Schulzeugnisse & Zertifikate ade?!

Einige Unternehmen setzen bereits verstärkt auf digitale Formen der Bewerbung und messen traditionellen Zertifikaten teils wenig Wert mehr bei: EY – eine international tätige Beratungs- und Wirtschaftsprüfungsgesellschaft – führt im Logo den Untertitel „Building a better working world“ mit sich. Es scheint, dass sie diesen Untertitel auch auf ihr eigenes Unternehmen beziehen. Sie verzichten ganz aktuell auf Zeugnisse in den ersten Schritten der Bewerbung. Man muss einen Online-Test bestehen, damit man den Fuß in die „Stellenmarkttür“ bekommt. Neu ist, dass man keine bestimmte Mindestanforderung in Bezug auf Schul- oder Uni-Abschlüsse erfüllen muss. PWC – ein Konkurrenzunternehmen – geht einen ähnlichen Weg. Beide haben gemeinsam, dass sie es als Arbeitgeber zunehmend schwerer haben, die passenden Arbeitnehmer zu finden. Auch hier wieder: eher hochqualifizierte Arbeitnehmer. (Saatkorn: Aus- und Weiterbildung: die Bedeutung von Zertifikaten)

Bevor wir richtig loslegen: Schaut euch vorab bitte dieses Video vom HR-Festival auf der #RP18 an! Aus der Alltagspraxis eines großen Unternehmens … (habe selbst keinen Bezug dorthin – ist dennoch hochinteressant!)

Jetzt geht es los!

Noch im Dezember 2016 formulierte eine Studie der Bertelsmann Stiftung mit dem aufschlussreichen Titel Können belegen können – Lernwege, Kompetenzen und Zertifikate aus Sicht von Arbeitgebern und Arbeitnehmern, dass zwar anerkanntermaßen das informelle Lernen durch Erfahrung und Praxis das wichtigste Element für die Kompetenzbildung sei, weit vor formaler oder non-formaler Bildung.

ABER:

Diese Erkenntnis offenbart ein Dilemma, in dem Bewerber wie Personalverantwortliche gleichermaßen stecken: Wie macht man das informell Gelernte sichtbar, wenn man sich auf eine Stelle bewirbt? Und wie erkennt man die informell erworbenen Kompetenzen [sic!] eines Bewerbers, wenn man eine Stelle zu besetzen hat? Etablierte Zertifikate wie Schul- und Examenszeugnisse, Prüfungsurkunden und Weiterbildungsnachweise belegen zwar, welche Bildungsabschlüsse der Bewerber hat und an welchen Seminaren er teilgenommen hat. Weil allerdings die dort erworbenen Kompetenzen [sic!] zwar wichtig, aber eben nicht am wichtigsten sind, und weil informell Gelerntes nur schwer nachzuweisen ist, ist diese bedeutendste Kompetenzquelle häufig ein blinder Fleck, wenn es zu entscheiden gilt: Passt der Bewerber auf die Stelle und passt die Stelle zum Bewerber?

Aus diesem Dilemma folgern die Studienautoren, dass es dringend der verbindlichen Anerkennung informeller Kompetenzen [sic!] braucht, damit sich alle Beteiligten am Arbeitsmarkt wohler fühlen.

Kontrastiert man diese Erkenntnis mit den Recruiting-Prozessen großer Konzerne, wie (oben) bei Continental gehört, aber auch Deutsche Bahn, Swisscom oder Google verfahren ähnlich, dann stellt sich die Frage, ob Abschlüsse oder Zertifikate nur noch für KMU und die öffentliche Verwaltung von Interesse sind?!

Bei letzteren, also den öffentlichen Verwaltungen, darf man darauf nicht hoffen, da dort weiterhin SEHR genau Einstufung wie Entlohnung entlang formaler Qualifikationen ausgelegt ist. Zwar wünscht das BMBF hier eine grosszügigere Regelung, wie man mir dort versicherte, aber das BMI, also das heutige HEIMAT-Museum, ach nee „Ministerium“, hält an diesem Stufenmodell fest. (Na, warten wir mal ab, wie sie dort in den Ministerien den dringend benötigten Kompetenzzuwachs für die digitale Transformation schaffen wollen, wenn sie vorrangig auf formale Abschlüsse schauen …)

Anyway, es bedeutet gegenwärtig, dass es Parallelwelten geben wird. Einerseits grosse Unternehmen, die aufgrund der dynamischen Entwicklungen selbst ihre „Workforce“ entlang ihrer tatsächlichen kognitiven wie kreativen Skills selektieren und weiterqualifizieren und andererseits sehr klassisch ausgebildete Personen und Strukturen, die die Rahmenbedingungen für unsere Gesellschaft 4.0 entlang ihrer alten Handbücher gestalten. (Gut, das ist jetzt etwas polemisch, aber ihr wisst, was ich meine …)

Dazwischen stecken die KMU, die weder das Knowhow noch die Freiräume haben, vergleichbar zu den Grossunternehmen fein ziselierte Assessments zu fahren, um gutes Personal für sich zu gewinnen. Gleichwohl wird der Innovationsdruck genau in diesem Segment dramatisch ansteigen in den nächsten Jahren. Es besteht also immenser Handlungsdruck.

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Was können KMU tun?

Sie können z.B. Plattformen wie LinkedIn, XING, dock.io, Sumry nutzen – oder wie sie alle heissen. Hier, und da denke ich wird LinkedIn in Kombination mit Lynda.com und Microsoft ganz weit vorne mitmischen, wird es smarte Lösungen geben, wie Jobs und Personen und Unternehmen mit ergänzenden Weiterbildungsangeboten gematcht werden können.

Das bedeutet, die dringend erforderlichen Anpassungen der Rahmenbedingungen für KMU wie Erwerbstätige wird zukünftig von privaten Unternehmen (hoffentlich verantwortlich) organisiert, zumindest für digital kompetente Unternehmen und Personen. Und ich bin mir gar nicht sicher, ob dies zwangsläufig nur für „höher“ Qualifizierte gelten muss, da dies ja wieder nur einer Eingruppierung entlang der „alten“ formalen Kategorien entspricht.

Was seitens der Politik zu tun wäre?

Der Zertifikats- und Abschluss-Wahnsinn spaltet sich in einem Arbeitsmarkt 4.0 von den tatsächlichen Realitäten der öffentlichen Hand ab. Die Dokumentation eines von einer „alten“ Zertifizierungsstelle akkreditierten Bildungsangebotes kann schon alleine aufgrund der langwierigen Prozesse der Akkreditierung bei gleichzeitiger Dynamisierung der digitalen Transformation nicht einmal annähernd Schritt halten.

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Im Grunde müsste man eigentlich jeder Person umgehend die Rahmenbedingungen zur Verfügung stellen, um sich von heute an selbstorganisiert und selbstbestimmt in die Settings hineinzubegeben, in der sie sich entlang ihrer eigenen Talente weiter entwickeln will. Nur, wer will sich dieser Aufgabe widmen in dem alten Machtgefüge? Wohl eher niemand, es sei denn, man schafft es, eine konzertierte Aktion der 10-15% Changewilligen zu stemmen. Und auch dann wird es ein schwerer Brocken.

Auf die Pädagog/innen werden wir in dem Kontext übrigens weitestgehend verzichten müssen. Sie sind eh der Ansicht, die meisten Menschen könnten das gar nicht, sich selbst zu organisieren. Stimmt auch mitunter, sie haben zuviel Zeit in deren Dunstkreis verbracht. Dort ist all das Selbstbewusstsein und die ganze frugale Kreativität verloren gegangen. Wir müssen das alle wieder gemeinsam entdecken und zutage bringen. Das geht! Davon bin ich überzeugt! Wenn wir als Vorbilder voranschreiten, dann werden andere folgen und das kopieren. (Oder sollten wir doch lieber einen Elternpass einführen? Man fragt sich, wie all die Menschen ihre Kinder gross ziehen ohne Zertifikat …)

Ihr denkt, Zertifikate haben dennoch ihre Berechtigung auch im 21. Jahrhundert?

Ich zitiere hier auszugsweise aus einem guten, durchaus auch kritischen, wissenschaftlichen Beitrag von Ekkehard Nuissl​ zu „Leistungsnachweise in der Weiterbildung​“ aus dem Jahre 2003. Was denkt ihr, in welchen Kontexten diese Funktionen der Zertifikate weiterhin eine wesentliche Bedeutung entfalten?

Die Funktion von Zertifikaten wird in vier Kontexten wirksam: bei denjenigen, die ein Zertifikat erwerben; bei denjenigen, welche sich für die zertifizierte Kompetenz interessieren; für die zertifizierende Instanz selbst; und schließlich für die Gesellschaft oder einzelne gesellschaftliche Gruppierungen (vgl. Moser 2003, S. 41 f.).

Zertifikate bestätigen zunächst eine Lernleistung, einen Lernerfolg, sie reduzieren von daher die Ungewissheit darüber, wo man selbst steht.
Mittels der Zertifikate werden abnehmende Instanzen (Betriebe, Organisationen, Verbände, weiterführende Bildungseinrichtungen) darüber informiert, was es mit der Kompetenz der Person auf sich hat, die auszuwählen (zu selektieren) ist. (…) Zertifikate gelten als Indiz dafür, dass eine bestimmte kompetenzbasierte Produktivität vorliegt.

Mit dem Recht, Zertifikate vergeben zu dürfen, wird die berechtigte Institution bestätigt und teilweise aufgewertet. Vielfach entspricht das Recht, Zertifikate zu vergeben, auch einer Monopolfunktion. (…) Mit dem Recht und der Praxis der Vergabe von Zertifikaten üben Institutionen auch in gewisser Weise eine Herrschaftsfunktion aus, indem sie einen Ausleseprozess steuern und den Zugang zu bestimmten Berufs- und Tätigkeitsfeldern über die eigene Institution lenken.
Im gesellschaftlichen Kontext erfüllen Zertifikate und insbesondere Abschlüsse zunächst und zuallererst eine Selektionsfunktion; das Recht auf und die Zuweisung von Zertifikaten definiert die Auswahl von Personen innerhalb des Bildungssystems, aber auch (in begrenztem Umfang) in anderen gesellschaftlichen Bereichen. Darüber hinaus haben Zertifikate gesellschaftlich eine ordnungsstiftende und standardsetzende Funktion. Zertifikate stellen eine Form von Übersichtlichkeit und Stabilität in der Gesellschaft her, insofern sie definiert, transparent und verbindlich sind.

Soweit also: Was denkt ihr? Brauchen wir noch Zertifikate? Und wenn ja: Warum? Wie könnte man es auch anders organisieren? Bloggt doch einmal darüber oder schreibt in den sozialen Netzwerken dazu.

Mein Fazit, je länger ich über dieses Thema nachdenke:

  • Bei den Grossunternehmen spielen Abschlüsse, Zertifikate und CV kaum mehr eine Rolle – dort arbeitet man intensiv an smarten Lösungen, um geeignete Fachkräfte zu finden.
  • Die KMU wissen es nicht besser. Deren HR-Abteilungen filtern womöglich noch manuell entlang dieser Indikatoren. Allerdings nicht sklavisch. Hier kann man mit beruflicher Erfahrung in seinem CV sicherlich viel wettmachen. Und hier werden die privaten Plattformen der Tech-Giganten ihr Geschäftsmodell suchen und bessere Matchings empfehlen.
  • Die einzigen, die weiterhin primär entlang der formalen Abschlüsse einstellen, ist der öffentliche Dienst. Es ist also ein geschlossener Kreis, eine Filterblase sozusagen.

Wobei dies eh nur die Angestellten-Welt betrifft. Dabei bräuchten wir viel mehr Entrepreneure usw. usf.

Original gepostet in meinem The NeWoS-Newsletter (kann man dort auch abonnieren …)


Zur weiteren Info

Morgen, am 13. September 2018, hält Anja einen Vortrag zum Zertifikate-Wahnsinn auf der Zukunft Personal in Köln. Sie hatte dazu vor einigen Monaten eine Umfrage über unseren Blog formuliert …

Aber jetzt ist hier Schluss. Seid vorsichtig 😉

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