Bildung der Zukunft? Nix Genaues weiss man nicht …

Ein Beitrag von Angelica Laurençon und Anja C. Wagner

Zur Info

Wir haben uns das aktuelle Koalitionspapier vorgeknöpft, um zu sehen, welche bildungspolitischen Konzepte einen Konsens fanden in den Gesprächen – und wohin der Mainstream grundsätzlich tendiert.

Bei der Analyse sind wir in zwei Schritten vorgegangen:

Zunächst hat Anja die relevanten Passagen bzw. Konzepte in eine Art „Notensystem“ einsortiert. Dieses orientiert sich an unseren bildungspolitischen Vorstellungen, wie wir sie in unserem Buch B(u)ildung 4.0 formuliert hatten.

Dann haben wir jeweils unsere persönlichen Einschätzungen dazu formuliert. Ihr könnt diese unten in einer gemeinsamen, komprimierten Fassung einsehen.

Das Notensystem von 1 bis 5

SEHR GUT: INFORMELLE BILDUNG

  • digitale Verwaltung mit E-Akte
  • Open Data
  • kulturelle Bildung (Zivilgesellschaft, Bibliotheken, Stadtteilkulturzentren)
  • Bildung für nachhaltige Entwicklung
  • internationale Mobilität von Azubis der beruflichen Bildung
  • regionale Kompetenzzentrum für Digitalisierung
  • Förderung außerschulischer Medien- und Digitalbildungsprojekte für Kinder und Jugendliche
  • Ausstattung zeitgemäßer Lehrwerkstätten
  • Mehrgenerationenhäuser
  • Langzeitkonten für eigenverantwortliche Weiterbildung
  • Digital Hub Initiative fortsetzen
  • regionale Wirtschaftsförderung
    • Plattform von Verbänden, Mittelstand, Kammern und Industrie 4.0
    • CoWorking-, Gründungs- und Maker-Zentren
  • Beteiligungsplattform für alle veröffentlichten Gesetzentwürfe
  • Bundesprogramm „Smarte Modellregionen“
  • digitale Mobilitätsplattform
  • zivilgesellschaftliches Digitalisierungsprogramm für ehrenamtliches Engagement
  • E-Sport-Landschaft ausbauen
  • neue Arbeitsweltberichterstattung und neue Sozialstaatsforschung
  • Agenda für Kultur und Zukunft
  • digitale Zukunft der Kultureinrichtungen, z.B. DDB

GUTE MASSNAHMEN

  • Ausbildungsberufe werden modernisiert
  • Bafög
  • Aufstiegs-Bafög
  • High-Tech-Strategie als ressortübergreifende Forschungs- und Innovationsstrategie in F&E für Digitalisieirung, gesundheit, Klima und Energie, Mobilität, Sicherheit, soziale Innovationen und Zukunft der Arbeit
    • ==> Förderung von Sprunginnovationen durch direkte Forschungsförderung des Bundes mit Wissens- und Technologietransfer in die Wirtschaft
    • ==> Konzepte für Forschungscluster
  • mobiles Arbeiten
  • StartUp & Games
  • Forschungsförderung für forschende kleine und mittelgroße Unternehmen
  • Allianz für schnelleren Transfer von Forschungsergebnissen in marktfähige Produkte
  • Förderung der Gründungskultur
  • Verbesserung der sozialen Absicherung von Kreativen
  • Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung für alle Kinder im Grundschulalter
  • Aufbau eines bundesweiten MINT-E-Portals für mehr Transparenz und Information
  • Sonderprogramm zur Digitalisierung überbetrieblicher Berufsbildungsstätten (ÜBS) ausweiten
  • allen jungen Menschen einen qualitativ hochwertigen Ausbildungsplatz ermöglichen
  • Einrichtung einer Enquete-Kommision des Dt. Bundestags zur „Stärkung der beruflichen Bildung zur Sicherung des Fachkräftebedarfs“
  • Netzwerke von Hochschulen und Unternehmen fördern
  • Open University Network für Fernhochschulen
  • nationale Forschungsdaten-Infratsruktur
  • nationale Open-Access-Strategie
  • Leistungsfähigkeit des öffentlichen Dienstes verbessern
  • Frauen vermehrt in Führungspositionen in Hochschulen und Forschungseinrichtungen
  • Open-Innovation-Ansätze, Experimentierräume, neue Beteiligungsformen der Zivilgesellschaft fördern
  • Dialog stärken zwischen Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Gesellschaft
  • Nationales Forschungskonsortium für KI und maschinelles Lernen
  • Gesundheitsforschung & E-Health
  • Nutzung von Prinzipien der Natur
  • Forschung zur Zukunft der Arbeit
  • internationale Kooperation mit den Ländern Afrikas
  • Freifunk stärken
  • Ausbildungs- und Forschungsoffensive in allen Digitalisierungsfeldern (Innovation, digitale Souveränität und Interdisziplinarität)
  • Alle Forschungsschwerpunkte sind sehr gut
  • neue Finanzierungsformen für außerbetriebliche Weiterbildung
  • Arbeitszeitgestaltung
  • mobile Arbeit fördern
  • Social Entrepreneurship
  • umfassende Blockchain-Strategie
  • E-Government-Agentur als Think Tank mit regionalen Open Government-Laboren und Incubator/Accelerator
  • mehr IT-Kompetenz und bessere Führungsleute in die Verwaltung
  • Privacy by Design
  • Daten-Ethikkommission
  • digitaler Eu-Binnenmarkt
  • Leistungen in der Weiterbildung zukünftig pauschal abrechnen statt Einzelbelege
  • neue Geschäftsmodelle fördern
  • Arbeit auf Abruf im begrenzten Rahmen

MITTELGUT:  DENKEN IN INFRASTRUKTUREN

  • Digitalpakt Schule, inkl. Cloud-Lösung
  • Berufsbildungspakt für berufliche Schulen
  • Verstetigung Hochschulpakt
  • Gigabit-Netze (Glasfaser & 5G)
  • Bildungsstufen-Denken

GRUNDLEGENDES PROBLEM:  TECHNOKRATIE-VERSTÄNDNIS

  • Vollbeschäftigung bei gleichbleibendem Arbeitsvolumen
  • sachgrundlose Befristung v.a. ein Problem im öffentlichen Dienst
  • Nationaler Bildungsrat auf der Grundlage der empirischen Bildungs- und Wissenschaftsforschung (Ziel: Vergleichbarkeit von Bildungsangeboten)
  • Denken in Bildungsangeboten über die ganze Bildungsbiographie hinweg.
  • MINT-Bildung
  • Duale Berufsausbildung wird weiter gefeiert
  • Qualitätssicherung in der digitalen Weiterbildung
  • OER-Strategie
  • Einsatz adaptiver Lernsysteme und „Serious Games“ in der Berufsbildung
  • Ziel der Vollbeschäftigung
  • Langzeitarbeitslose in soz. Arbeitsmarkt auf Mindestlohn-Basis
  • Neue erzwungene Weiterbildungskultur durch Zwang seitens BA
  • Keine Kettenbefristungen
  • INQA

ALTES MINDSET: GLAUBE AN DAS WASSERFALL-PRINZIP TOP-DOWN (KEIN VERTRAUEN IN DIE MENSCHEN)

  • nationale Weiterbildungsstrategie
  • Recht auf Weiterbildungsberatung durch BA
  • Allianz für Aus- und Weiterbildung
  • Schule soll Kindern helfen, „die notwendigen Kompetenzen in der digitalen Welt zu erwerben“
  • Weiterbildungsangebote der Hochschulen ausbauen
  • VHS für Erwerb von Digitalkompetenzen
  • Hochschulen mehr Online-Lernangebote für digitale Kompetenzbildung der Studis
  • Nano-Degrees der Hochschulen
  • Weizenbaum-Institut
  • Nationale Weiterbildungsstrategie für Arbeitnehmer und Arbeitsuchende –> BA (s.o.)

Unsere Einschätzung

In Bildung und Digitalisierung liegen Deutschland weit zurück – nicht erst seit gestern. Alle wissen es. Für viele ist das ein Menetekel dafür, dass spätestens 2025 Deutschland einen hohen Preis für seine Säumnisse zahlen wird – genauer gesagt, die deutschen Arbeitnehmer*innen, die KMU und die Gesellschaft insgesamt. Die Multis wie Siemens werden da schon woanders sein.

Über das Problem wird seit Jahrzehnten viel debattiert und geschrieben, ist aber auch 2018 ungeachtet der Versprechen der PolitikerInnen der vorigen Groko und der Koalitionen davor, trotz der Warnungen der Experten, den Forderungen aus Industrie und Wirtschaft und den Hilferufen der Handwerkskammern noch ein digitales Notstandsgebiet.

Angela Merkel erklärte Bildung 2009 und Digitalisierung 2010 zur Chefsache. Was ist inzwischen passiert und was haben der damalige SPD-Wirtschaftsminister gemeinsam mit dem von der CDU geführten BMBF “gemeinsam” erreicht?

Nicht nur technologisch – Glasfaser, Breitband, Netzwerkstrukturen wurden jahrzehntelang vernachlässigt-, sondern auch die zeitnahe und zeitgerechte Umstellung des Bildungssystems, d.h. der bürokratischen Labyrinthen, verbleibt in einer Phantomdiskussion. Denn letztlich setzt eine konsequente Erneuerung der politischen Leitplanken eine Umkehrung fast aller Werte voraus.

Alle anderen aktuellen Streitthemen der Koalitionsverhandlungen (Arbeitsgesetze, Ausländerpolitik) können einfach und schnell per Gesetz geregelt werden. Nicht aber Bildung und Digitalisierung. Dafür braucht es mehr als nur Worte.

Die ganze digitale Denkstruktur, der damit verbundene Umbruch in den bürokratischen Silos überfordert aber den Willen der Entscheider*innen in Politik und Bildung, die immer stets den unmittelbaren ROE im Kopf haben: Was kommt für mich und meine Partei raus!

Daher der Bruch zwischen den ersten informellen und für deutsche Verhältnisse innovativen Ansätzen und im gleichen Satz die Konzessionen an die aktuellen Stakeholder: Hochschulen, Behörden wie die Bundesagentur für Arbeit, VHS, Kultusministerkonferenz u.a.

Das liegt an der dem föderalen Bildungssystem eigenen zentripetalen Kraft: Es existiert keine nationale Instanz, die mit der erforderlichen Kompetenz und den notwendigen Mitteln die komplexe Umstellung zügig durchführen könnte – unbürokratisch, schnell, alle Hürden aus dem Wege schaffend.

Daher auch der Widerspruch zwischen innovativen und “guten” zukunftsbestimmenden Ideen in Bildung und Digitalisierung – die die SPD zwar im Koalitionspapier festzurren wollte und dem latent fehlenden Willen und Mut, dafür auch die Verantwortung zu übernehmen.

Warum belegt die SPD also nicht dieses Zukunftsministerium – als Teil des BAMS z.B. oder als Drehscheibe, die all jene “Überlappungen” überwindet, die seit Jahrzehnten alles nur verknoten statt vernetzen?!

Dabei wäre gerade Bildung und Digitalisierung das ideale Leuchtturmprojekt einer Partei, die “vorwärts” zu ihrem Motto machte. Die Inhalte sind da, es fehlen jedoch die willigen und mutigen Umsetzer. Vielleicht hätte man hier den JUSOS und nicht den SENSOS eine Chance geben müssen.

Der Entwurf ist von daher eine eklatante Klatsche ins Gesicht und die Zukunft der Menschen, die sich unmittelbar mit dieser vierten industriellen Revolution auseinandersetzen müssen.

Das hat verschiedene Gründe. Zum einen ist das ganze Kapitel Bildung noch weitgehend vom Geist der Gewerkschaften und dem Wasserfall-Modell der letzten Jahrhunderte gezeichnet und verschweigt die Realitäten einer digital notwendigen Transformation.

Dabei hätte Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern wie Spanien, Italien, Griechenland oder Polen eine sehr gute Ausgangssituation.

  • Der Wirtschaft geht’s gut,
  • die Kassen sind auf Bundesebene voll,
  • die Arbeitslosenrate ist so niedrig wie zuvor,
  • Deutschland hat im Vergleich zu Frankreich viel weniger junge Menschen in der Ausbildung,
  • und eher einen steigenden Bedarf an Fachkräften und Personal in allen Bereichen, der noch ausserhalb gedeckt werden kann.

Zum anderen wirken aber all die Ideen und Vorschläge zu Bildung und Digitalisierung wie ein Otto-Katalog, zumindest verglichen mit dem Regierungsprogramm von Macron, der aus Frankreich eine Startup-Nation machen will. Im deutschen Koalitionspapier ist für alle etwas dabei.

Beim Durcharbeiten drängt sich einem das Bild eines Briefkastens auf, der an der Bürotür hing und in den jede/r Interessierte seine zentralen Stichwörter einwerfen durfte. “Adaptive Learning” ist solch ein klar besetzter Lobbybegriff, aber auch der “Digitalpakt Schule, inklusive Cloud-Lösung” sind typische Kampfbegriffe der digitalen Bildungsindustrie, so wie “Volkshochschulen”, “Hochschulen” oder “Open Educational Ressources” typische Marketing-Begriffe der Pädagogik-Hochburgen in der Bildung sind.

Immerhin, bei aller Kritik, lässt sich positiv vermerken: Es ist auch viel Potenzial für die von uns präferierte, moderne informelle Bildung vorhanden. Zwar indifferent nicht mit konkreten Zahlen versehen wie die technologischen Ausstattungen für die diversen *schulen, die sich klar mit Zahlen als Anschubfinanzierung beziffern lassen. Aber es schimmert durch die Erkenntnis, dass es neben den alten Institutionen ein griffiges, zivilgesellschaftlich wie infrastrukturell abgesichertes Alternativ-Modell braucht, wollte man denn bildungspolitisch etwas nachhaltig in die Gänge schieben.

Doch ach, für alternative Visionen kann man sich hier kaum erwärmen, zumal in Deutschland, in dem der Satz „Schuster, bleib bei deinen Leisten“ mehr Zustimmung erfährt als Unternehmer*innen, die Weltprobleme in den Blick nehmen.

Womit wir wieder bei dem ROE wären: Was bringt wem welche Vision?

Vielleicht ein wenig Mut und Zukunftszugewandtheit bei allen fortschrittlichen Kräften?! Wenn man es denn gesamtgesellschaftlich betrachten wollte …

Die SPD wird aus unserer Sicht nur dann wieder als “vorwärts”-Partei wahrgenommen werden können, wenn sie transformativ denken lernt. Bislang verteidigt sie weiterhin ihre alte Klientel von VHS bis DGB. Hier fehlt aber meist der Wille, die Welt von morgen zukunftsfähig für alle zu gestalten – mitsamt der Menschen, die bereits jetzt zwischen all den Stühlen sitzen angesichts eines zur Ideologie verkommenen Normalarbeitsverhältnisses und dem Irrwitz einer „Vollbeschäftigung“ bei seit Jahren gleichbleibendem Arbeitsvolumen, so dass diese nur auf Mindestlohnniveau im Sozialsektor zustande kommen kann – und auch soll.

Dass man über solch ein Horrorszenario (wer in Hartz IV landet, muss umschulen zur Pflegekraft) die Menschen wohl kaum positiv gestimmt bekommt, ihre Weiterbildung proaktiv und selbstbestimmt in die eigenen Hände zu nehmen und etwas Neues zu wagen, das ja durchaus auch scheitern kann/muss in diesen Zeiten, steht auf der anderen Seite des Blattes. Doch dahin schaut man lieber nicht.

Und wie macht es Frankreich?

In Frankreich wird seit jeher alles zentral gesteuert – und Macron packt es an, wie auch immer man politisch zu ihm stehen mag. Erste Ergebnisse lassen sich jedoch bereits erkennen:

  • Innerhalb weniger Monate machte die Regierung Druck auf die sechs Glasfaser-Anbieter;
  • krempelte die Arbeitsgesetze um;
  • organisierte das Bildungswesen neu und verlagerte wieder die Prioritäten, wie z.B. Mathematik für alle ab der 1. Klasse;
  • für die Weiterbildung in KMU gibt es mehr MOOCs;
  • und BOB für die Arbeitsuchenden – statt Jobcenter.

Fazit: Wenn man wirklich etwas will, kann man viel gleichzeitig angehen und gestalten.

Was also tun als kritisches SPD-Mitglied? Es gibt viele gute Gründe, um den Entwurf für einen künftigen Koalitionsvertrag als ein Kartenhaus abzulehnen. Dieser Koalitions-Entwurf will die Probleme der Zeit anpacken, enthält aber schon alle Gräben und Gruben, in denen die guten Absichten schnell versenkt werden. So wie immer…

Hoffen wir weiterhin auf den Ruck, der durch die gesamte Kultur ziehen muss!

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