Identität im digitalen Zeitalter

Zur Info

2012 veröffentlichte ich den „FLOWSHOWER. Das Internet für die persönliche Weiterentwicklung nutzen.“ Erst in einem interaktiven Online-Kursformat, später generierte ich daraus ein (E-)Buch.

Inhaltlich versuchte ich damals die verschiedenen Themen meiner Diss „ueberFLOW“ (PDF) mit meinen Hochschul-Kursen und zivilgesellschaftlichen Forschungen zu verbinden, damit mehr Menschen das Internet a) verstehen und b) auch für sich nutzen können.

Um es noch besser verständlich zu machen, habe ich vor einiger Zeit begonnen, in der AnjaTime auf YouTube die ersten Kapitel auszuführen, um sie weiter zu erklären und für den Alltagsgebrauch zu übersetzen. Drei sind bislang veröffentlicht, weitere werden folgen.

In unserer Sommerakademie nutzen wir nunmehr u.a. meine LEARNING MODEL CANVAS, die ich im Rahmen des FLOWSHOWERs entwickelt hatte. Auch dazu hatte ich vor Monaten eine AnjaTime produziert – siehe hier auf YouTube (Danke DSGVO für diese blöde UX …).

Darin verweise ich auf das Kapitel „Daten und vernetzte Identitäten“ des FLOWSHOWERs – mit Link auf den FLOWCAMPUS. Da wir den alten FLOWCAMPUS derzeit transformieren, steht das Kapitel nicht mehr frei zur Verfügung. Dies sei hiermit jetzt behoben.

Voilá! Viel Spass bei der Lektüre über die Herausforderungen der Ausprägung einer digitalen Identität. Es ist Kapitel 8 im Rahmen des FLOWSHOWERs und baut insofern auf den vorherigen Kapiteln auf.

Daten und vernetzte Identitäten

Das Problem der Ich-Erzählung trotz Datenspuren

Die Netzwerkgesellschaft konfiguriert sich rund um dezentrale, vernetzte Projekte, die auf verschiedenen Ebenen angesiedelt sind. Der einzelnen Person obliegt es jetzt, sich möglichst im Flow in den space of flows zu stürzen, um Netzwerkknoten auszuprägen, die genügend relevantes Potenzial für verschiedene Netzwerke haben.

Von aussen betrachtet haben diese Netzwerke womöglich gar nichts miteinander gemein, wohl aber aus Sicht einer Person, die an diesen beteiligt ist oder sein will.

Die Person wird nämlich versuchen, für sich selbst einen Zusammenhang herzustellen, weil nur so eine sinnvolle Identitätsbildung für sie möglich ist.

Identität meint dabei eine biographische Erzählung für Dritte, die die persönliche Vergangenheit mit der Gegenwart und den potentiellen Zukünften in Verbindung bringt.

Die Person bildet dabei eine primäre Identität aus, die den jeweiligen Netzwerk-Identitäten einen Rahmen vorgibt. Sie spielt Theater, um ihre verschiedenen sozialen Rollen zusammenzubringen. Und sie sollte gut Theater spielen und selbst daran glauben. Denn es ist eine stabile Identität erforderlich, um ihre potenzielle Bedeutungslosigkeit als Netzwerkknoten für ein Netzwerk ggf. zu verkraften.

So weit, so gut. Aber es geht noch weiter.

Bei der Nutzung der diversen digitalen Spielereien ziehen wir bekanntlich eine Datenspur hinter uns her, die über aggregierende Algorithmen ein Bild von uns und unserem sozialen Umfeld generiert, das immer weniger Raum für tatsächliche Authenizität bietet.

Die digitale Identität bewegt sich nämlich in einem Kontext gesellschaftlicher Rahmenbedingungen (Politik, Gesetze wie die geplante Vorratsdatenspeicherung, Datenschutz etc.), wirtschaftlicher Interessen (z.B. die Verifizierung realer Menschen in den Web 2.0-Diensten), technologischer Dynamiken (z. B. Cloud Computing) und sozio-kultureller Vorstellungen von Identitäten.

Leider fallen bei diesem Zusammenspiel jede Menge Daten an: Bei der Interaktion zwischen Nutzer/innen und System ebenso wie zwischen Nutzer/innen und Inhalt – und auch beim Austausch der Nutzer/innen untereinander.

Eine Flucht vor dieser Datenflut bietet keinen Ausweg, weil auch das soziale Umfeld aktiv ist und darüber indirekte Datenspuren zur Person entstehen. Wir werden sukzessive hineingezogen in die digitale Netzwerkgesellschaft – ob wir wollen oder nicht.

Eigentlich suchen die meisten Menschen auch keinen absoluten Ausweg, weil sie gerne die Vorteile, Gestaltungsspielräume und Einflussmöglichkeiten der Netzwerkgesellschaft geniessen. Aber wenn wir dann vernehmen, dass in Schweden der Bargeld-Verkehr eingestellt werden soll oder in Estland das Finanzamt automatisch mit dem Bankkonto verbunden ist, um auf der Basis der Einnahmen die Steuern in fünf Minuten zu berechnen, schlucken wir in Deutschland schon sehr schwer.

Was also tun als Otto Normalverbraucher/in?

Halten wir es mit David Weinberger, der als Lösung für den Information Overload noch mehr Informationen fordert? Noch tiefer in die Netzwerkgesellschaft einsteigen, damit man diese aktiv mit gestalten kann statt nur passiver Datenlieferant zu sein?

  • Wie nutzt man die Vorteile der bereit gestellten Netzwerk-Umgebungen für sich optimal und behält weiterhin die Kontrolle über eine authentische Erzählung der eigenen Biographie?
  • Wie wird man aktiver Part der Netzwerkgesellschaft – auch jenseits der bekannten Pfade in der Offline-Welt?
  • Wie organisiert man sich optimal?

Und gleich vorweg: Es gibt nicht DEN goldenen Pfad, der jedem Charakter entspricht. Man muss sich schon selbst damit beschäftigen …

Identität als Narration

Bei der Diskussion des “Ichs” schießt jedem wohl der eingängige Titel von Richard Precht ins Gehirn:

Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?

Nun geht es bei der Suche nach der persönlichen Identität eigentlich immer darum, als Individuum eine stringente Narration für das eigene Leben zu finden und dabei so zu leben, dass andere Menschen einem diese Erzählung abnehmen. Denn erst über die Rückspiegelung des erzählten Ichs prägt sich eine stabile Identität aus.

Dieser Kern verhält sich dabei nicht statisch, sondern befindet sich in stetigem Wandel – die Narration bildet den roten Faden. Und damit eine Grundlage für persönliche Authentizität.

Die Ausprägung der individuellen Identität erfolgt demnach in zwei Stufen:

  1. Sie entspringt zunächst dem Selbst, der Persönlichkeit, dem privaten Kern, so wie die Person von anderen gesehen werden will.
  2. Aber erst in der Rückspiegelung dieser externen Wahrnehmung auf das Selbst entfaltet sich die eigene Identität.

Erzählung und Wahrnehmung gleichen sich dabei sukzessive an – im Grunde ähnlich zur “Lean Startup Methode”, wie sie derzeit in Businesskreisen diskutiert wird.

Entsprechend bildet sich auch die unternehmerische Identität erst langsam als Unternehmensphilosophie aus, wie sie von den Mitarbeiter/innen und Kund/innen gesehen werden soll und zurückscheint.

Eine Erzählung ohne Resonanz beim Publikum trägt nichts zur Identitätsbildung bei.

Ähnlich verhält es sich mit der gesellschaftlichen Identität, die als Meta-Erzählung vom kulturellen Kern berichtet, wie er von der Gesellschaft und von anderen gesehen werden soll – nicht als abstraktes Konstrukt, sondern als gelebte, geteilte Kultur der beteiligten Akteure.

Algorithmen, digitale Gesellschaft & Identität

Nun wird diese Kultur wesentlich von den digitalen Netzwerken mitgeprägt.

Die Menschen bewegen sich bewusst oder zumeist unbewusst durch die verschiedenen Ebenen der digitalen Netzwerkgesellschaft. Sie benutzen Geldautomaten, ziehen Warenhaus-Karten durch den Scanner, tanken mit der Kreditkarte, telefonieren mit dem Handy, suchen etwas in Google und chatten mit Freund/innen und Familie – und mehr.

Alle digital vernetzten Aktivitäten ergeben zusammen genommen ein sehr genaues Bild, so man diese Daten zusammenführe. Genau um diesen Umgang mit diesen existenten Daten geht es bei den Diskussionen rund um Vorratsdatenspeicherung, Datenschutz, Copyright und Patentierungen.

Sich nicht am digitalen Leben zu beteiligen, bietet keinen Ausweg.

Über die sozialen Interaktionen von Bekannten gelangen persönliche Daten ins Netz. Indem diese ihre persönlichen Adressbücher mit der “Cloud” abgleichen, sind postalische und eMail-Adresse längst mit dem Geburtstag irgendwo synchronisierbar. Auch das soziale Umfeld ist dadurch fortgeschritten bekannt, je mehr Personen sich über die sozialen Netzwerke verbinden.

Schließlich vermögen Google- und Amazon-Algorithmen den einzelnen Menschen aufgrund eigener Aktivitäten in ein persönliches Profil zu giessen, das der “Wahrheit” relativ nahe kommt. Ganz zu schweigen von ID-Karten, Firmen-Zugangscodes, digitalem Personalausweis, genetischem Fingerabdruck und Iris-Erkennung, die ihren Beitrag zur digitalen Identität leisten.

Jedwede Narration enthält plötzlich eine gewisse Brüchigkeit, die jederzeit durch einen nächsten digitalen Dreh und weiterer Vernetzung ihrer Fiktion beraubt werden kann – wir sehen das gerade im Zusammenhang mit den vielzähligen Plagiatsaffären. Das Bild, das die digitalen Spuren offenbaren, ist weitaus genauer und authentischer als jedwede selbst gewählte Erzählung.

Identität 2.0 für einen Menschen als soziales Wesen

Aber lässt sich nun eine moderne “Identität 2.0” auf die digitale Identität reduzieren?

Ich denke nicht. Für einen identitätsstiftenden Individuationsprozess ist neben einer zunehmenden Ausdifferenzierung auch ein stabilisierender Sinnstiftungsprozess erforderlich.

Der Mensch ist nicht nur das, was er/sie tut, sondern was als persönlicher Kern in den Handlungen durch schimmert.

Der sozialen Beziehungen braucht es, um sich selbst als Mensch zu vergewissern. Und dabei kann das Netz unterstützend wirken. Nicht nur als Resonanzboden für die eigenen Broadcasting-Aktivitäten, sondern auch als vernetzter Input-Geber.

Das persönliche Netzwerk entwickelt sich zum erweiterten Ich. Je besser dessen Qualität und je fluider die Schnittstellen, desto stärker wachsen Schein und Sein zusammen. Den Qualitätsmaßstab setzt das Individuum. Es existiert keine standardisierbare Norm mehr.

In der Netzwerkgesellschaft hat sich aus den kulturellen Codes und Praktiken der sozialen Bewegungen heraus seit den 1960er Jahren ein “vernetzter Individualismus” (nach Barry Wellman) ausgeprägt.

Personen verbinden sich, um ihre Probleme mit ihrem Netzwerk gemeinsam zu lösen. Die sozialen Netzwerke im Internet helfen ihnen dabei, ihre persönlichen Netzwerke zu erweitern. Allerdings sind dadurch neue Zwänge der Visualisierung und Vernetzung entstanden, die an sich keine autonome Entscheidung mehr für oder gegen die Online-Teilhabe gewähren.

Das Netz wird so zum Herrschaftsorgan, da es einer geteilten Kultur der Protokolle und Werte bedarf, um innerhalb von Netzwerk-Projekten miteinander kommunizieren zu können. Unterwirft man sich diesem nicht, bleibt nur der Rückzug hinter alte Symbole und Werte, die mit den Aktivitäten der globalen Netzwerkgesellschaft zusehends weniger gemein haben.

Um also zurückzukommen auf die Frage, wie sich eine persönliche Identität im 2.0-Zeitalter jenseits von Selbstmarketing ausprägen kann:

Je stärker sich unsere Ausflüge in die virtuellen Netzwerke verzweigen und je dezentraler wir die Online-Angebote auf unsere Bedürfnisse zuschneiden, desto bedeutsamer wird die integrierende Kraft einer persönlichen Erzählung, die zurück scheint, um die losen Fäden zusammenzuführen.

Individuellen Online-Aktivitäten wie z.B. (Micro-)Blogs kommt eine immer grössere Bedeutung für das eigene Storytelling zu.

Die persönliche Netzumgebung zur Kontrolle über die eigene Erzählung

Blogs können ein probates Mittel darstellen, den eigenen Online-Aktivitäten einen Sinnzusammenhang mitzugeben.

Nicht jede/r aber bringt eine Blogger-Persönlichkeit mit. Blogs mit ihrem selbstdarstellerischen Moment bedürfen einer sozio-kulturellen Prägung, die eher maskuline Gesellschaften im Sinne Hofestedes mitbringen (vgl. Kapitel 5).

Blogs bedienen die Medien-Facette des modernen Webs. Femininere Kulturen hingegen bevorzugen den sozialen Austausch und nutzen das Web lieber als Kulturraum. Insofern bedienen Blogs nur eine Option, wie man eine narrative Interpretationshilfe der vielfältig anfallenden Daten bereit stellen kann.

Vielmehr geht es darum, ein persönliches “E-Portfolio” aufzubauen, dessen Inhalt sich aus verschiedenen technologischen Quellen speist.

Ein E-Portfolio dient im Kontext eines Netzwerkes einerseits der Selbstreflexion und anderseits der Kollaboration bzw. der Selbstdarstellung. Als Individuum zielt der Aufbau dahin, die eigene Entwicklung zu systematisieren, um eine sinnstiftende, authentische Erzählung auszuprägen.

Die erzählte Identität kann der Verfolgung eigener Interessen und Zielsetzungen dienen, aber auch als Andockstelle in der Netzwerkgesellschaft wirken.

Inwiefern eine standardisierte Tool-Umgebung zum Aufbau individueller ePortfolios bereit gestellt werden sollte, ist umstritten. Ich persönlich votiere in Richtung selbstbestimmter Online-Arbeitsumgebungen, die sich auch zu diesem Zwecke nutzen lassen.

Als Handlungsorientierung für den Aufbau einer geeigneten Umgebung liesse sich eine Adaption der „Business Model Canvas“ von Alexander Osterwalder andenken.

Vergleichbar zum Aufbau eines „Lean Startups“ liesse sich eine „Lean Identity“ konstruieren, die im ständigen Wechsel zwischen Selbstreflexion und Selbstdarstellung ihren Wert, ihre „Identität 2.0“ ausprägt und hinterfragt.

Für interessierte Personen geht es darum, solch ein Modell als kontinuierlichen Prozess zu verstehen, um sich im Fluss in der Zeitgeschichte zu verorten und einen dynamisch mitwachsenden Standpunkt einzunehmen.

Eine Identität mit Gestaltungsanspruch in der Netzwerkgesellschaft verharrt nicht auf früheren Verfestigungen („das habe ich schon immer so gemacht“), sondern sucht nach Anknüpfungspunkten, um die früheren Erfahrungen in die moderne Zeit zu transferieren.

„Lean Identity“ bedeutet demnach, sich in regelmäßigen Abständen als vernetzte Person zu hinterfragen, sich weiter zu entwickeln und sich immer wieder auf’s Neue zu positionieren, indem man Verantwortung für sich selbst und seine Umwelt übernimmt. Dabei möchten wir Euch unterstützen!

Ihr könnt die Learning Model Canvas online downloaden und ausdrucken.
(ACHTUNG Internet! Die Datei liegt auf Google-Servern…)

Literatur

Osterwalder, Alexander & Pigneur, Yves (2010): Business Model Generation


TIPP

Wenn Ihr alle weiteren Inhalte des FlowShowers lesen wollt, dann bitte hier entlang.

FLOWSHOWER – Das Internet für die persönliche Weiterentwicklung nutzen

Als Leser*in erhälst Du damit komprimierte Inhalte zum Leben in der kreativen Netzwerkgesellschaft und einige Arbeitsblätter für intuitive Lern- und Arbeitsprozesse im vernetzten, spielerischen Flow.

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