Am 11.11. in China: Alibaba & Co. lassen grüssen

Nein, wir reisen nicht deshalb nach China. So sind wir nicht 😉 Diesen Beitrag hatte ich vor knapp einem Jahr über unseren Newsletter versendet – und da ja bald wieder der 11. November ist und anläßlich unserer Reise, hier nochmals für ALLE zum Rekapitulieren …


„Ich bin kein Tech-Typ. Ich schaue die Technologie mit den Augen meiner Kunden an, mit den Augen der normalen Menschen.“ -Jack Ma, Gründer von Alibaba


Der Tag des Shopping-Wahnsinns

Am 11.11. wird nicht nur traditionell der Karneval eingeläutet. An diesem Tag wird mittlerweile auch in China etwas gefeiert: Es ist der Tag des Online-Shoppings, genannt der „Singles‘ Day“.

Seit den 1990er Jahren hat sich dieser Tag in China unter Studierenden als eine Art Anti-Valentinstag für Alleinstehende etabliert. Das Datum (11.11.) wurde gewählt, weil die Zahl 1 einen Single symbolisieren soll. Junge Singles organisieren Partys und Karaoke-Veranstaltungen, um neue Freundschaften zu schließen oder sich zu verlieben.

Vor acht Jahren begann Alibaba seinen Kunden an dem Tag für 24 Stunden hohe Preisnachlässe zu gewähren. Die Singles sollen sich selbst beschenken. Das taten sie gewaltig. Nicht nur sie, sondern immer mehr Chines*innen taten es ihnen gleich. Und nutzten dazu nicht nur Alibaba. Zahlreiche Konkurrenten folgten nämlich dem Beispiel, wodurch der jährliche Singles‘ Day zur großen Rabattschlacht wurde.

Mittlerweile ist der Singles’ Day der größte Onlineshopping-Tag der Welt, umsatzstärker als die amerikanischen Black Friday und Cyber Monday zusammen.

Wie verrückt sich dieser Tag entwickelt hat, liegt auch an der für europäische Augen ungewöhnlichen Besessenheit der chinesischen jungen Menschen mit ihren Smartphones. Alibaba kommt dabei deren Bedürfnissen mit seiner Plattform sehr entgegen. Es ist gelebte „User Experience“ par excellence. Sie denken komplett vom Kunden, dem User, her – und verschaffen diesen ein optimales Einkaufserlebnis in einer abgestimmten Kombination von Online und Offline.

Schaut euch zum Beispiel diesen Alibaba-Bericht an, um zu verstehen, was ich meine. Es ist ein radikales Plattform-Denken, in dem Shopping als ein Ökosystem gedacht und gelebt wird, weniger als Wertschöpfungskette, in der Angebot und Nachfrage als linearer Pfad ausgelegt wird, in der man Menschen zum Shop oder gar zum Gebäude lotsen will.

[Wie konnte man sich nochmal die Untertitel auf deutsch anzeigen lassen? Richtig, wir haben euch das hier angeführt … Und jetzt schauen, bittschön!]

Alibaba, dessen Kunden nach eigenen Angaben am Samstag, dem Singles‘ Day 2017 zu 92 Prozent per Smartphone einkauften, zelebrierte den Shopping-Rausch mit einer großen Party in Shanghai. Eine riesige Leinwand präsentierte live den aktuellen Umsatz. Sänger Pharrell Williams, Hollywood-Star Nicole Kidman und die chinesische Schauspielerin Fan Bingbing traten am Vorabend zusammen mit Alibaba-Chef Jack Ma in einer Fernsehgala auf, um für den Verkaufstag zu werben.

Hier berichtet die westliche Beobachterin des diesjährigen „Eleven Eleven“, wie sich der Tag im kulturellen Gedächtnis von China gewandelt habe. Vor einigen Jahren noch warteten die Chines*innen auf den Tag, um für ihren Konsumwunsch geeignete Rabatte zu finden. Heute werde der Tag sehnsüchtig erwartet, man wünsche sich „Happy Eleven Eleven“, so wie sich andere „Happy Holidays“ oder „Happy New Year“ zurufen. Die Gala sei sehr entertainig ausgelegt, die Zuschauer*innen könnten mitbieten, sich aktiv einbringen – es sei ein riesiges Fest. Der Einkauf wird zu einem Erlebnispark. (Irgendwie erinnert mich das alles an Weihnachten, nur weniger zwanghaft religiös verkappt…)

Um diesen auch logistisch anspruchsvollen Tag zu meistern, haben Alibaba-Teams in mehr als 600.000 Tante-Emma-Läden neue Computersysteme installiert – einfach, damit der Internethändler seine Pakete dorthin liefern kann und sich diese Läden zu „Smart Stores“ entwickeln.

Für 2017 erwartete Alibaba, dass insgesamt mehr als 700 Millionen Pakete an die 1,4 Milliarden Chinesen geliefert werden. Der Tag kam, die Events gefielen. Alleine Alibaba hat an diesem Tag mehr als 25 Milliarden Dollar Umsatz gemacht.

Jetzt denken sie darüber nach, den Tag auch ins Ausland zu bringen. Der Singles‘ Day in China dient dabei als Stresstest, um die technologischen wie logistischen Systeme mit Big Data anzureichern und Erkenntnisse für die Forschungsabteilung zu generieren.

Das ist richtiges globales Big Business. Dafür hat die Alibaba Group den Ausdruck 双十一 („Doppel-11“) bereits am 28. Dezember 2012 als Warenzeichen registriert. Im Oktober 2014 drohte Alibaba rechtliche Schritte an gegen Presseunternehmen, die von Mitbewerbern Annoncen annehmen, die diesen Begriff benutzen. Also, seid vorsichtig … 😉

Schliesslich noch die Frage, was das alles mit der Schnittstelle von Arbeit und Bildung zu tun hat?

Das Denken aus Sicht der alten etablierten Pfade ist es, das wir auch in „der Bildung“ überwinden müssen. Stattdessen gilt es aus Sicht der einzelnen Menschen zu denken, die sich bereits vielfältig in der Welt bewegen und je nach Kontext ggf. Interesse an einem kleinen „Bildungs“-Portiönchen oder vernetzten Austausch-Strukturen haben. Wir müssen Ökosysteme schaffen, nicht formalisierte Strukturen für informelle Prozesse.

Weiterbildungs-„Angebote“ müssen sich in der Folge in bestehende, lustvolle Interaktionsformate massiv und leichtfüssig einbetten lassen, sie grundlegend durchdringen und nebenbei als entertainige Dienstleistung verstehen.

Dieses zwanghafte, abstrakt vorgedachte, humorlose Expert*innen-Wissen, das gerne ausgeliefert wird, um ein bestimmtes Kompetenz-Profil zu erzeugen, genau dieses Denken ist überholt. Nur wenn man sich sehr selbstverständlich als Dienstleister versteht, der nicht andere beschulen will, sondern interessierten Menschen wirkliche, nicht symbolische, sondern fundierte Mehrwerte bringt, nur das wird zukünftig als erfolgreiche „Weiterbildung“ funktionieren.

Ob das dabei online oder auch offline geschieht, ist bei dieser Betrachtungsweise völlig nachrangig. Man tut es dort, wo sich die Menschen aufhalten.

Wobei das Ganze dann vermutlich einen anderen Namen bräuchte, weil es nichts mehr, aber auch so gar nichts mehr, mit alter „Weiter-Bildung“ gemein hat.

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