China – (auch) wir kommen :-)

Viele Jahre lang fuhren deutsche Unternehmer*innen ins Silicon Valley, um zu schauen und sich inspirieren zu lassen, was sich dort so tut. Wir taten es ihnen gleich und reisten 2015 und 2016 dorthin, um davon in unserem Arbeit 4.0 MOOC und dem Leuchtfeuer 4.0 MOOC zu berichten.

Unsere Motivation damals: Stellvertretend für die Zivilgesellschaft einmal vor Ort sein und ein Verständnis dafür zu entwickeln, welche disruptive Kraft hinter diesen Entwicklungen steckt. Was geschieht da? Und was erzählen uns hiesige Menschen an den Hebeln der Macht? Viele lachten ob unserer Interpretationen, einige winkten abfällig ab. Heute lacht niemand mehr. Die disruptive Kraft der Digitalisierung ist von Tag zu Tag deutlich spürbarer.

Stattdessen richten sich immer mehr Blicke auch in Richtung China. Die drängende Frage unserer Zeit lautet: Können „wir“ mit unserer traditionellen Maschinenbau- und KI-Forschung noch mithalten mit den dortigen Entwicklungen? Wird das Ganze nicht doch zwischen den USA und China entschieden? Nein, heisst es im hiesigen Singsang, „wir“ befinden uns erst am Anfang der Digitalisierung und wir können diesbezüglich locker noch aufspringen. Derweil reibt man sich im Silicon Valley und fragt sich:

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Daraufhin erhielt Chris Anderson einige erboste Reaktionen per Twitter: Ach was, Deutschland verfüge auch über entsprechendes Knowhow. Immerhin hätten „wir“ KUKA.

Die Antwort von CA:

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So weit, so gut. Die Zeichen mehren sich seit Jahren: In China geschieht derzeit einiges, das uns interessieren könnte, denn sie nutzen die digitalen Werkzeuge transformativ.

Da wir uns hier bei FROLLEINFLOW schon länger mit dem Thema beschäftigen, suchten wir also „nur“ nach einem Aufhänger, um einen beruflichen China-Besuch zu absolvieren. Und dieser ergab sich jetzt im Frühherbst recht kurzfristig.

Anfang November reisen wir nach China und begleiten eine norddeutsche Wirtschaftsdelegation bei ihrer DIGITAL INNOVATION TOUR. Unsere Beobachtungen und flankierende Interviews bereiten wir anschließend als kompakten MOOC für den Februar 2019 auf. Was uns treibt, ist die Frage, was wir von China lernen können – und welche Auswirkungen dieser Innovationsschub auf „uns“ haben könnte.

Was hat China, was „wir“ nicht haben?
Warum überhaupt markieren wir manche „wirs“ als „wir“? Weil es in einer globalen, vernetzten Gesellschaft kaum mehr Sinn macht, in nationalen, wettbewerbsorientierten Blöcken zu denken.

Okay, worum geht es genau?

Die politische Weltordnung der vergangenen (!) Zeit organisierte sich rund um den souveränen Staat. Nach vielen harten Kämpfen hatte man sich weltgesellschaftlich grob geeinigt, dass Nationalstaaten als „Souverän“ mit Gewaltmonopol über die Bevölkerung des entsprechenden Erdteils herrschten. Wie auch immer dieser intern sich reorganisierte, war eine innenpolitische Angelegenheit und sollte andere Staaten nichts angehen. Es sei denn, es gab einen Verstoß gegen internationale Verträge.

Als globales Wirtschaftssystem, was dieses fragile nationalstaatliche Gefüge zusammen hielt, setzte sich das kapitalistische System durch, das verschiedene Wellen der vernetzten Globalisierung durchlief, bis es zu dieser hochkomplexen Netzwerkgesellschaft sich ausprägte, in der wir heute leben.

Dies als kleine Einführung in die Grundlagen internationaler Politik (ich hatte sehr intensiv die Internationalen Beziehungen studiert – nicht, dass ihr denkt, ich erfinde hier was …. 😉

Nun befinden wir uns in der 4. industriellen Revolution, und landauf wie landab wird das Lied der radikalen Transformation gesungen, die jetzt ansteht, ob man es wolle oder nicht. In Deutschland eher nicht. Stattdessen hat man es sich lange zu bequem gemacht auf alten ordnungspolitischen Strukturen.

China hingegen, mit seinen 1,4 Mio. Einwohner*innen, hat die Zeichen der Zeit schon vor sehr langer Zeit erkannt und bewegt sich in Riesenschritten in ein digitales Wunderland, auch wenn wir selbst einige Entwicklungen nur mit Befremden beobachten. (Hier eine interessante Podcast-Folge der Wirtschaftswoche von Miriam Meckel und Lea Steinacker zu ihrem septemberlichen Besuch in China, die man sich gut anhören kann.)

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Wie auch immer man die Gesamtentwicklung einschätzt (und ich bin ja nun nicht der größte Fan der Wachstumsideologie): Es ist beeindruckend, wie China vor allem unter Ausnutzung seiner digital unterstützten Macher-Qualitäten diese Masse „seiner“ Menschen aus der Armut hinausführt – auch mit ihrer Made in China 2025-Strategie. (Sofern der US-Handelskrieg dieser Entwicklung nicht einen Strich durch die Rechnung zieht.)

So oder so: Wir möchten für diese ganzen Entwicklungen ein besseres Gefühl bekommen – und zwar vor Ort, auch im Gespräch mit chinesischen StartUps. Und deshalb freuen wir uns, die Wirtschaftsförderung Schleswig-Holsteins dabei begleiten zu dürfen.

Im Vorfeld habe ich nunmehr die kulturellen Indizes von Geert Hofstede im Rahmen meiner Diss erneut reflektiert, um die kulturellen Unterschiede zwischen Deutschland, USA und China mir anzuschauen und um ein erstes grobes Verständnis dafür zu entwickeln, warum manche Entwicklungen in den verschiedenen Nationalstaaten unterschiedlich verlaufen.

Ganz grob, und mir ist bewusst, dies ist nur eine erste, sehr oberflächliche Annäherung, lässt sich folgende Unterscheidung zwischen den Staaten ziehen:

  • Die gefühlte Distanz zu den Mächtigen im Staate ist in Deutschland am niedrigsten, dicht gefolgt von den USA und sehr weit entfernt in China.
  • In China ist man dafür kollektivistischer eingestellt, in den USA maximal individualistisch und Deutschland irgendwo dazwischen, mit einer größeren Nähe zum individualistischen denn zum kollektivistischen.
  • Die Fähigkeit, mit Unsicherheiten gut umzugehen, ist in China sehr hoch ausgeprägt, dicht gefolgt von den USA und weit abgeschlagen, sehr unsicher, ist das Gros der Deutschen.
  • Auch bei der Langzeitorientierung, also in großen, zeitlichen Zügen zu denken, sind Chines*innen weltweit unschlagbar, die USA hingegen sehr kurzatmig, dicht gefolgt von Deutschland.

Wenn wir dies also alles in allem zusammen fassen und ins Verhältnis setzen zu den aktuellen VUCA-Zeiten, in denen alles sehr unsicher ist und neu aufgestellt gehört, dann sehen wir, wie China alleine aufgrund seiner kulturellen Vorteile hier ganz anders agieren kann, als unsere europäische, und hier v.a. die deutsche Kultur. In China werden die vernetzten Strukturen so gestaltet, dass Erfolg als ein Erfolg des Bündnisses gewertet werden kann – entsprechend hoch auch die Erwartungen an die Kinder, sich entsprechend ehrgeizig das Wissen reinzuprügeln, das sie für ihren Aufstieg benötigen.

Sehr flapsig könnten wir konstatieren: Wir dürfen zwar wählen und die „Machtpositionen“ auch ggf. austauschen (wobei dies ja auch nur bedingt möglich ist, wie wir wissen); auf längere Sicht hingegen ist uns China klar überlegen, zumindest was die Adaption und die Nutzung des (digital) Neuen anbetrifft. Über eine Anpassung individueller „Kompetenzen“ wird dies hier kaum glücken, da wir weder die infratsrukturellen noch die kulturell unterstützenden Voraussetzungen vorfinden, aus denen Menschen schöpfen können, um mit Zuversicht in die neue Welt zu starten.

Wer dazu mehr erfahren will: ich hatte dazu vor ein paar Wochen eine AnjaTime produziert:

So, und dies alles ist die Herausforderung, mit der wir uns gedanklich vor der Reise herausfordern.

  • Was können wir von China lernen?
  • Wie können wir mit unseren kulturellen Voraussetzungen die digitalen Potenziale am besten nutzen, um die Herausforderungen unserer Zeit halbwegs fair UND klimaneutral zu meistern? Weil letztlich geht es in diesen Tagen und den nächsten Jahren um nichts (!) anderes…
  • Wie können wir dem Klimawandel ein Stoppsignal entgegnen? Und zwar unmittelbar und möglichst sofort?!
  • Mit welcher Politik gelingt dies eher? Mit der chinesischen oder der europäisch-amerikanischen? Was denkt ihr, wenn ihr die kulturellen Indizes euch oben anschaut? Und nein: Ich möchte nicht unsere Sicht auf die Menschrechtsgestaltung aufgeben … Aber wie dann?
  • Schliesslich: Wie könnten wir mit unserem Mindset die chinesischen Entwicklungen optimal flankieren, um ebenjene globalen Problemstellungen gemeinsam, eben kollaborativ, zu meistern?

Das sind unsere Fragen, die wir im Gepäck mitnehmen. Wir berichten und integrieren wie üblich unsere Slack-Community in die Vorbereitungen, sofern daran Interesse besteht. Wer da mitdenken will, ist herzlich eingeladen! Wir haben bereits eine interne WeChat-Gruppe eingerichtet für Infos von vor Ort …

Dieser Artikel erschien zuerst in meinem letzten Newsletter The NeWoS


P.S.

Sicherlich werden wir immer wieder aus China Fotos via WeChat in den persönlichen Stream hochladen. Wer sich mit uns dort connecten will:

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