Die aktuelle Hochschullandschaft 1.0 von innen heraus beschrieben …

Kopie aus dem ehemaligen FLOWCAMPUS-Blog, der jetzt ruhen muss ..


Da schreibt uns doch ein gestandener, sehr erfolgreicher, bis dato mir persönlich unbekannter Professor, etwas älter als ich, eine Dankes-eMail für unser Buch und die Videos etc. pp. Mit seiner Erlaubnis zitiere ich einige Auszüge daraus anonymisiert. Sie zeichnen ein Spiegelbild der universitären Landschaft, das meine soziologischen Beobachtungen mehr als bestätigt. Ich möchte dabei betonen, dass nicht alle Profs sooo sind. Es gibt durchaus auch kritische Geister, die unsere gemeinsame Zukunft sinnvoll gestalten wollen und sich dafür aktiv einsetzen. Ich habe selbst mit einigen zusammen gearbeitet und auch zunehmend wieder Kontakt zu solchen, die sich langsam aus der Deckung trauen. Aber das Gros der Belegschaft und des systemischen Umfelds wird hier ganz gut in ihrer Comfort Zone beschrieben. Viel Spass bei der Lektüre 😉


Mail 1 von Prof

Hallo zusammen,

wenn man Euer E-Book „B(u)ildung 4.0“ gelesen hat, kann man doch nur Nettes schreiben. Warum?

  1. Die Ausführungen, die übrigens exzellent belegt sind, sind nicht nur Ausdruck einer fachlichen Expertise, sondern zeigen, dass Ihr zu den ganz wenigen gehört, die Verantwortung für die next generations übernehmen. Ihr kümmert Euch. Die größtenteils vorzufindende „Nach mir die Sintflut-Einstellung“ eines Großteils meiner Generation (19XX) geht mir schon lange fürchterlich gegen den Strich. Deshalb habe ich versucht, mit einer Streitschrift „XXX“ mal konstruktive Vorschläge zu machen, wie die Hochschullehrenden-Qualifikation, nicht die unpersönliche Hochschullehre, verändert werden sollte. Mir ist bewusst, dass dies natürlich nicht gewünscht ist. Man hat es sich zu bequem gemacht.
  2. Wenn man wie im Falle meiner Person schon mehr als 2 Jahrzehnte mit den Entwicklungen in der Telekommunikation und Plattformökonomie befasst ist, hat man sich auch schon sehr frühzeitig mit bestimmten Konsequenzen für den Arbeitsmarkt und die Hochschulausbildung/-weiterbildung beschäftigen müssen, gerade in Verantwortung für die nachfolgenden Studierendenjahrgänge. Meine Vorschläge eines „Media Think Tanks“ oder anderer neuer Wege in der Qualifizierung für die Plattformökonomie, verbunden mit realisierten Prototyping-Projekten („XXX“), wurden halbherzig zur Kenntnis genommen. Ich habe frühzeitig gesehen, wie im Banken-, Telekommunikations- oder Handelsbereich schrittweise Stellenschließungen, Frühverrentungen etc. um sich gegriffen haben. Die KI-basierten Digitalisierungseffekte werden hier noch krasser den Stellenabbau forcieren. Trotzdem (dis)qualifizierten viele Studiengänge die Studierenden weiter mit überholten Qualifikationsinhalten. Man redet(e) natürlich nicht so gerne darüber, ließ die jungen Leute dies nicht wissen. Am schlimmsten waren allerdings die unglaubliche Selbstherrlichkeit, die Besserwisserei, die Antriebslosigkeit und Passivität der branchenweit anzutreffenden (Nicht-)Entscheider-Führungskräfte. Nun stehen sie vor den Scherbenhaufen der Unterlassungen. Nur, es kümmert sie größtenteils nicht. Deshalb spreche ich von einer Welle der Unverantwortlichkeit. Ernsthaftigkeit sieht anders aus.
  3. Ganz direkt werde ich deshalb aktuell mit den Folgeproblemen dieses Verhaltens konfrontiert, denn neben dem Verschlafen der Qualifikationsanforderungen und Umstellungen durch die (disruptive, könnt Ihr das Wort überhaupt noch hören?) Digitalisierungsprozesse sollen jetzt z.B. in meinem Fachgebiet XXX mal schnell Qualifikationen für BerufsschullehrerInnen und Ausbilder für neue IHK-Ausbildungsberufe (XXX) auf den Weg gebracht werden, als „Leuchtfeuer“ der Digitalisierungsbemühungen. Ich habe zwar in diesem Bereich relativ früh erfolgreich mit einschlägigen Qualifikationen die Studierenden „arbeitsmarkt- und wettbewerbsfähig“ gemacht und auch eine hohe Zahl von start-ups mit Überlebenschance auf den Weg bringen können, aber die gap zwischen den Entwicklungen, die Ihr richtigerweise in Eurer Schrift behandelt und den fachlichen Umsetzungserfordernissen wird immer größer. Ein Großteil meiner Generation hat sich frühzeitig von den Anforderungen des Computational Thinking verabschiedet, Social Media und App-Economy teilnahmslos der next generation überlassen und an ihren 60er/70er Jahre-Schul-, Qualifikationsmustern und Einstellungen festgehalten. Das musste natürlich schiefgehen. kritisch-rationales Denken, das stete Falsifizieren von Know-how ist und war viel zu anstrengend. Außerdem bestand und besteht bei vielen kein Problemlösungsdruck (Mir geht es doch gut-Einstellung).
  4. Die angesprochenen Aspekte sollen nur kurz anreissen, warum ich mit so großer Freude und Genugtuung Eure Bestandaufnahme und Lösungsvorschläge gelesen habe. Ihr trefft absolut den berühmten Nagel auf den Kopf. Auch mit Euren anderen Dokumentationen zur Arbeit 4.0 etc.
  5. Sensibilisierung und „Aufmerksammachen“ auf solche Entwicklungstrends ist das eine, ernsthafte Umsetzungsbemühungen sind das andere. Vielleicht ergibt sich mal die Gelegenheit zum Gedankenaustausch um über ernstgemeinte Transfers zu sprechen.

Danke nochmals. Ihr habt wirklich inspiriert.

Antwort durch mich

Hallo XXX,

Vielen Dank fuer das tolle Feedback! Darf ich anonymisierte Auszüge davon verbloggen, ohne dass man auf deine Person rückschliessen kann?

Inhaltlich sehe ich das ähnlich und ich frage mich seit Jahren, woher dieser breite Korps-Geist kommt in den wissenschaftlichen Kreisen. Es ist alles so ideologisch aufgeladen und es gibt kaum Menschen in den Systemen, die richtig selbst denken. Ganz merkwürdig.

Allerdings merke ich, dass sich gaaanz langsam was tut. Ich werde immer weiter eingeladen zu Vorträgen, um diesen Blick über den Tellerrand zu wagen. Es trauen sich immer mehr, das zuzulassen und auch als Inspiration anzuerkennen. Das macht mir Mut.

Andererseits sind diese Verkrustungserscheinungen ja schon lange bekannt. Ich sammle derzeit Material zur „dualen Ausbildung“ – auch so ein bildungspolitisches Meme, was sich dauerhaft hält und wie im Loop immer weiter rezitiert wird.

Es ist so erstaunlich, wie wenig tatsächliche Kritikfähigkeit im System herrscht. Manchmal kann man nur hoffen, dass die Krise möglichst bald und umfassend zuschlägt. Nur dann wird sich vermutlich was bewegen.

Nun denn. Bis dahin ackern wir weiter und arbeiten uns Millimeter für Millimeter vor.

Hab Dank & Grüsse aus Berlin. Bitte gerne melden, wenn in der Hauptstadt.

Mail 2 von Prof

Liebe Anja,

schön, dass Du Hoffnung auf „gaaaanz langsame“, zarte Aufbruchstimmungen machst. Freut mich wirklich.

Gerne kannst Du Auszüge meines Statements verbloggen.

Es schreibt Dir hier jemand,

  • der immer nach Lösungen sucht,
  • nicht das Dauerjammern zur wissenschaftlich-akademischen Hauptaufgabe macht („Die jungen Studierenden werden immer fauler und können nichts“, „Frühzeitige Selektion und hohe Abbrecherquoten sind meine Lehrphilosophie“, „Vermittlung nach dem Motto ‚Bestehen durch Verstehen‘ ist mir viel zu aufwendig, zudem zählt nur wissenschaftliches Publizieren und Forschen“,“Die zunehmende Entfremdung von DozentInnen und Studierenden interessiert mich nicht“),
  • an die Problembewältigungskraft der next generation glaubt und
  • der eine der wichtigsten Aufgaben darin sieht, Verständlichkeit zum wichtigsten Objekt von Kritik und Produktivität (Sharing) sowie Weiterentwicklung des (bestehenden) Know-hows zu machen.

Kritische Sichtweisen, die Ihr auch in Euren Publkikationen und Videos immer wieder fordert, bedingen m.E. drei Dinge:

  1. Neugier schaffen durch „Feuer“ legen (Lernen ist immer nur durch emotionale Ansprache möglich),
  2. Verständlichung der Themen und Domänen (ich bin u.a. im KI- bzw. Algorithmus-Bereich tätig) herstellen und
  3. unbedingt kritisch-rationales Denken (stete Falsifikationsanstrengungen) fördern.

Das muss man wollen, dass junge Leute, und nicht nur die, durch Verstehen vor allem helfen, mit frischen, konstruktiven Ideen die bestehenden Denkmuster, Theorien und Modelle in Frage zu stellen. Viele sehen sich hier bedroht, denn „Wissen ist Macht“. Wir haben noch zu viele „Rechenmeister“, die keine Aufklärung und Mündigkeit der jungen Nachwuchstalente wünschen. Wir brauchen dringend solche „Feuer“-Leger und Verständnis-Schaffer, auch auf den Online-Plattformen. Ein absolut ungelöstes Problem. Sonst bleibt Wissen unproduktiv in den Köpfen weniger gelagert. Das Berufsbild des allwissenden Hochschullehrers, ProfessorIn genannt, braucht dringend ein Relaunch. Aber, wer will das schon? Lasst mich in Ruhe forschen.


Na, zuviel versprochen? Jetzt wieder ausatmen …