbeitung vorhandener Dateien. Hier entsteht derzeit ein neuer, spaßvoller, universaler Kulturraum. Kompetenzbildung im Zeitalter kollaborativer Plattformen nimmt Abkürzungen und verläuft nicht mehr in geordneten Bahnen des klassischen, linearen Kompetenzzirkels von Produktion über Distribution zu Perzeption, Interpretation und Rezeption. Und, für viele schwierig anzuerkennen: Die visuelle Kompetenz der Aktiven ist oftmals höher einzustufen als die der Theoretiker/innen.

Blickt man so auf das Thema „Visual Literacy“, kommt auf einmal dem visuellen Code in der kreativen Netzwerkgesellschaft eine wichtige sozialisierende Rolle zu. Web-Ästhetik, Streetart, Graffitis, Gadgets und Mode gelangen beispielsweise in die Rolle wichtiger “pädagogischer” Einflüsse auf die (Re-)Kreation visueller, digitaler Artefakte. Je nachdem, mit welchen Schichten der kreativen Klasse man in Berührung kommt und welchen kulturellen Habitus deren zentrale Keyplayer hinsichtlich von Bildkomposition, Produktion und Distribution pflegen, wird entscheidenden Einfluss auf die eigene vernetzte, aktive und passive Bildverarbeitung haben. Es geht dabei nicht primär um die mediale Wirkung der konkreten Bildaussagen, sondern um soziale Aspekte des Austauschs und der Teilhabe. 

Was wir derzeit beobachten können, ist ein Verwischen von subkulturellen Grenzen, eine Toleranz von wechselseitigen “Mashups”, eine Auflösung konkreter Zielgruppen und Szenen. 

Wie also selbst als Person mit diesen Entwicklungen umgehen?! 

Beitrag der Visual Literacy für Flow im space of flows

Oben hatten wir bereits angedeutet, wie sich durch die sozio-technologische Ebene ein Wahrnehmungswandel der Welt vollzieht. Dieser Wandel bezieht sich nicht nur auf neue Sichtachsen. Vielmehr “stellt sich die Frage, in welcher Weise in der Vielfalt von fixierten und bewegten Bildern soziale und gesellschaftliche Zusammenhänge nicht nur bildlich repräsentiert, sondern auch im Sehen und in Prozessen der Sichtbarmachung erzeugt werden“, wie Roswitha Breckner anführt. In der basisdemokratischen Bildproduktion steckt somit ein Moment der Konstruktion von Wirklichkeit(en), an dem man sich im kollektiven Verbund beteiligen kann. 

So dienten Fotos schon immer als visuelle Repräsentation der “praktische[n] Selbstvergewisserung über das eigene Leben“, sagt Stefan Guschker. Und da der Einzelne“bedeutungsvoll nur in Abhängigkeit vom Anderen” existiere, “ist in privaten Fotos die ganze Gesellschaft stets mit im Bilde”. Fotos wirken somit als wesentlicher Bestandteil sozialer Sinnbildungsprozesse, vergleichbar zu anderen Bildproduktionen (wie Malerei, Film, Video, Infografiken o.ä.). Und erst recht, wenn die Ausstellungskonzepte von einer Darstellung individueller Leistungen abrücken und sozial erweiterte, integrative und nicht pädagogische Ansätze verfolgen. 

Im Frühjahr 2012 besuchten wir eine Fotoausstellung in Central L.A., in der die Geschichte des klassischen Einwanderer/innen-Bezirks entlang privater Fotoaufnahmen erzählt und von einem Fotografen in die Gegenwart verlängert wurde. Die Ausstellung war ein großer Erfolg für die Bewohner/innen, da sie erstmals die soziale Dimension ihrer Familienbilder über diese öffentliche Begehung erfuhren.

Für Einzelpersonen besteht die Herausforderung nunmehr darin, sich auf den Kreislauf des visuellen Austauschs einzugrooven. Die Erfahrung auf einzelnen Plattformen aktiv zu suchen und sich mit den (sechs) Creative Commons-Lizenzen zu beschäftigen, um die rechtlichen Möglichkeiten der Be- und Verarbeitung vorhandener visueller Erzeugnisse abschätzen zu lernen – und ggf. die eigenen Kreationen in den Kreislauf über die Freigabe einzelner Rechte einzuspeisen. 

Und wer eine Andockstelle für den visuellen Austausch sucht: Man findet unsere visuellen Pins unter: http://pinterest.com/frolleinflow/

Literatur 

  • Breckner, Roswitha (2010): Sozialtheorie des Bildes. Zur interpretativen Analyse von Bildern und Fotografien 
  • Guschker, Stefan (2012): Bilderwelt und Lebenswirklichkeit. Eine soziologische Studie über die Rolle privater Fotos für die Sinnhaftigkeit des eigenen Lebens 
  • Mitchell, W.J.T. (2009): Vier Grundbegriffe der Bildwissenschaft 

P.S.

Hier zum Abschluss noch das interne Willkommensvideo in der ersten Version für Personen, die den FlowShower buchten.

So war das damals mit der agilen Produktion … #haha

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