Bildung 4.0 setzt sich langsam durch …

Dieser Beitrag ist ursprünglich erschienen im internen Newsletter unserer Arbeit 40-Slack-Community


The Times They Are A Changin‘

Ich weiss nicht, wie euer Eindruck ist, aber da draussen bewegt sich langsam was. An verschiedenen Ecken kommen die Dinge ins Rollen. Der Status Quo hat sich abgeschliffen. Und immer mehr Menschen werden ungeduldig, wie man Zukunft denn gestalten wolle. Auch die Bildungsanbieter, mit denen wir so zu tun haben, kommen langsam in die Gänge. Zumindest denken sie darüber nach, wie denn wohl ihre Zukunft ausschauen könnte.

Eines scheint immer mehr aufmerksamen Beobachter*innen klar: So wie es ist, kann es nicht mehr lange bleiben. Eigentlich schon jetzt nicht mehr. Nur hängen halt ihre Existenzen daran. Und wenn sie sich nicht vorbereiten, dann wird es blöde für sie enden, sollte auf politischer Bühne plötzlich ein oder mehrere Stecker gezogen werden.

Insofern spüren wir viel Nervosität, auch zunehmende Neugier, wie wir denn darauf schauen – und ganz langsam ein Gefühl der „unvernetzten Generation“, dass sie es tatsächlich nicht bis zur Verrentung so analog schaffen werden; sie verstehen lernen müssen, was es in der Tiefe bedeutet, im digitalen Zeitalter angekommen zu sein.

Und so vollzieht sich derzeit ein Umbruch, den man auf politischer Bühne live in den TV-Programmen ausgespielt bekommt. Im Grunde unglaublich, wie langsam sich lange abzeichnende Prozesse dann tatsächlich vollziehen. Oder wie sprach Hemingway:

“How did you go bankrupt?“ 
Two ways. Gradually, then suddenly.

Ernest Hemingway

Mein Bundestag-Tag

Ihr werdet vielleicht gesehen haben, dass ich diese Woche im politischen Berlin unterwegs war?! Einmal auf Einladung der FDP-Fraktion. Und direkt anschliessend bei Bündnis 90/Die Grünen. Im Vorfeld hatte ich vor einigen Tagen dazu gebloggt. Und auf Instagram habe ich dann kurz zusammengefasst, worum es ging.

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Gestern war ich auf den Fachkongress zur Zukunft der Weiterbildung der #FDP eingeladen. Dort wurde das Konzept von MdB Jens Brandenburg zur #DigitalenBildungsarena vorgestellt, die man sich als einen Kompromiss aus #MILLA (CDU) und #BELGUT (@FrolleinFlow /FlowCampus) vorstellen kann. Neben den Verbandsvertreter/innen von #BDA, #DIHK und #Hochschulforum Digitalisierung des #Stifterverbandes, saß auch das #bündnisfreiebildung auf dem Podium, was gut war, weil wir so schön mit dem Establishment Ping-Pong spielen konnten. Die Atmosphäre war angenehm und konstruktiv, wenngleich die Beharrungskräfte der Verbände schon erheblich sind. Gut, das ist auch ihr Job im Interesse ihrer Klientel. Von daher muss man dem Büro von #KatjaSuding hoch anrechnen, dass sie uns Querdenkerinnen dazu eingeladen hatten, um auch andere Sichtweisen zuzulassen. Anschließend bedankten sich einige Teilnehmer/innen bei mir, weil so eben nicht nur das Übliche besprochen wurde, sondern insgesamt ein anderer Stil zum Ausdruck kam. War gut und interessant – und lasst euch gesagt sein: Solch eine Plattform wird kommen, in welcher Form auch immer. Zwar sagte ich ihnen, dass ich mir nicht vorstellen könne, ein deutscher Anbieter wäre dazu fähig, solch eine smarte, usable Lösung zu entwickeln, weil wir die letzten 15 Jahre geschlafen haben. Aber seitens der Ministerien werden sie es versuchen, so etwas aufzugleisen. Insofern kann man sich beruhigt zurück lehnen, weil wenn man auf die Plattformen der Schulen schaut… 😉 Hat Spass gemacht! Und ich hoffe, das war nicht das letzte Mal, dabei gewesen zu sein. #zukunft #bildung40 #weiterbildung #potentialentfaltung #empowerment

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Zweite Etappe meines gestrigen Bundestag-Tages war bei Bündnis 90/Grünen. Dort diskutierten wir über CoWorking auf dem Land, was gerade ein Riesenthema ist. Entsprechend gross war der Andrang vor Ort – trotz der grossen Hitze in der Stadt. Ich war eingeladen, das Ganze "arbeitsphilosophisch" einzubetten. Weshalb ich natürlich das grosse Fass aufmachen musste, obwohl ich nur 15 Minuten Zeit hatte. Aber worum es mir ging: Den Initiativen mit auf den Weg zu geben, nicht "nur" ein paar Bequemlichkeiten für Pendler*innen anzudenken, sondern das "Big Picture" unserer aktuellen Zeit im Blick zu haben. Jede Initiative heutzutage muss sich selbst fragen, welchen Beitrag sie leisten will zu den grossen Menschheitsfragen unserer Zeit. Es geht nicht nur um schöne, kleine Spass-Projekte, für die es idealer Weise noch Fördermittel gibt. Es geht darum, Menschen zusammen zu bringen, die zusammen gross denken können. Die Neues auf die Gleise bringen. Darum geht es heute. Auch auf dem Land. Anlässe schaffen, damit sich Menschen austauschen, die sich nie im Leben sonst angucken oder gar miteinander kommunizieren würden. Naja, und so. Gleichwohl fand ich die politische Forderung von Ulli Bähr vom #CoWorkLand interessant, statt Pendler-Pauschale lieber Nicht-Pendler-Pauschalen steuerlich absetzbar zu gestalten. Das ist eine schöne kurzfristige Übergangslösung – solange es diese Art von Jobs noch gibt … Hat auch grossen Spass gemacht, nicht zuletzt, weil ich viele alte Bekannte traf. #politik #coworking #arbeiten40 #zukunft #mobility #innovation #bildung40

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Am nächsten Tag durfte ich bei Gunnar Sohn im IBM-Studio von meinem Bundestag-Tag berichten: 

Also, wie ihr seht, es passiert wirklich was in den diversen Gremien. Aber wir müssen da weiter Druck machen. Die Verbände sind so etabliert im politischen System. Sie gehen dort ein und aus – natürlich im Interesse ihrer Mitglieder. Sie formulieren dann an den aus ihrer Sicht zukunftssichernden Empfehlungen, Ausschreibungen und Strategien mit. Angesichts der digitalen Inkompetenz wird mir da weiter angst und bange. Da muss im Grunde unsereins rein kommen, um überhaupt graduell Einfluss nehmen zu können. Es ist echt mühsam in der Demokratie, die wir ja gerne weiter aufrecht erhalten möchten …

Das Internet als Bildungssystem

Zum Schluss: Ihr habt bestimmt von der aktuellen Jugend-Studie des Rats für Kulturelle Entwicklung gehört, die zu folgendem zentralen Ergebnis kamen:

Die wichtige Studie wurde von (Prof. Dr.) Benjamin Jörisson in der oben verlinkten PDF eingeordnet. Wir kennen uns aus den frühen sozialen Netzwerken. Und trafen uns im vorletzten Winter auf einer Podiumsdiskussion von MUTIK zur kulturellen Bildung. Man kann hier die gesamte Diskussion auf Facebook einsehen:

Ziemlich zum Schluss (ca. ab 58. Minute) berichtet er von den unterschiedlichen Zugängen verschiedener Subgruppen zu kulturellen Einordnungen – und schließt damit an meine Ausführungen zur Bedeutung informeller Bildung weiter vorne gut an. Um es kurz zusammenzufassen: Wer mit offenen Augen durch die Welt geht und sich nicht den aktuellen Veränderungen verschliesst, hätte schon längst alternative bildungspolitische Wege einschlagen müssen …

Insofern liest sich sein abschliessendes Fazit zur Studie ziemlich niederschmetternd für die machtpolitisch Aktiven:
(fett markiert durch mich – Dank an Axel Krommer für den schnellen Fund via Twitter):

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die vorliegende Studie auf sehr breiter Basis – nämlich in Bezug auf formale, non-formale und endlich auch in Bezug auf informelle Praktiken – einen alltags- wie auch lernkulturellen Wandel von erheblicher Bedeutung anzeigt. Wie schwer diese neuen post-digitalen jugendkulturellen Welten für Erwachsene zu verstehen sind, zeigen aktuelle Forschungsbeiträge – doch kennen wir es nicht alle aus unserem eigenen Alltag? Das weit verbreitete Unverständnis in Bezug auf digitale Transformationsprozesse ist ein pädagogisches, aber auch ein gesellschaftliches Problem. Wenn die Studie eindrucksvoll zeigt, dass und wie Jugendliche mit und auf Webvideo-Plattformen leben, lehren und lernen, dann verweist sie nicht zuletzt auch auf erhebliche Wissenslücken und Lernbedarfe. Allerdings nicht der Jugendlichen, sondern der Erwachsenen. Dies gilt zuallererst für Stakeholder in Politik und Bildungsadministration, die sich immer wieder geradezu als lernresistent erweisen. Und es gilt selbstverständlich für alle, die in Forschung und Praxis für die Bildung Anderer verantwortlich sind.

Rat für Kulturelle Bildung: JUGEND / YOUTUBE / KULTURELLE BILDUNG. HORIZONT 2019 (PDF)

Damit schliesst Jörisson nahezu magisch an die Kolumne von Carolin Ehmke in der Süddeutschen Zeitung vom 7. Juni 2019 an:

Das analytische und politische Vakuum im Zentrum der Macht verhindert jede innovative Dynamik. Staunend und verständnislos schauen sie auf jene sozialen Bewegungen und wissenschaftlichen Positionen, die wissen, dass keine Zeit mehr zu verlieren ist. Die Lernprozesse organisieren sich gegenwärtig dezentral, es sind Bürgerinnen und Bürger, die keineswegs postdemokratisch oder politikverdrossen auftreten, sondern die die Demokratie erweitern und vertiefen wollen, die sie sich aneignen, um schneller und kreativer auf die drängenden Probleme der Gegenwart zu reagieren.

Carolin Ehmke: Diese Regierung hat die Lust am Lernen verloren

In diesem Sinne leisten wir unseren Beitrag zu diesen dezentralen Lernprozessen. Ich lese daraus: Weiter machen! Immer weiter machen 🙂

Post Scriptum

3 Kommentare zu „Bildung 4.0 setzt sich langsam durch …

  1. Herzlichen Dank für die immer wieder erfischend neuen Nachrichten von dir liebe Anja,

    auch ich versuche jetzt noch einen Gang zuzulegen und den Seniorinnen und Senioren (und die die es noch werden wollen) die gesamte Digitale neue Welt schmackhaft zu machen unter dem Motto: „Lernen kennt kein Alter, die „Digital Botschafter des Landes Rheinland Pfalz“ (www.digibo.rp.de) wurden einbestellt allen interessierten, statt Senioren Teller das Senioren Tablet zu präsentieren.

    Schöne Grüße a.d.Westerwald in den hohen Norden.

    wowo

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