Kulturelle Bildung – warum braucht es das?

Mitte Dezember letzten Jahres fand die Veranstaltung #KUB20XX – Kulturelle Bildung im Digitalen Zeitalter in der Berliner Kulturbrauerei statt. Es war eine schöne Veranstaltung. Seht selbst zunächst in diesem kurzen Trailer!

Die sozio-kulturelle Ebene im Zuge der digitalen Transformation des Bildungssystems ist aus meiner Sicht eine ganz entscheidende, das habe ich in den letzten Jahren immer wieder betont. Mir ist diese Verkürzung auf die individuelle(n) Kompetenz(en) und Skills viel zu unterkomplex.

Von daher hatte ich mir im Vorfeld zu der Veranstaltung einige Gedanken gemacht, um mich thematisch wieder einzugrooven. Sehr hilfreich in diesem Zusammenhang war die von den wirklich tollen Veranstalter*innen von MUTIK rein gereichte Einstiegsfrage, die dann letztlich so gar nicht gestellt wurde, aber mir half, mich in das Thema einzudenken.

Einer der am meisten diskutierten Aspekte bei der Digitalisierung ist die Veränderung der Kommunikation und zwischenmenschlichen Beziehungen – Open Resource, Sharing, aber auch Filterblasen und Echokammer sind nur ein paar Phänomene. Finden Sie, dass unsere Gesellschaft darauf vorbereitet ist?

Hier meine Notizen.

Wir können aktuell widersprüchliche Entwicklungen erkennen.

  • Auf der einen Seite haben wir es mit einer Realisierung alter freiheitsstrebender Kräfte aus den Alt-68ern zu tun (Offenheit, Umgehen der Gatekeeper, Transformation über das bestehende System hinaus), die einen gesellschaftlichen Wertewandel auch bei den jüngeren Generationen forciert haben (Work-Life-Balance, Home Office, New Work etc.).
  • Auf der anderen Seite besteht die Gefahr einer umfassenden Durchkapitalisierung unserer gesamten Lebenswelt, weil findige Unternehmen attraktivere Modelle entwickeln als die Open-Source-Szene.
  • In diesem Spannungsverhältnis bewegen sich die Menschen.

Von daher sind viele Menschen schon vorbereitet auf diese Veränderungen, weil sie den Nerv der Zeit treffen – ansonsten wären die sozialen Netzwerke, Filesharingsysteme und Messenger nicht so erfolgreich. Es trifft den Nerv der Zeit.

Wer ganz sicher nicht auf diese neue Komplexität vorbereitet ist, sind die institutionellen, staatlichen Rahmenbedingungen, die dafür sorgen sollen, dass Gesellschaft als kohärentes Ganzes funktioniert. Hier setzt erst langsam ein Umdenken ein. Leider sind dort viele strukturkonservative Personen involviert, die kein wesentliches Interesse haben, grundlegend etwas zu verändern. Aber die digitale Transformation erfordert eine systemische Neuausrichtung im 21. Jahrhundert, die in „der Politik“ jedoch kaum jemand denken will/kann.

Leider können wir ähnliche Tendenzen auch in „der Kultur“ erkennen. Auch dort wird den aktuellen Entwicklungen nicht unbedingt auf breiter Front mit Offenheit begegnet. Man versucht sich eher als kritischer Mahner zu etablieren, als gäbe es in Deutschland nicht genügend Skepsis den digitalen Entwicklungen gegenüber. Insofern fungiert „die Kunst“ hier oftmals weniger als Mahner denn als Sprachrohr im Mainstream. Das ist schade und vergeudet leider viel kreatives und tatsächlich kritisches Potenzial.

Dabei wäre es für alle kritischen Geister wichtig zu erkennen, wie unterschiedlich manche Kulturen an die Nutzung des Webs herangehen, je nachdem, wie deren Kultur bislang in der „analogen“ Welt früher gelebt wurde. Dieser unterschiedliche Zugang lässt sich zwar nicht nur regional, sondern auch subkulturell ausdifferenzieren. Aber wir sollten nicht ausser Acht lassen, wie prägend unsere sozio-kulturelle Sozialisation ist für die Entwicklung eigener Werte und Normen – und damit für die Offenheit gegenüber neuen Entwicklungen. Und das bedeutet, wir müssen einen breiten Blick auf die uns umgebende Alltagskultur werfen.

Also, wie kann man aufgrund seiner soziokulturellen Sozialisation gegenüber dem Internet unterschiedlich eingestellt sein:

  1. Flaches Modell (Creative Internet): Menschen, die bereits früher sozio-kulturell sehr aktiv waren, nun zunehmend auch in konsumstarken Ländern leben, nutzen das Web sehr aufgeschlosssen, da es die sozialen und kulturellen Aktivitäten der Länder unterstützt (z.B. China).
  2. Kulturgüter-orientiertes Modell (Circular Entertainment): Hier wird das Netz, so wie früher der Film oder das Theater, lediglich als Multiplikator von Entertainment-Produkten angesehen – also eher der mediale Charakter gesehen, das soziale Leben bleibt weiterhin analog (z.B. Deutschland).
  3. Kulturperformance-orientiertes Modell (Social Computing): Das Netz dient hier einem aktiveren sozialen Leben, es kompensiert sozusagen den vorhandenen sozialen Bedarf, der allerdings früher aufgrund bestimmter Rahmenbedingungen nicht richtig ausgelebt werden konnte (z.B. Skandinavien).

Nun sind wir alle vorzugsweise in EINEM dominanten Modell sozialisiert worden; gleichzeitig hat sich aufgrund der globalen Durchschlagskraft der digitalen Innovationen eine Systematik entfaltet, die für das gesellschaftliche Spannungsverhältnis verantwortlich zeichnet. Es etabliert sich vor unseren Augen eine Art Weltkultur, die in direkter Spannung zur regionalen Kultur mitsamt deren traditionellen Werten steht.

Angesichts dieser  oben angeführten, regional sehr unterschiedlichen sozio-kulturellen Zugangsweisen gegenüber dem Netz müssen wir also unterscheiden zwischen

  1. dem offenen Netz, das theoretisch alle auf eine Ebene stellt (World-Wide-Web);
  2. den teilweise proprietären Systemen, die, darauf aufsetzend, attraktive Zugänge und Schnittstellen schaffen (z.B. Facebook oder WeChat);
  3. den sich wechselseitig verstärkenden Nutzungsmodellen, die unterschiedliche Lebenswelten entstehen lassen (von Airbnb bis hin zur Mensch-Maschine-Kollaboration);
  4. den global sich entfaltenden Subkulturen, die soziokulturelle Muster anderer Peergroups adaptieren, da sie die Potenziale der digitalen Transformation für sich vergleichbar nutzen möchten (z.B. Sharing-Kultur).

Genau in diesem Spannungsverhältnis müsste dann die Bedeutung kultureller Bildung ansetzen, um diese verschiedenen Ebenen sichtbar zu machen.

Aus meiner Sicht müsste sie dabei mithelfen, denjenigen, die offen sind für die tatsächlich sich vollziehenden Veränderungen, beispielhaft ein Gefühl dafür zu „vermitteln“, wie zeitgemässe Kommunikationsstrukturen und Interventionsmöglichkeiten ausschauen könnten und wie sich diese gleichzeitig kritisch analysieren lassen. Sie müsste den Boden säen und als Vorbild fungieren, weniger pädagogisch (ich weiss, was gut ist für euch) und erst recht weniger elitär (ihr versteht eh nicht, was Shakespeare schon damals zur digitalen Transformation beitragen konnte), sondern als Beispiel, wie Augenhöhe gelebt und Vertrauen aufgebaut werden kann.

Nur sollten wir nicht naiv sein. Die kulturelle Bildung kann nicht alles richten, was in den vorherigen Bildungsinstitutionen falsch gelaufen ist. Ganz besonders dann, wenn die klassischen Bildungsinvestitionen weiterhin im Wasserfallmodell von oben (den Ministerien entlang von Koalitionsvereinbarungen) nach unten über die schlecht ausgebildeten und oftmals überforderten Multiplikatoren laufen soll. Man will in „der Politik“ weiterhin steuern, wohin „die Kultur“ und auch „die Bildung“ laufen sollte. Das ist das Kernproblem.

Damit sind wir wieder bei der Kommunikation. Wenn Bildungspolitik weiterhin von oben die Geschicke des Landes lenken und der persönlichen Entfaltung von individuellen Potenzialen eine Zuführung geeigneter Arbeitskräfte für den Industriemarkt sieht und darüber hinaus für soziale Ruhe sorgen will, also weiterhin top-down in ihren alten Kommunikationskänälen verfährt und lediglich verkündet, statt im amorphen Netz mitzuschwimmen, dann muss man sich nicht wundern, wenn hier Echokammern entstehen und eigene kleine Herrschaftsräume mit eigenen Gesetzen.

Führung und Kommunikation im 21. Jahrhundert bedeutet immer, nicht die anderen von der eigenen Meinung überzeugen zu wollen, sondern eine Haltung zu entwickeln und diese kontinuierlich vorzuleben. Und das bedeutet heute, sich in den sozialen Netzwerken als gleichberechtigter Netzwerkknoten zu bewegen und darüber auch die Vielfalt an alternativen Ansätzen kennenzulernen – und in der Folge dann diese Vielfalt über entsprechende, infrastrukturelle Rahmenbedingungen auch zu ermöglichen.

Wir müssen das aushalten und im Diskurs uns als Gesellschaft konfigurieren – jeden Tag und immer wieder von Neuem. Und dabei anderen niemals vorgeben, was sie zu denken haben. Sie nicht indoktrinieren, sondern einfach selbstverständlich die eigene Arbeit mit Haltung weiter entwickeln. Natürlich unter Ausnutzung auch des Netzes. Anders geht es heute gar nicht mehr. In diesem Sinne bitte ich um mehr Experimente.

Hier das Ergebnis.

Zum einen könnt ihr hier die ganze Podiumsdiskussion zu Beginn der Veranstaltung auf Facebook sehen. Und zum anderen hier meine Ausführungen im anschliessenden Kurz-Interview.

War eine tolle Veranstaltung!

Danke dafür 🙂

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